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Reformation am Sternenhimmel
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Reformation am Sternenhimmel

Vera Langner
Ein Beitrag von

Vera Langner,

Evangelische Pfarrerin, Ober-Ramstadt

Nikolaus Kopernikus hat vor 500 Jahren in den Sternenhimmel geschaut. Der große Astronom, Arzt und Mathematiker hat im sechzehnten Jahrhundert beobachtet, was Menschen schon seit Menschengedenken fasziniert: unzählig viele große und kleine Lichter, Leuchtpunkte am Nachthimmel. Sie bewegen sich vor dem menschlichen Auge und sind doch immer wieder da. Verlässlich und wunderbar.

Nikolaus Kopernikus hat dabei aber auch Neues gesehen. Was er beobachtet und berechnet hat, führte zu einer Reformation am Sternenhimmel. Nicht die Sonne dreht sich um die Erde, sondern die Erde dreht sich um die Sonne, und mit ihr die Planeten des Sonnensystems. Kopernikus war ein Zeitgenosse Martin Luthers. Martin Luther jedoch soll Kopernikus einen Narren genannt haben. So unvorstellbar war für Luther und die meisten Menschen damals diese neue Sichtweise auf den Himmel.

Dabei hätten Luther und Kopernikus als Kollegen in Sachen Reformation eigentlich gut zusammenarbeiten können. Der eine reformierte den Blick auf die Sterne und veränderte das naturwissenschaftliche Weltbild. Der andere reformierte den Blick auf Gott und veränderte die Kirche. Nikolaus Kopernikus war gerade mal 10 Jahre älter als Martin Luther, er starb nur 3 Jahre vor Luther im Alter von 70 Jahren. Das war 1543. Beide haben die Welt verändert durch ihre Beobachtungen, durch ihre Erfahrungen und den unbedingten Willen, die Wahrheit herauszufinden. Der eine als naturwissenschaftlich denkender Mensch, der andere als theologisch denkender Mensch.

Ich mache ein Gedankenexperiment. Ich stelle mir vor, die beiden treffen sich, obwohl sie sich zu Lebzeiten nie begegnet sind, treffen sich heute an einem Ort, den es zu ihren Zeiten noch gar nicht gab, – in einer evangelischen Kindertagesstätte. Sie sind dort außerhalb der Öffnungszeiten, es ist ruhig in den Räumen, und die beiden sehen sich um. Ich glaube, es könnte eine Sternstunde daraus werden.

Musik: Ottorino Respighi, aus Antiche Arie et Danze, 3. Campanae parisienes + Aria (Philadelphia Orchestra unter Riccardo Muti)

Wenn Nikolaus Kopernikus und Martin Luther heute in einer evangelischen Kindertagesstätte zusammentreffen würden, hätten sie Grund zum Staunen. Was Kopernikus vor 500 Jahren entdeckt hat und Luther noch nicht glauben konnte, weiß heute jedes Kind. Die Erde dreht sich um die Sonne und nicht umgekehrt. Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt, sondern ein kleiner Planet im Sonnensystem, ein winziges Bällchen in einem sich ausdehnenden Weltall unzähliger Sonnensysteme. Ich stelle mir vor, die beiden treffen sich am Abend, wenn es ruhig ist in den Räumen. In den Bücherregalen auf Augenhöhe der Kinder könnte Nikolaus Kopernikus heute Neues studieren.

Oben im Regal auf Augenhöhe der Erwachsenen fände er einen Bildband mit herrlichen Aufnahmen aus dem Weltall. Das Hubble-Mikroskop hat sie gemacht. Fasziniert könnte Nikolaus Kopernikus stundenlang blättern und dabei feststellen, dass auch er sich teilweise geirrt hatte damals.

Die Planeten kreisen nicht kreisrund um die Sonne, wie er es aufgezeichnet hatte in seinem Buch: „De revolutionibus orbium coelestium“ zu Deutsch: Über die Umschwünge der himmlischen Kreise. Nein es waren keine Kreise, sondern Ellipsen. Das hatte aber erst später Johannes Keppler berechnet, ein begeisterter Anhänger des Kopernikus, der dessen Entdeckungen weiter entwickelte. Keppler wendete dabei konsequent die Naturgesetze und die Gesetze der Mathematik auch auf die Himmelsköper an.

Das war damals etwas Neues, ungewöhnlich, weil man dachte, dass im Himmel ganz andere Gesetze herrschen müssten als auf der Erde. Und doch argumentierte Keppler durchaus theologisch: Wenn Gott Himmel und Erde geschaffen hat und wenn er ein Gott ist, der Ordnung schafft jenseits des Tohuwabohu, dann sollte diese Ordnung hinter allem erkennbar sein im Himmel und auf Erden.

Musik: Johann Sebastian Bach, Präludium C-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier (Maria Todtenhaupt, Harfe)

Während Nikolaus Kopernikus heute in einer Evangelischen Kindertagesstätte fasziniert in einem „Was ist Was“ Kinderbuch blättern könnte, um Neues zu erfahren über den Himmel und die Sterne, würde Martin Luther begeistert feststellen: Auch die Bibel ist inzwischen für jedes Kind zu haben. Als buntes Kinderbuch für jedes Alter mit Texten und Bildern liegt sie in den Räumen der Evangelischen Kindertagesstätte aus. Die schönsten Geschichten der Bibel schon für die Kleinsten zum Betrachten und Kennenlernen!

Martin Luther wäre begeistert. Im Andachtsraum könnte er darüber hinaus noch etwas Besonderes entdecken: Dort hängt ein großes buntes Plakat an der Wand: „Psalm 23“ steht darüber. Die Kinder haben es gemalt. Schafe und Hirten, Wasser und Wiesen sind zu erkennen, auch eine dunkle Schlucht ist zu sehen und ein reich gedeckter Tisch dicht daneben, dazwischen lauter Worte. Ältere Kinder haben sie geschrieben haben und Erzieherinnen: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln, er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine See. Er führet mich auf rechter Straße. „Meine Übersetzung“, könnte Martin Luther sagen und dabei zufrieden lächeln. „Ja, sie haben bis heute immer noch meine Worte für diesen alten Psalm 23.“ Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürcht ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Musik: Claude Debussy, Claire de Lune, (hr-Sinfonieorchester unter Jean-Christoph Spinosi)

Würden Martin Luther und Nikolaus Kopernikus heute in einer evangelischen Kindertagesstätte zusammentreffen, könnten sie zufrieden im Foyer am Elterntisch Platz nehmen und eine Tasse Kaffee miteinander trinken; denn die steht dort für alle bereit, die die Kita besuchen. Entspannt könnten sie nach all den neuen Eindrücken ins Gespräch kommen miteinander:

Ich stelle mir vor, Kopernikus sagt zu Luther: In was für einer tollen Zeit die Kinder heute leben. Sie brauchen keine Angst mehr zu haben, als Ketzer verurteilt zu werden, so wie wir damals. Ich habe ja sicherheitshalber mein Buch mit der neuen Sicht auf unser Sonnensystem erst in meinem Todesjahr herausgegeben, 1543. Es hätte mich sonst vermutlich mein Leben gekostet, das Weltbild so zu revolutionieren. Konnten sich doch die Menschen damals gar nichts andere vorstellen, als dass die Sonne, der Mond und die Sterne sich um die Erde drehen.

Die Menschen folgten einfach ihrem Gefühl, dass die Erde still steht. Schließlich war ja auch kein Fahrtwind oder Flugwind zu spüren. Und sie folgten dem, was sie vor Augen hatten, dass Sonne, Mond und Sterne am Himmel vorüberziehen Tag für Tag und Nacht für Nacht. Und doch ist die Wahrheit eine ganz andere. Ich konnte ja nicht anders, als meine neuen Erkenntnisse der Nachwelt überliefern mit all dem, was ich aufgezeichnet hatte.

Und Luther könnte Kopernikus erwidern: „Ja, lieber Kollege, es war auch für mich eine heikle Mission, die neuen Erkenntnisse des Glaubens öffentlich zu vertreten. Aber ich konnte ja nicht anders, als bei dem zu bleiben, was ich erkannt hatte: Gott ist ein gnädiger Gott und möchte, dass wir ihm einfach vertrauen. Wir können ihn finden in den Worten der Bibel. Wir können diese Worte aufscheinen lassen in unseren Herzen und Gedanken. Dann sind sie wie Sterne am Nachthimmel, – immer wieder da, verlässlich, wunderbar und Hinweis auf Gott, den Schöpfer der Welt. Wie Sternbilder können wir die Bilder der Bibel betrachten und auf uns wirken lassen. Sie können uns Orientierung geben und Halt und Hoffnung.“

Kopernikus, der den Himmel mit dem Fernrohr betrachtet hat, ist mit diesem Bild vielleicht nicht einverstanden: „Die Sternbilder? Wie können die Orientierung geben und Halt und Hoffnung?“ fragt er Luther, und fährt fort: „Das sind doch nur optische Erscheinungen von der Erde aus betrachtet. Die gibt es doch nicht wirklich.
Für Seefahrer, ja, für die mag das gestimmt haben mit der Orientierung, aber für alle anderen sind doch die Sterne nur leuchtende Himmelsköper in gewisser und ungewisser Ordnung.“

Luther aber könnte Kopernikus erzählen, dass die Worte und Buchstaben der Bibel allein ja auch nur in einer gewissen und ungewissen Ordnung aufgeschrieben wurden von Menschen in ihrer jeweiligen Zeit. „Orientierung und Halt und Hoffnung geben diese Worte nur, wenn du sie immer wieder betrachtest und darüber nachdenkst, dich damit vielleicht auch rumärgerst und sie in Verbindung bringst mit all dem, was du weißt und fühlst. Dann aber kann es passieren, dass dir in einem Augenblick ein Licht aufgeht. Du kommst auf einen völlig neuen Gedanken, den du vorher noch nie gedacht hast. Du erlebst eine Wahrheit, durch die alles anders wird.“

Diesem Gedanken könnte Kopernikus wohl ohne weiteres zustimmen. Wie lange hatte er selbst sich rumgeärgert mit den vielen Beobachtungen, Berechnungen und Gedanken, die einfach nicht zusammenpassten. Er brauchte den Mut, das althergebrachte Weltbild nicht als Maßstab zu nehmen für die neuen Erkenntnisse. Nur durch eine völlig neue Sichtweise auf die Welt passten die Dinge wieder gut zusammen.

Musik: Gustav Holst, Die Planeten (New York Philharmonic Orchestra unter Zubin Mehta)

Durch eine völlig neue Sichtweise auf die Welt passen die Dinge wieder gut zusammen. So haben es Nikolaus Kopernikus und Martin Luther erlebt vor 500 Jahren. Der eine reformierte den Blick auf den Sternenhimmel und der andere reformierte den Blick auf den Glaubenshimmel. Neue Horizonte taten sich für beide auf. Die neuen Erkenntnisse waren befreiend: Der eine entdeckte: Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt und bleibt doch faszinierend schön als kleiner Planet, der gemeinsam mit anderen Planeten rund um die Sonne kreist.

Der andere erkannte: Der Glaube ist kein starres Korsett von Vorschriften der Kirche, sondern eine lebendige Beziehung zu Gott, die dem Leben dient.

In meinem Gedanken-Experiment verlassen jetzt die beiden die Kindertagesstätte. Ich schaue ihnen dankbar nach. Denn nach 500 Jahren erleben wir segensreiche Früchte dieser Reformationen im Denken und Glauben. In der Kindertagesstätte sind alle Kinder und Familien willkommen. Unterschiedliche Kulturen, Religionen und Milieus leben und lernen miteinander und voneinander. Kinder beobachten, experimentieren und probieren aus, was sie interessiert und fasziniert. Pädagogische Fachkräfte schaffen dafür die Räume und setzen auch die Grenzen. Kinder entdecken so die Welt, wie sie ist. Sie lernen, darin gemeinsam zu leben. Dazu braucht es auch gemeinsame Regeln, die jenseits der Naturgesetze verlässliche Rahmenbedingungen geben.

Für mich drückt sich in diesen Regeln und Grundsätzen mein christlicher Glaube aus. Jeder Mensch ist ein kostbares Geschöpf Gottes und zugleich Teil der faszinierenden Schöpfung. Gerade weil wir unterschiedlich begabt sind und verschiedenes können, bereichern wir uns und ergänzen uns. Eine Gemeinschaft gelingt, wenn sich jeder und jede verantwortlich fühlt und den je eigenen Teil dazu beiträgt, dass alle gut miteinander leben können. So erlebe ich es in der Familie, im Freundeskreis oder in meinen unterschiedlichen Arbeitsbereichen. Wie schwierig das sein kann, erlebe ich auch. Deshalb finde ich es wichtig, was schon im Kindergarten gelernt wird.

Es geht ums Staunen und neugierig sein, um entdecken und lernen, was wie funktioniert und was warum wofür wichtig ist. Viel für den Verstand. Viel für das soziale Miteinander. Aber auch die Herzensbildung ist für mich ein wichtiger Teil im Angebot. Zu suchen und zu spüren, was mir Halt und Hoffnung geben kann, wenn ich traurig bin oder ratlos, wütend oder verzweifelt, das ist etwas, was wir üben und lernen können.

Der Glaube an einen Schöpfer, der die Sterne zählt und sie mit Namen kennt, – dieser Glaube ist ein Geschenk. Der Blick in den Sternenhimmel kann dabei helfen, diesen Glauben zu erleben als etwas, das uns tröstet und heilsam wirkt. So haben es Menschen schon oft erlebt. In Worte gefasst hat es der Beter in Psalm 147. Dort heißt es in den Versen 3-6:

Gott heilt, die zerbrochenen Herzens sind und verbindet ihre Wunden, Gott zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen. Groß ist die göttliche Macht, voller Kraft, und unermesslich ihre Weisheit.

Musik: Felix Mendelssohn, Reformationssinfonie, London Symphony Orchestra

Gott heilt, die zerbrochenen Herzens sind und verbindet ihre Wunden, Gott zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen. Groß ist die göttliche Macht, voller Kraft, und unermesslich ihre Weisheit.

Ich finde solche Worte und Gedanken faszinierend. Zeigen sie doch, wie die ganz großen Dinge der Welt und mein kleines Leben bei Gott zusammenhängen. Der Glaube an die Kraft der Liebe, die alles zusammenhält im Himmel und auf Erden macht Kinder wiederstandfähiger gegen alles, was die Seele erschüttern und verletzen will. Und Erwachsene auch.

Deshalb war er gut, dass meine Mutter mir von klein auf dieses Lied vorm Schlafengehen gesungen hat: „Weißt du wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt, weißt du wieviel Wolken gehen weithin über alle Welt.“ Das Lied singe ich bis heute mit meinen Enkelkindern. Wenn sie im Bett liegen und Abschied nehmen von einem aufregenden Tag, bevor die Nacht anbricht, singen wir miteinander, damit wir gut schlafen können. Mich trösten bis heute die Gedanken von diesem Lied, in dem es am Ende heißt: „ kennt auch dich und hat dich lieb, kennt auch dich und hat dich lieb.“

Ich vertraue darauf, dass mein Lied in den Gedanken und Herzen der Kinder nachklingt. Ich hoffe, dass sie in ihrem Leben Gott finden, der die Sterne zählen kann, weil sie seine Geschöpfe sind. Ich wünsche mir, dass sie dieses Lied erinnern und behalten, wenn sie später als Erwachsene in den Sternenhimmel schauen, vielleicht mit Sorgen, vielleicht mit Fragen, auf die sie noch keine Antwort haben. Dann kann der Blick zu den Sternen sie trösten, weil sie dahinter die Kraft Gottes spüren, der all dies geschaffen hat in einer wunderbaren Ordnung. Gott will bis heute auch mir helfen, Dinge in Ordnung zu bringen.

Musik: Johann Sebastian Bach, Menuett aus der Orchestersuite Nr. 2, (La Stravaganza Köln unter Andrew Manze)

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