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Nikolaus
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Nikolaus

Andrea Wöllenstein
Ein Beitrag von

Andrea Wöllenstein,

Pfarrerin im Referat Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Marburg
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Seit Wochen stehen sie in den Regalen der Supermärkte und tun das, was die Geschäftsleute nicht können: Warten. Heute aber ist ihr Tag. 6. Dezember, Nikolaus. Ob in den Stiefeln, die die Kinder gestern Abend vor die Tür gestellt haben, auf dem Frühstückstisch zur Überraschung für den Liebsten, als netten Gruß auf dem Schreibtisch der Kollegin oder sogar live im Kindergarten – heute hat er seinen Auftritt.

Er hatte eine weite Reise bis zu uns nach Deutschland. Nikolaus kommt aus Myra, aus der Türkei. Ein Migrant könnte man sagen. Oder genauer: Ein Saisonarbeiter. Von September bis zum 26. Dezember. Danach ist Nachsaison, zum halben Preis. Nikolaus gilt als großer Kinderfreund. Von keinem Heiligen gibt es so viele Geschichten und Legenden. Eine erzählt von einem Familienvater, der so arm war, dass er in der Not seine drei Töchter verkaufen wollte. Das hört Nikolaus und füllt drei Säckchen mit Gold. In der Nacht schleicht er sich zu dem Haus der Familie und wirft das Gold durch das offene Fenster. Da ruft der arme Mann: „Nikolaus hat uns Gold geschenkt. Ich muss meine Kinder nicht verkaufen.“

Was wie eine Geschichte aus ferner Zeit klingt, ist in vielen Ländern heute immer noch bittere Realität. Eltern, die in der Not ihre Kinder verkaufen. Oft wird ihnen vorgemacht, die Jungen und Mädchen bekämen eine Ausbildung, könnten irgendwann wieder nach Hause zurück. Doch sie landen als Kindersklaven in der Teppichindustrie, werden Kindersoldaten in Bürgerkriegen oder missbraucht als Prostituierte. Und manchmal sind es die Töchter selber, die auf Betrüger hereinfallen, die ihnen einen guten Job versprechen und sie dann in Bordellen festhalten. Die Zahl der Zwangsprostituierten ist auch in Deutschland alarmierend hoch. Oft sind es Frauen aus Osteuropa, die von organisierten Banden in den Westen geholt werden.
Da müsste ein Nikolaus hin. Nicht mit Schokolade, sondern mit einer Rute! Immerhin ist Zwangsprostitution seit einem Jahr ein definierter Strafbestand in Deutschland. Aber die jungen Frauen brauchen Aufklärung und sie brauchen Hilfe. Der Verein „FRANKA – Frauen in Not Kassel“ hat sich genau das zur Aufgabe gemacht. Eine Fachberatungsstelle im Diakonischen Werk für Frauen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind. Franka leistet konkrete Hilfe, berät die Frauen und sucht mit ihnen nach Perspektiven. Gold durchs Fenster werfen, wie der Heilige Nikolaus, das können sie nicht. Aber die Arbeit, die sie machen, die ist Gold wert. Wer sie unterstützen will – für den öffnet sich im Internet schnell ein Fenster: Franka.

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