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Nikolaus in der Schule
Bild: Pixabay

Nikolaus in der Schule

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von

Charlotte von Winterfeld,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

Mein katholischer Kollege ist der perfekte Nikolaus. Er ist fast zwei Meter groß, 60 Jahre alt und hat einen weißen Bart. Dazu das würdige Bischofskostüm mit rotem Mantel, mit Bischofstab und roter Bischofsmütze. Jedes Jahr geht er in verschiedene Schulen, um dort den Nikolaus zu spielen und Süßigkeiten vorbeizubringen. Manchmal versuchen die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer ihm vorher Listen mit den Namen der Kinder zu geben. Hinter jedem Namen ein Kommentar darüber, was das Kind besser machen muss. Lisa muss es noch lernen, sich zu melden, Marco schwätzt zu viel, Benjamin soll regelmäßig seine Hausaufgaben machen.

Der Nikolaus als perfekte Erziehungsmethode? Wer ein Geschenk will, muss sich vorher die Erziehungshinweise der Lehrer anhören? Nein, da weigert sich mein Kollege. Das passt nicht zum historischen Nikolaus. Recht hat er. Viel weiß man vom historischen Nikolaus allerdings nicht. Er war vor tausendsechshundert Jahren Bischof in Kleinasien, in der heutigen Türkei. Darauf sind die türkischen Kinder immer besonders stolz. In vielen Legenden hilft Nikolaus Menschen in Not, indem er ihnen schenkt, was sie brauchen. Sogar sein eigenes Erbe hat er verschenkt. Ursprünglich war der Nikolaustag der Tag der großen Bescherung mit Geschenken und nicht Weihnachten.

Es gibt viele rührende Geschichten und Legenden über diesen Nikolaus, und sie kreisen alle um seine große Menschenfreundlichkeit. Das angebliche Grab des Nikolaus im heutigen Demre in der Südtürkei besuchen bis heute junge Musliminnen, um es zu berühren und sich dabei Kinder zu wünschen. Ich finde das sehr erstaunlich bei einem christlichen Bischof. In einigen Ländern war der gütige Nikolaus den Menschen offenbar ein Dorn im Auge. Da bekam er in den letzten Jahrhunderten als Gegengewicht strenge Begleiter zur Seite gestellt. In Deutschland zum Beispiel den Knecht Ruprecht, der die weniger braven Kinder mit der Rute einschüchtern soll und die Kinder fragt, ob sie denn auch brav und fromm gewesen seien. Schon verrückt: Den freundlichen, den helfenden, den beschenkenden Nikolaus sollte es einfach nicht geben ohne eine gehörige Portion Angst.

Und genau dabei macht mein Kollege nicht mit, wenn er den Nikolaus spielt. Wenn er in den roten Mantel schlüpft, wird er sicher kein Kind beschämen, mit dem, was es vielleicht falsch gemacht hat. Nikolaus denkt einfach positiv und macht Mut. Es ist schön, wenn Kinder und auch viele Erwachsene sich gegenseitig zum 6. Dezember, dem Todestag des Bischofs, Schuhe und Stiefel herausstellen und befüllen. So führen sie etwas fort, was auch Nikolaus wollte: schenken, an den anderen denken und Mut machen zum Leben.

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