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Neues durch Veränderungen
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Neues durch Veränderungen

Stefan Buß
Ein Beitrag von

Stefan Buß,

Katholischer Pfarrer, Innenstadtpfarrei St. Simplicius, Faustinus und Beatrix, Fulda

Ich muss gestehen: Die Osterzeit liebe ich besonders, vor allem auch wegen der Lesungen aus der Apostelgeschichte, die in diesen Tagen in den Gottesdiensten zu hören sind. Es sind die Erzählungen von den Anfängen der jungen Kirche nach der Auferstehung Jesu. Erzählungen aus einer Zeit, in der noch nicht klar war, wie diese Kirche da denn aussehen sollte: Wer dazugehören soll und wer nicht. Und da kommt es auch mal zwischendurch zu großen Problemen, weil etwas NEUES entsteht, etwas, was vorher noch nicht war und was es noch nicht gegeben hat. Das finde ich auch immer so tröstlich, weil wir auch heute in einer Zeit leben, in denen Veränderungen das Leben prägen und auch so viele Fragen offen sind. Auch die Frage: Wohin geht das Christentum in diesen Tagen, wohin geht die Kirche? Damals wie heute entsteht und muss NEUES entstehen.
Dann stehen natürlich die auf dem Tapet, damals wie heute, die unbedingt dafür eintreten, dass alles möglichst so bleibt, wie es immer schon gewesen ist. Denn dann muss man sich nicht umgewöhnen – und das ist ja immer am Bequemsten. Wenn sich nichts ändert, muss ich mich selber auch nicht auf etwas Neues einlassen. Dann geht es einfach weiter wie bisher.
Und damit sich auch nichts ändert, muss man nur laut genug sagen, dass Gott das nicht will – und dann darf man ja auch nicht dran rütteln.
Dann wird doch gerüttelt – und dann passieren Dinge, die vorher undenkbar gewesen sind – und am Ende ist genau das das Richtige, genau das, was Gott gewollt hat. 

Musik: Hans-Jürgen Kaiser an der großen Orgel im Hohen Dom zu Fulda: Die erste der improvisierten Fünf Evokationen zu dem Hymnus „Veni creator spiritus“ („Komm, Schöpfer Geist“), Dauer: 3.24 min

In der Apostelgeschichte gibt es einen Abschnitt, der zu dieser Thematik gut passt und ausgerechnet heute in den katholischen Gottesdiensten verlesen wird. Da kommt, während Petrus redet, der Heilige Geist auf die Menschen herab – und erfüllt alle. Aber, und das ist das Unerwartete und Neue, der Hl. Geist kommt nicht nur auf die Juden herab, sondern auch auf die Heiden. Heiden, das waren im damaligen Sprachgebrauch Menschen, mit denen ein frommer Jude zur Zeit Jesu nichts zu tun haben wollte – und auch       nichts zu tun haben durfte. Heiden waren damals alle, die nicht zum jüdischen Glauben gehörten. Mit Heiden, also mit Ungläubigen, Umgang zu haben, mit ihnen zu reden oder überhaupt in Berührung zu kommen, das war Sünde, eine Sünde, vor der Gott die Frommen bewahren sollte. Und jetzt empfangen diese verachteten und gemiedenen Heiden den gleichen Heiligen Geist wie auch die Juden. Das ist so anders, so fremd und neu, dass es die gläubig gewordenen Juden gar nicht fassen können - und sie wollen es wohl auch nicht. Darf das denn so sein? Kann Gott so was machen? Kann Gott die in seine neue Gemeinschaft mit hineinnehmen, die die frommen Juden selbst vorher immer sehr bewusst ausgeschlossen hatten? Diese Heiden, vor denen sie sich so in Acht genommen hatten wie der Teufel vor dem Weihwasser!
Sie können es nicht fassen…..
Aber dieser Heilige Geist bewegt den Petrus dann doch wohl so sehr, dass er zur Überzeugung kommt: Doch! Wer den Heiligen Geist empfangen hat, dem können und dem dürfen sie die Taufe nicht verwehren, denn der gehört auch zur Gemeinde des auferstandenen Herrn - auch wenn er vorher nicht Jude war, sondern Heide. Petrus kann Grenzen überschreiten: Religiöse und traditionelle. ER lernt: Die Welt ist größer und weiter als er denkt, weil es Gottes Welt ist. Und am Anfang des Lukasevangelium war es ja auch der Greise Simeon der, als Maria und Josef Jesus in den Tempel bringen, über das Kind sagt: Diese Kind ist das „Licht, das die Heiden erleuchtet!“ (Lk 2,32), also für alle Menschen gekommen ist. Was nun aber in der Apostelgeschichte erzählt wird und geschieht, das ist ein wirkliches Wunder. Diese geschlossene und verschlossene Gruppe der gläubig gewordenen Juden kann sich öffnen – und die kann Menschen Raum geben, mit denen sie vorher nichts hätte zu tun haben wollen. Und so kann das Christentum sich ausbreiten – über Israel hinaus, hinein in die Welt. Weil Gottes Geist sich nicht aufhalten lässt. Gott lässt sich nicht vereinnahmen und festhalten, nicht von Glaubensgrenzen und auch  nicht von Ländergrenzen, sondern er schenkt sich allen – allen, die ER erwählt hat. Eine wunderschöne Geschichte – aber auch eine aufregende. Eine Geschichte, die uns aufregen und unruhig machen muss, wenn wir auf die Kirche heute schauen. Auf eine Kirche, in der es im Moment auch so etwas gibt, nämlich die Frage: Kann man sich öffnen für Neues – oder mss man die Türen verschlossen halten? Den Heiligen Rest vor dem Niedergang bewahren?
Wenn sich eine Gruppe von Bischöfen in unserer Kirche um die Menschen bemüht, deren Ehe gescheitert ist – Menschen, die nun in einer anderen Beziehung ganz verantwortlich leben; wenn diese Bischöfe solche Menschen wieder in die Kommuniongemeinschaft hineinnehmen wollen – dann werden auch gleich wieder die laut, die das nicht fassen können, -- und sie beklagen gleich den Verlust aller Werte und die Auflösung von Sakramenten -- Werte und Sakramente, die überhaupt nicht in Frage gestellt werden. Ähnlich ist es mit der Frage, wenn sich die Deutschen Bischöfe durchringen auch evangelischen Partnern in einer Ehe mit einem Katholischen Partner einen Weg für einen Kommunionempfang zu öffnen. Und das lässt sich noch weiter fortsetzen.
Man kann so denken, wie diese „Fassungslosen“ - und man hat dann auch noch die Kirche mit ihren Traditionen auf seiner Seite. Aber was ist, wenn Gottes Geist das doch anders haben will? Was ist, wenn Gottes Geist seine Kirche heute verändern will, weiten und barmherziger machen will? Dürfen wir dem dann entgegenstehen? Dürfen wir nur sagen: Früher war das aber so – und das muss so bleiben? Oder müssen wir nicht auch damit rechnen, dass Gottes Geist auch heute noch lebendig ist? Dass die Kirche ihn nach der Zeit der Apostelgeschichte nicht in Pension geschickt hat, sondern dass er immer noch in seiner Kirche lebt und wirkt – und sie verändern, weiten und ausbreiten will? „Gottes Geist lässt sich nicht zähmen und nicht regulieren“, so sagte unser Papst Franziskus den Kardinälen kurz vor Weihnachten 2017 in seiner Ansprache an sie. Und wenn die Kirche dem Hl. Geist treu ist, dann versucht sie auch nicht, ihn zu zähmen, sondern sie folgt ihm.

Musik: Hans-Jürgen Kaiser an der großen Orgel im Hohen Dom zu Fulda: Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) „Komm, Gott, Schöpfer, Heiliger Geist“ BWV 667, Dauer: 2.08 min

Leitgedanke bei allem menschlichen Tun und auch und vor allem bei allem Handeln der Kirche muss die Liebe sein. Durch das Neue Testament zieht sich dieser Gedanke wie ein roter Faden. Am heutigen Sonntag werden genau solche Texte über die Liebe auch in den katholischen Gottesdiensten gelesen. Da heißt es heute in der 2. Lesung aus dem 1. Johannesbrief: „Wir wollen einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott“ (1 Jo 4,7a) Und: „Gott ist die Liebe.“ (1 Jo 4, 8b). Im Evangelium nach Johannes lautet der zentrale Satz: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!“ Finden Sie nicht auch, dass hier - wie in einem Brennpunkt – die ganze frohe Botschaft enthalten ist? Leuchtet hier nicht wirklich die Mitte unseres Glaubens auf? Und hat sich Gott nicht in der Tat immer wieder den Menschen so gezeigt und so sich ihnen zugewandt? Ist er ihnen nicht immer wieder entgegengekommen? Hat er nicht immer wieder seine Hand ausgestreckt? Hat er dem Volk Israel nicht immer wieder sein Heil angeboten und seinen Bund mit ihm erneuert?
Ist das nicht auch das tragende Motiv für die Menschwerdung, ja für das gesamte Christusereignis? Das tragende Motiv für mich ist: seine Liebe, sein Heilswille, sein Erbarmen. Das Faszinierende, Großartige dabei: Gottes Liebe ist bedingungslos. Sie hängt nicht - wie bei uns Menschen oft - von Voraussetzungen und Umständen ab. Gott liebt uns nicht wegen irgendwelcher Qualitäten, Tätigkeiten oder Tüchtigkeiten. Seine Liebe überragt alles, was Menschen bringen, leisten und vorweisen können. Sie ist vollkommene Überraschung, reines Geschenk. Niemand kann sie sich verdienen; keiner braucht es auch. Niemand kann sie machen. Sie kommt nicht aus uns. Sie kommt zu uns. Gott hat nicht nur Liebe. Gott ist Liebe. Sein Wesen ist Liebe. Nur das allein kann Leitmotiv für das Handeln der Kirche sein und für Christen, die dies alltäglich versuchen zu leben und umzusetzen im Alltag. Eng mit der Liebe verbunden ist die Barmherzigkeit, die daraus erwächst. Beim Evangelisten Lukas lautet es: „Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lk 6, 36). „Ihr gesamtes pastorales Handeln sollte umgeben sein von der Zärtlichkeit, mit der sich die Kirche an die Gläubigen wendet; ihre Verkündigung und ihr Zeugnis gegenüber der Welt können nicht ohne Barmherzigkeit geschehen. Die Glaubwürdigkeit der Kirche führt über den Weg der barmherzigen und mitleidenden Liebe“ (MV 10). Auf dem Hintergrund dieses Zitats aus dem Schreiben von Papst Franziskus „Misericordiae vultus – Antlitz der Barmherzigkeit“, in dem er das „Heilige  Jahr der Barmherzigkeit“ 2016 angekündigt hatte, sollte auch unser ganzes kirchliche Handeln und das Handeln als Christ bestimmt sein.

Musik: J. S. Bach: Messe h-moll BWV 232: Kyrie eleison, Dauer: 4.16 min

Ich glaube fest, dass Gottes Geist lebendig ist und unbezähmbar - und auch genau so wirkt. Das Wirken des Geistes hat in der Bibel immer wieder Menschen in Bewegung gebracht und animiert Neues zu schaffen. Von Stillstand ist in diesen Texten nicht die Rede. Da ist ja immer auch noch das Wort des Herrn, der sagt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt. Und ich habe euch dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt“ (Joh 15,16).
Auch das sollte den Christen unruhig halten. Der Herr hat den Menschen erwählt. Er erwählt auch heute immer noch Menschen. Wie in dieser Apostelgeschichte damals wird er auch heute mit Sicherheit auch die erwählen, von denen manche „es nicht fassen können“ – weil sie sich vielleicht nicht vorstellen können, dass sie auch zu ihm gehören sollen. Aber wenn Gott es so will - wenn er die Grenzen überschreiten will, die wir Menschen festgelegt haben, weil seine Welt größer und weiter ist als unsere … dürfen wir es Ihm dann verwehren???
Eine Sicherheit, immer das Richtige zu tun, gibt es da nicht. Darum können wir immer nur beten. Aber wir sollten aus Angst davor, etwas falsch zu machen, nicht allzu früh alle Türen zuschlagen; denn vielleicht ist das ja grade das wirklich Falsche – weil der Herr in Seiner Kirche diese Tür doch so gerne aufhaben möchte, weit offen… für alle. So wird es den Menschen möglich sein, wenn sie selbst Liebe erfahren, dass sie aus der Kraft dieser Liebe leben. Es schenkt die Kraft auf andere Menschen zugehen, sie zu lieben, auch wenn es vielleicht nicht leicht fällt. Denn es ist ja doch die Kirche Christi – und nicht der Menschen.
Christus ist es, der wählt und erwählt  - und nicht der Menschen. Aber der Mensch darf und soll aus der Liebe heraus Kirche und Welt mitgestalten.    

Musik: Pater noster: A choral reflection on the Lord’s prayer - The King’s Singers; Heinrich Schütz: „Vater unser“, Dauer: 2.01 min

Musikauswahl: Regionalkantor Christopher Löbens, Hünfeld

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