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Lauter Liebesbriefe
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Lauter Liebesbriefe

Christoph Schäfer
Ein Beitrag von

Christoph Schäfer,

Katholischer Religionslehrer, Rüsselsheim
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Schrilles Graffiti-Gekrakel an Häusern und Brücken geht mir oft einfach auf die Nerven. Ich freu mich dann immer, wenn ich merke: Da wurde wieder ein besonders hässliches Exemplar entfernt. Aber manchmal, wenn ein Graffito gut gestaltet ist oder es sich um einen geistreichen Spruch handelt, drück ich die Daumen, dass es eine Weile erhalten bleibt. So ging mir das mal mit einem Graffito, als ich in Darmstadt gewohnt hab. Da hab ich mich oft beim Spazierengehen gefreut, dass ein ganz besonderes Graffiti-Gekritzel immer noch da war. Es war zugegeben ziemlich klein und unauffällig: Mit schwarzem Filzstift hatte jemand neben den Briefschlitz eines knallgelben Post-Briefkastens geschrieben: „Nur für Liebesbriefe“.

"...nur noch liebevolle Mails und Whatsapp-Nachrichten"

Ich fänd es zwar albern, das nachzumachen und weitere Briefkästen so zu bekritzeln. Aber damals hab ich geschmunzelt, wenn ich das Graffito gesehen hab. Mir hat die Vorstellung gefallen, dass nur noch freundliche Briefe hier eingeworfen und von der Post befördert werden. Keine Schreiben, in denen Wut oder Hass oder auch nur Gleichgültigkeit stecken. Dann hab ich mir auch vorgestellt, dass die Internet-Dienstleister die Post unterstützen: Nur noch liebevolle, persönliche Mails und Whatsapp-Nachrichten werden weitergeleitet. Der Rest landet im Spam-Filter und frisst beim Adressaten weder Strom noch Lebenszeit.

Der Gedanke daran kein Kommunikations-Automat zu werden

Ich geb zu: Das ist eine unrealistische Phantasie. Ein Flucht-Reflex angesichts der Übermacht langweiliger und stressiger Post in Briefkasten und Mailbox. Mir ist klar: Natürlich kann Kommunikation nicht nur aus Liebesbriefen bestehen. Aber ich denk auch heute gerne an das Briefkasten-Gekritzel „Nur für Liebesbriefe“ zurück. Und ab und zu inspiriert es mich auf schöne Weise: Dann versuch ich, eine alltägliche Mail ein wenig liebevoller und persönlicher zu gestalten, als das aus Effizienzgründen nötig wäre. So wird zwar kein richtiger „Liebesbrief“ daraus, aber ich habe schon oft auf solche Mails eine besonders nette Rückmeldung bekommen.

So gesehen, hilft mir der Gedanke an das Darmstädter Graffito dabei, in meinem oft hektischen Mail- und Post-Alltag nicht zum Kommunikations-Automaten zu werden. Sondern ein bisschen dazu beizutragen, dass auch in der Cyberwelt die Kommunikation menschlich bleibt.

 

 

 

 

 

 

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