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Krank feiern

Krank feiern

Anne-Katrin Helms
Ein Beitrag von

Anne-Katrin Helms,

Evangelische Pfarrerin, Erlösergemeinde Frankfurt-Oberrad

Ich habe gelesen: Jeder Sechste plant schon jetzt einen Tag im nächsten Monat krankzufeiern. Ich kann nicht prüfen, ob das stimmt. Aber ich habe auch schon mitbekommen, dass eine Arbeitskollegin zur anderen sagt: „Nächste Woche muss ich unbedingt einen Tag krank feiern. Sonst krieg ich meine Sachen einfach nicht geregelt.“ Und die andere sagt: „Das kannste doch nicht machen. Wenn du mehr Zeit für dich brauchst, dann musst du Urlaub nehmen. Stell dir vor, der Chef kriegt raus, dass du gar nicht krank bist!“ Diese Kollegin hat natürlich recht: um Zeit für sich und seine Privatsachen zu haben, darf man nicht blau machen. Wer sich krank meldet, aber nicht krank ist, macht sich strafbar.

Umso wichtiger ist: Wer wirklich krank ist, soll auch aussteigen können und nicht gezwungen werden, weiterzuarbeiten. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist eine der großen Errungenschaften der Gewerkschaften Ende des 19. Jahrhunderts. Bei einer ernsten Erkrankung wird das zwangsläufig klar. Aber wenn es nicht so gravierend scheint, denken doch manche: Eine Schmerztablette und weitermachen wie bisher.

Ich plädiere deshalb für einen neuen Sinn von „Krank feiern“. Nicht im Sinn einer fröhlichen Feier. Das geht ja gar nicht, wenn ich krank bin. Aber dass ich das ernst und auch feierlich annehme: Ich bin jetzt krank. Da geht der tägliche Trott nicht weiter. Vielleicht gelingt es mir sogar, Ja zu sagen zu dem, was jetzt anders ist. Ich lasse es geschehen, dass es stiller um mich wird. Der Lärm von Draußen kommt nicht so sehr an mich heran. Ich akzeptiere, dass ich nicht alles im Griff habe und mein Leben ein wenig aus der Hand geben muss. Ich merke, wie sehr ich mich nach Ruhe sehne. Ich gebe diesem Bedürfnis guten Gewissens nach. Ich muss nichts auf Kommando tun. Ich bin nicht nur nützlich. Ich bin auch was wert, wenn ich nichts tun kann. Vielleicht kann ich jetzt die Stimme dessen hören, der mich um meiner selbst willen gewollt hat: Gott.

Mir haben das Leute nach einer Krankheit erzählt, und ich kenne das auch: Gerade in der Krankheit spüre ich, was für ein Geschenk das Dasein ist. Eigentlich schade, dass ich erst krank sein muss, um Zugang zu meinen tieferen Schichten zu bekommen. Ich könnte mir auch im Alltag und wenn ich gesund bin von Gott sagen lassen, wer ich bin und wie er mein Leben gemeint hat. Auf der Arbeit geht öfter mal der Blick dafür verloren. Ich muss dort funktionieren. Wenn ich merke, dass ich das nicht mehr schaffe, brauche ich wirklich einen Tag außer der Reihe, um meine Sachen zu regeln.

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