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Ich bin auch katholisch...
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Ich bin auch katholisch...

Dr. Ansgar Wucherpfennig
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Dr. Ansgar Wucherpfennig,

Jesuitenpater, Professor für Neues Testament und Rektor der Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt
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„Ja, ich bin auch katholisch, aber evangelisch finde ich besser. Die sind viel freier“, das hat mir neulich eine Frau im Kaufhaus gesagt. Zuerst hab‘ ich gestutzt, und als ich dann nach Hause geradelt bin, habe ich länger darüber nachgedacht: „Warum sind Sie denn dann noch nicht evangelisch geworden?“ hätte ich sie fragen können. Oder: „Warum sind Sie denn dann noch nicht ausgetreten?“ 

Ich bin auch katholisch, bin sogar katholischer Priester. Die katholische Kirche gehört zu meiner Heimat und auch zu meiner Identität. Ich bin Priester geworden, weil mich früher die Osternachtfeier bei meinem Onkel so beeindruckt hat. Unter dem Kreuz wurde im Dunkel der Kirche das kleine Licht der Osterkerze entzündet, es begann in der Kirche in die Nacht hinein zu leuchten und dann kam ein wunderbarer Gesang auf das Licht dieser Kerze: Wie das Licht das Dunkel erhellt, so lässt Gott das Leben über den Tod siegen. Dabei hat mich schon damals als Kind ein Schauer erfasst, und die Osternacht gehört für mich noch heute zu den bewegendsten Momenten im ganzen Jahr. 

Natürlich gibt es auch viele Dinge, die ich in meiner Kirche nicht mag: Eitelkeiten und Machtmissbrauch, verstaubte Strukturen und Unbeweglichkeit, überhaupt vieles, was mich einengt. Manchmal finde ich das, was ich nicht mag, auch bei mir wieder. Es gibt auch vieles, was ich in der evangelischen Kirche besser finde: den Mut, frei zu reden, nicht selten eine größere Ehrlichkeit im Umgang miteinander, und auch die große Bibelkenntnis vieler evangelischer Christinnen und Christen beeindruckt mich. In vielem kann ich die Frau also gut verstehen: Ich bin auch katholisch, aber evangelisch finde ich manchmal eben besser.

Katholisch-Sein ist für mich nicht nur ein Geschmack oder eine bestimmte Meinung, zum Beispiel, dass ich Jazzmusik mag oder ein Fan von Hannover 96 bin. Es bedeutet noch nicht einmal nur, dass ich Mitglied einer bestimmten Konfession bin oder ein Amt in der katholischen Kirche habe. All das gehört dazu und ist wichtig: Papst, Bischöfe, römische Lehrschreiben, Liturgien und vieles mehr. Am wichtigsten ist mir aber: Katholisch heißt im Griechischen „all-umfassend“. Gott sucht die Rettung eines jeden Menschen, und sogar nicht nur eines jeden Menschen. „Kath holon“ meint: Gott sucht überall und jederzeit und für jeden Teil seiner Schöpfung, wie er sie retten kann. Er streckt gewissermaßen nach ihr seine Arme aus. So möchte ich katholisch heute immer mehr verstehen. Deshalb bleibe ich katholisch und kann trotzdem vieles am Evangelischen gut finden.
 

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