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Glaubenszeugnis

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Prof. Dr. Karlheinz Diez
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Prof. Dr. Karlheinz Diez,

Weihbischof, Fulda
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Glauben braucht das persönliche Glaubenszeugnis. So zu denken, bin ich wieder hingeführt worden durch die folgenden Worte, die ich in einem Buch fand: Geh nicht nur die glatten Straßen, geh Wege, die noch niemand ging. Damit du Spuren hinterlässt und nicht nur Staub. Diese starken Worte untermauern die heutige neutestamentliche Lesung aus dem 2. Timotheusbrief:
Darum rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteilgeworden ist! Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Schäme dich also nicht des Zeugnisses für unseren Herrn und auch nicht meiner, seines Gefangenen, sondern leide mit mir für das Evangelium! Gott gibt dazu die Kraft. Als Vorbild gesunder Worte halte fest, was du von mir gehört hast in Glaube und Liebe in Christus Jesus! Bewahre das dir anvertraute Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt!
2 Tim 1, 6-8.13-14


Es geht um das Glaubenszeugnis, das Spuren hinterlässt.
Die folgende Begebenheit – ich habe sie einmal erzählt bekommen – ist mir deutlich im Gedächtnis geblieben. Sie hat mich richtig beeindruckt. Es war in einem Krankenhaus, auf einer Station im Flur. Die Zimmer der Station waren mit Kranken komplett belegt und weil die ganze Station so überfüllt war, mussten einige Betten auf dem Stationsflur stehen. Kaum zumutbar war das für die Patienten. Wer immer auf dem Flur entlanglief, kam unweigerlich an ihren Betten vorbei. Ruhe zum Schlafen, Nachdenken oder selbst eine Privatsphäre gab es nicht. Die Kranken wurden von den Vorbeilaufenden automatisch angeschaut, und es blieb ihnen nichts Anderes übrig, als diesen Zustand auszuhalten, bis ein Bettplatz in einem Zimmer frei wurde. Eine der Patientinnen auf dem Flur war eine ältere Frau. Sie lag krank im Bett im Nachthemd und erhielt eine Infusion. Neben ihr stand ein Nachttischchen, auf dem ihr das Mittagessen serviert wurde. Besonders eingeprägt hat sich mir dann dieses: die alte Frau mit abgearbeiteten Fingern faltete die Hände und begann, vor dem Essen zu beten. Man konnte sofort spüren, dass ihr das Gebet vor dem Essen in Fleisch und Blut übergegangen waren. Und auch die wirklich mehr als widrigen Umstände auf dem Krankenhausflur haben sie nicht davon abgehalten, Gott für das Essen zu danken. Mich hat diese kurze Szene berührt. Ich spüre eine Sympathie für diese unbekannte Frau, und ich schätze ihr Glaubenszeugnis. So, wie es mir erzählt wurde, ging es ihr nicht darum, einen Effekt zu erhaschen. Sie betete, weil es ihr wohl ein Bedürfnis war, Gott zu danken für das tägliche Brot. Damit hat sie ganz unbewusst auf dem Krankenhausflur ein Zeugnis für ihn gegeben.

MUSIK: Musik 01_Cantata No. 21, _Ich hatte viel Bekümmernis,_BWV 21 (BC A99)_ 1. Teil. 1. Sinfonia

Zeugnis geben – ein Wort, das heute fast altertümlich wirkt. Zeugnis geben. Klar, Schülerinnen und Schüler erhalten ein Zeugnis am Ende des Schuljahres, Abschlusszeugnisse markieren einen großen Lebensabschnitt zum Ende der Schule, zum Ende der Berufsausbildung. In diesem Zusammenhang steht das Zeugnis für Leistung und Qualifikation in Schule und Beruf. Aber Zeugnis geben für den eigenen Glauben, für Christus? Geht das, so frage ich etwas zugespitzt, heute noch so vielen Menschen so gut von der Hand wie der alten Frau im Krankenhausflur? Zeugnis geben – das ist der zentrale Begriff aus der heutigen Lesung des Timotheusbriefes. Und auch damals, als der Brief entstand, ging es anscheinend nicht so leicht von der Hand, sich zum Glauben an Jesus Christus zu bekennen. Denn es heißt dort:
Schäme dich also nicht des Zeugnisses für unseren Herrn.
Der heilige Paulus schreibt diesen Appell an seinen Mitarbeiter Timotheus aus dem Gefängnis heraus. Ausgerechnet ein Gefangener schickt einem Menschen in Freiheit Worte des Mutes und des Trostes. Schäme dich nicht, dich zu Christus zu bekennen, selbst wenn du dafür ins Gefängnis gebracht wirst. Wer so etwas schreiben kann, hat einen Schatz gefunden, für den es sich lohnt, im Gefängnis zu sein: Jesus Christus. Der Appell des Paulus scheint weit weg und gleichzeitig ist er wieder nah. Auch heute sitzen Menschen im Gefängnis, weil sie sich zu Christus bekennen. Ich denke an die bis heute andauernde weltweite Verfolgung von Christen, besonders in Nordkorea, in Afghanistan, im Sudan und in Syrien. Täglich sehen wir diese Bilder aus den Krisenherden der Erde im Fernsehen und im Internet. Nur die verfolgten Christen in den Gefängnissen kann man nicht sehen. Ihre Gesichter bleiben verborgen, weil sie Gesicht gezeigt haben für ihren Glauben. Um ins Gefängnis zu kommen, reicht es in manchen Ländern aus, ein kleines Kreuz zu besitzen, oder ein paar Verse aus der Heiligen Schrift bei sich zu tragen. Dennoch versammeln die Christen sich zum Gebet und zum Gottesdienst, oft tun sie es heimlich und mit der Angst, verraten zu werden. Aber sie tun es, weil ihr Glaube das Fundament ist, auf dem sie stehen. Selbst wenn sie dafür Verfolgung zum Glauben bekennen können, fallen Glaubenszeugnisse wie das der Frau im Krankenhausflur besonders auf. Gibt es dort, wo man den Glauben ohne Angst leben könnte, eine Scham, ihn zu leben?

MUSIK: Musik02_19-Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf

In der Lesung im katholischen Gottesdienst heißt es weiter:
Darum rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteil geworden ist! Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Paulus weist den Weg. Es geht darum, sich als Christin, als Christ neu aufzustellen, sich neu festzumachen in Gott, die Scham zum Bekenntnis zu überwinden. Der heutige Lesungstext spricht in diesem Zusammenhang von der Gnade Gottes durch das Auflegen der Hände. Es ist Teil der klassischen Weiheform, auch eines persönlichen Segens, den jede und jeder empfangen kann. Ich durfte die klassische Form bei meiner Priesterweihe erfahren. Ganz tief ins Innere dringt das Auflegen der Hände ein mit der Herabrufung des Heiligen Geistes im Gebet. Aber nicht nur bei der Priesterweihe ist das spürbar. Die Gnade Gottes ist groß und umfassend. Und sie ist für alle da. Was in der Taufe  grundgelegt wurde, ist ein Schatz im Menschen, der nicht Verzagtheit, also Mutlosigkeit birgt, sondern Kraft, Liebe und Besonnenheit. Das ruft Paulus ins Gedächtnis. Tue was, mit der geschenkten Gnade, mach was draus. Hab Mut, der Heilige Geist geht mit. Schäme dich nicht, so ruft er heute über die Heilige Schrift den Menschen zu. Sicher, sich zu Jesus Christus zu bekennen, ihm nachzufolgen, das ist kein Honigschlecken. Es verlangt Bekennermut, es braucht das Zeugnis. Die verfolgten Christen gehen diesen Weg in aller Konsequenz, mit dem ganzen Wagnis des Lebens. Zeugnis verlangt Mut, im Zeugnis gibt Gott selbst die Kraft dazu, und das Zeugnis hinterlässt eine große Wirkung,  selbst im Krankenhausflur.

Und wieder aus der Lesung:
Schäme dich also nicht des Zeugnisses für unseren Herrn und auch nicht meiner, seines Gefangenen, sondern leide mit mir für das Evangelium. Gott gibt dazu die Kraft!

Statistisch zu erfassen, wie viele Christinnen und Christen weltweit wegen ihres Glaubens im Gefängnis sind, ist unmöglich. Selbst Schätzungen fallen schwer. In jedem Fall sind es konkrete Menschen hier und heute im Jahr 2019, die  in der Nachfolge Christi unterdrückt und gefoltert werden. Sie leiden wie damals der heilige Paulus im Gefängnis für ihr Bekenntnis zu Christus. Als Betroffener schreibt der Apostel: Gott gibt dazu die Kraft! Darin liegt ein tiefer Trost. Gott ist im Leid dabei. Vor Jahren durfte ich den ehemaligen Erzbischof von Saigon kennenlernen, den späteren Kardinal Nguyen van Thuan. In Frankfurt habe ich ihn vom Flughafen abgeholt und nach Fulda begleitet. Dieser Mann hat mich zutiefst beeindruckt. Erzbischof van Thuan war in seiner Heimat Vietnam von den Kommunisten festgenommen worden. Dreizehn Jahre war er im Gefängnis. Neun Jahre davon lebte er in völliger Isolationshaft. Ohne Anklage, ohne Verfahren und ohne Urteil lebte er, wie er sagte, anfangs die Sinnlosigkeit. Auf unserem Weg nach Fulda hat er erzählt, wie das für ihn war, welche inneren Schmerzen er durchlitten hat. Er hatte Sehnsucht nach seinen Leuten, nach Freiheit, nach Tageslicht. Dann die innere Wandlung, durch den Glauben an die Gegenwart Gottes. Jesus Christus hat ihn tief vertrauen lassen. Mit ein paar Tropfen Wein und einem Tropfen Wasser hat er in seiner Zelle die Heilige Messe gefeiert. Seine Hand war sein Kelch, die Messtexte sprach er auswendig. Aus einem alten Draht formte er sich ein Kreuz. Sein Glaube an Gott, seine Nähe, hat ihn diese furchtbare Zeit überstehen lassen. Nach seiner Freilassung holte ihn Papst Johannes Paul II. nach Rom. Er konnte neue Kraft schöpfen. Mit Erzbischof van Thuan bin ich einem Menschen begegnet, der völlig in Jesus Christus ruhte. Seine lange Isolationshaft, der psychische Druck, die Nächte der Seele – alles hat er überstanden, weil Gott bei ihm war, weil er ihm die Kraft dazu gegeben hat.

MUSIK: Musik03_-Alla breve. Der aber die Herzen forscht

Ich komme wieder zurück auf die heutige Lesung im katholischen Gottesdienst: Als Vorbild gesunder Worte halte fest, was du von mir gehört hast in Glaube und Liebe in Christus Jesus! Bewahre das dir anvertraute Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt!  

Der ehemalige Erzbischof von Saigon hat seinen langen und schrecklichen Wüstenweg der Gefangenschaft durchhalten können, weil er einen Schatz in sich getragen hat: seinen Glauben an den Gott der Liebe. Selbst und vielleicht gerade in der tiefsten Not ist dieser Gott da und trägt durch die Dunkelheit. Auf ihn konnte Erzbischof van Thuan sich verlassen, ebenso wie die Frau in ihrer misslichen Lage auf dem Krankenhausflur. Für beide war der Glaube an Gott der Anker in der Not. Und genau in diese Not hinein möchte Gott kommen, möchte er neuen Mut und Hoffnung schenken. Der heilige Paulus mahnt an diesem Sonntag, das anvertraute Gut – den Glauben an Gott – festzuhalten und zu bewahren. Er appelliert regelrecht, diesen Glauben festzuhalten wie den größten Schatz. „Die Not lehrt beten“, diesen Satz habe ich schon oft gehört. Wer betet, greift auf etwas zurück, das er als Wurzel in sich trägt. Manchmal gilt es, diese Wurzel neu zu düngen, zu pflegen, zu bewässern. Aber keine Sorge! Sie ist da und bleibt da. Ein einmal grundgelegter Glaube kann nicht einfach so verschwinden. In der Taufe sagt Gott sein unauflösliches JA zu jedem Menschen. Er bleibt der treue Gott, er wartet, harrt aus. Selbst wenn er keine Antwort bekommt auf seine Liebe.
Die Worte des heiligen Paulus laden an diesem Sonntag ein, den Glauben zu bewahren, ihn neu zu entdecken und zu pflegen. Denn mit Christus lässt sich überwinden, was am wahren Leben hindert.

MUSIK: Musik04_Cantata No. 76, _Die Himmel erzählen die Ehre Gottes

 

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