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Erhobenes Haupt, gebeugtes Herz
Bildquelle: Alexas Fotos/Pixabay

Erhobenes Haupt, gebeugtes Herz

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Mit 10 Jahren war er Balthasar. Im Krippenspiel. Nie im Leben hat er vergessen, wie er vor der Krippe knien musste, ohne dass ihm die Krone vom Kopf fiel. Er hatte einen weißen Umhang, von der Mutter genäht; einen farbigen Gürtel und eine Krone aus Pappe, die nicht gut saß. Nur wenn er gerade stand. Beim Knien musste er aufpassen. Die Geschenke gab er aus den Händen, die Krone behielt er. Das war ja das Zeichen. Das Zeichen der Würde. Erst beim Knien kam die Demut. Das wusste er damals nicht. Weihnachten 1944. Jetzt ist er über achtzig. Und weiß, was Demut ist: Erhobenes Haupt, gebeugtes Herz.

So nennt er das heute. Damals war furchtbar, 1944. Der Vater gefallen, der Onkel gefallen, der Bruder verunglückt. Und er König Balthasar, seine kleine Schwester ein Hirte. Wenn er heute auf damals sieht, kommen Tränen. Und Gänsehaut. Wie konnte man nur leben? Man konnte, weil man nie fragte. Nicht nachdachte, nicht nachdenken durfte. Keine Zeit. Das Leben musste gelebt werden. Nicht nur hinnehmen, sondern zupacken. Erst viel später, beim Zurückdenken, wurde ihm klar: Man konnte nur leben, weil man tapfer war. Und demütig. Beides zugleich. Das wusste man da nicht. Man trug den Kopf noch oben, irgendwie. Dem Leben die Stirn. Das Herz aber war gebeugt, manchmal ganz tief. Gott hilft den Tapferen, sagt er sich heute. Wenn sie ihr Herz beugen. Bitten, klagen, hoffen. Wenn sie nicht selbstgefällig werden oder selbstgerecht oder stumpf. Wenn sie, wie Balthasar, den Kopf nicht in den Sand stecken. Vor Gott aber in die Knie gehen, ihr Herz beugen. So geht das vielleicht, das Leben. Sagt er sich heute, mit über achtzig.

Damals fragte er nicht. Ging langsam mit den anderen beiden Königen in die Kirche. Groß war sie. Und kalt. Die Fenster fehlten. Bombenangriff. Bänke fehlten auch. Die hatte jemand verheizt. Alles war möglich, damals. Auch tiefe Stille in der eiskalten Kirche. Die Könige kamen, standen vor der Krippe. Er dachte an die Krone. Und kniete. Seine Mutter war in der Kirche; weiter hinten. Alle sangen, feierlich: Ich steh an deiner Krippen hier. Und er kniete. Erhobenes Haupt, gebeugtes Herz. Der Welt die Stirn, für Gott das Herz. Eingebrannt in seine Seele ist das. Bis heute.

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