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Ein Grabstein ohne Namen
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Ein Grabstein ohne Namen

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel

Ein Grabstein ohne Namen. Direkt an meinem Weg. Ich gehe gerne über Friedhöfe, wenn sich’s ergibt. Gottesacker, sagte man früher zum Friedhof. So ein schönes Wort. Als seien wir Gottes Samen. Auf einmal sehe ich einen Grabstein ohne Namen. Dafür stehen da zwei andere Worte: Auf Wiedersehen. Dahinter ein Ausrufezeichen. Auf Wiedersehen! Keine Frage, sondern eine Feststellung. Wir werden uns wiedersehen, sagt der Grabstein. Dann brauche ich keinen Namen. Ihr werdet mich erkennen. Was für eine Hoffnung. Fast schon frech, oder?

Dabei sieht alles so anders aus auf Friedhöfen. Wie Endstation. Schwere Steine versiegeln die Erde. Pflanzen auch. Die Steine schön geordnet, in einer Reihe. Reihengräber eben. Mit Namen, die kaum einer kennt außer den Angehörigen. Und bald niemand mehr. Die Liegezeiten werden kürzer. Die Gräber sind kleiner. Wer wird sich noch kümmern in fünf oder zehn Jahren. Wer  w i l l  sich noch kümmern? Familien sind oft weit verstreut. Gräber sind da eine Last. Ohne Hoffnung.

Es sei denn, man lässt Namen weg und schreibt: Auf Wiedersehen. Ist doch der Gottesacker. Bei Gott verschwindet man nicht. Da wächst man wie Samen. Sagt die Hoffnung. Und die Bibel. Einmal sehen wir uns wieder, sagt Jesus. Er sagt nicht wie und wann. Das ist nicht wichtig. Schöner ist zu hoffen. Einmal wird Gott, der Herr über Leben und Tod, seinen Mund aufmachen und die schönen Worte sagen (Altes Testament, Psalm 90, Vers 2): Kommt wieder, Menschenkinder. Dann werden wir Augen machen, staunen. Den Gottesacker verlassen. Der Same geht auf. Und wächst in den Himmel. Wo kein Schmerz mehr ist und keine Tränen. Da sehen wir uns. Und verstehen alles.

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