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Die andere Anne Frank
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Die andere Anne Frank

Prof. Dr. Gerhard Stanke
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Prof. Dr. Gerhard Stanke,

Domkapitular
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In diesen Tagen und Woche ist immer wieder der Name einer Frau zu hören: Anne Frank. Am 12. Juni dieses Jahres wäre sie 90 Jahre alt geworden. Die Tochter jüdischer Eltern verlässt mit ihrer Familie nach der Reichspogromnacht im November 1939 Deutschland. Sie gehen nach Holland in der Hoffnung, dort sicher zu sein. Als die deutsche Wehrmacht 1940 Holland besetzt, beginnt auch dort die Verfolgung der jüdischen Mitbürger. Am 6.07.1942 taucht die Familie Frank unter. Sie wohnen auf dem Dachboden eines Hauses in der Amsterdamer-Prinsengracht. Am 4. August wird das Versteck verraten, von den Nazis gestürmt und die Familie Frank verhaftet und deportiert. Anne stirbt im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen, 2 Monate vor der Befreiung Hollands.

Ihre innersten Gedanken hat Anne Frank einem Tagebuch anvertraut, das bei der Durchsuchung der Wohnung übersehen und Gott sei Dank später gefunden wurde. Im letzten Eintrag vom 1.08.1944 spricht sie von den zwei Seelen, die sie in sich fühlt. Die Mitmenschen sehen sie anders als sie sich selbst sieht. Die Umgebung nimmt sie so wahr, wie sie sich nach außen gibt: gut aufgelegt, witzig und spöttisch. Aber innerlich ist sie ganz anders. Sie schreibt an ihre fingierte Gesprächspartnerin Kitty: „Ich habe Dir einmal erzählt, dass ich eigentlich nicht eine, sondern zwei Seelen habe. Die eine beherbergt meine ausgelassene Fröhlichkeit, Spöttereien über alles, meine Lebenslust und vor allem meine Art, alles von der leichten Seite aufzufassen… Diese Seite sitzt meistens auf der Lauer und verdrängt die andere, die viel schöner, reiner und tiefer ist. Nicht wahr, die gute Seite von Anne kennt niemand, und darum können mich auch so wenige Menschen leiden.“ Und dann weiter: „Ich habe Angst, dass alle, die mich kennen, so wie ich immer bin, entdecken würden, dass ich eine andere Seite habe, eine schönere und bessere. Ich habe Angst, dass sie über mich spotten, mich lächerlich und sentimental finden, mich nicht ernst nehmen.“

Wenn Anne Frank diese andere Seite zeigt, dann meinen viele Menschen, dass sie wieder nur Theater spielt. Oder ihre Angehörigen machen sich dann Sorgen. Und das mag Anne auch nicht. Dazu schreibt sie: „Wenn so auf mich aufgepasst wird, werde ich erst recht schnippisch, dann traurig, und schließlich drehe ich mein Herz wieder um, drehe das Schlechte nach außen, das Gute nach innen und suche immer wieder nach einem Mittel, so zu werden, wie ich so gern sein möchte, und wie ich sein könnte, wenn …. ja, wenn keine anderen Menschen auf der Welt lebten“. So endet das Tagebuch. Darunter steht noch „Anne“. In ihrem zu kurzen Leben konnte sie sich nicht so zeigen, wie sie sich selbst erlebte. Alle, die mit ihr lebten, haben sie eigentlich nicht gekannt. Auch ihre Angehörigen nicht. Jedenfalls fühlte sie es so. So ging sie innerlich einsam ihren Weg.

Aber ihr Tagebuch gibt Einsicht in ihr Denken und Fühlen. Und ihre Offenheit hat viele Menschen tief berührt und nachdenklich gemacht. An dem letzten Gedanken bin ich besonders hängen geblieben. „Ich suche immer wieder nach einem Mittel, so zu werden, wie ich so gern sein möchte…“. Alle jene, die ihr helfen sollten, sie selbst zu werden, waren für Anne ein Hindernis. Ihr letzter Satz ist eine bittere Aussage: Ich könnte so sein, wie ich eigentlich bin, wenn keine anderen Menschen auf der Welt lebten. Dieser Satz beinhaltet für mich zwei Mahnungen: Zum einen nicht aufgrund des äußeren Verhaltens über Mitmenschen zu urteilen und zum anderen ihnen so zu begegnen, dass sie sich zeigen können, wie sie sind. Tröstlich ein Wort von Dietrich Bonhoeffer, ebenso wie Anne Frank ein Opfer des Nationalsozialismus. Er schließt ein Gebet mit dem Satz: "Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott."

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