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Der merkwürdige Gott
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Der merkwürdige Gott

Dr. Klaus Dorn
Ein Beitrag von

Dr. Klaus Dorn,

em. Dozent am Kath.-Theol. Seminar, Marburg
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Diese verlogenen Märchen kann ich nicht mehr hören, sagte unlängst ein Bekannter zu mir. Solche Märchen meinte er in der Bibel im Allgemeinen und im Alten Testament im Besonderen entdeckt zu haben. Was er damit sagen wolle, fragte ich ihn und da legte er richtig los: Na gleich am Anfang die Schöpfung in sechs Tagen, das ist wissenschaftlich doch gar nicht haltbar. Und dann die Geschichten von Adam und Eva, der sprechenden Schlange und dem Gott, der in seinem Garten einen Verdauungsspaziergang macht. Dieser Gott hat angeblich was dagegen, dass die Menschen einen Turm in den Himmel bauen. Von der großen Flut über die ganze Welt will ich erst gar nicht reden. Auch die ist natürlich wissenschaftlich nicht nachweisbar. Und wenn die Menschen nach der Flut kein bisschen besser sind als zuvor, warum hat er sie dann überhaupt erschaffen? Er musste doch vorher wissen, dass das nichts wird mit dieser Spezies. Macht euch die Erde untertan, soll er gesagt haben. Und jetzt, kurz vor der Klimakatastrophe sehen wir ja, was so ein Freibrief bringt. Dieser merkwürdige Gott, der das alles hätte wissen können, ja wissen müssen, ist doch nur eine menschliche Vorstellung. Soweit die Meinung meines Gesprächspartners.

Ich für meinen Teil kann es niemandem verdenken, wenn er so über die Bibel spricht. Ein wörtliches Verständnis wird nicht mehr ernst genommen, aber ein anderes haben die meisten nicht. Es handelt sich ja schließlich um Erzählungen, die vor 3000 Jahren und mehr entstanden sein dürften. Und seinerzeit lebten die Menschen nicht nur anders als heute, sie hatten auch völlig andere Vorstellungen von Geschichte und Geschichten. Aber deshalb gehören die biblischen Erzählungen noch lange nicht ins Altpapier. Es sind Zeugnisse, wie die Menschen die Welt damals erfahren haben und manche dieser Aussagen sind noch immer erstaunlich aktuell. Natürlich wurde die Welt nicht in sechs Tagen erschaffen, aber der Text ist ja auch kein historischer Bericht. Und für die Paradiesgeschichte gilt dies gleichermaßen. Hier haben wir eine ganze Reihe von Erzählungen, die einfach nur begründen, warum die Welt so ist, wie sie ist. Der Mensch fiel durch eigenes Verschulden aus der Beziehung zu Gott heraus, sagen die Texte. Ja, ich gebe ja zu, dass der Eindruck entstehen kann, dieser Gott sei eifersüchtig auf seine Privilegien bedacht. Er verhindert den Turmbau zu Babel weil er nicht möchte, dass die Menschen eines Tages in sein Wohnzimmer schauen. Deshalb verwirrt er sie. Daraus erwächst die für den Schreiber offensichtliche Sprachenvielfalt. Die Erzählung von den sündigen Menschen, welche die Flut hinwegrafft, gibt zu verstehen, wie und warum das Böse in die Welt kam, warum Tiere einander töten und verzehren. Und dies tut ja auch der Mensch auf seine Weise. Zudem habe ich den Eindruck, dass gerade in den ersten Kapiteln der Bibel darüber gesprochen wird, wie Gott und die Menschen ihr Verhältnis zueinander ausloten, wie sie sich langsam kennen lernen und trotz Mängel miteinander auszukommen versuchen. Es ist kein Gott, der nur Befehle und Gebote erteilt. Er bemüht sich um unsere Eigenart und schließt immer wieder Kompromisse, weil er uns liebt, obwohl wir mit seiner Erde nicht gerade sorgsam umgehen. 

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