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Der Mantel der Geschichte
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Der Mantel der Geschichte

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel

Sind Sie schon einmal hindurchgegangen, durchs „Brandenburger Tor“ in Berlin? Es ist ein erhebendes Gefühl, finde ich, die paar Schritte da hindurch zu gehen. Als sei der Mantel der Geschichte um einen. Heute wird das Brandenburger Tor 225 Jahre alt. Es wurde wahrlich Geschichte geschrieben an ihm und mit ihm. Eingeweiht als Erinnerung an Friedrich den Großen war es eine Art Triumphtor in Richtung der Stadt Brandenburg. Im so genannten Dritten Reich diente es Aufmärschen der Nationalsozialisten. In der DDR war es geschlossen und stand im Niemandsland. Man konnte es nur von einer Aussichtsplattform aus sehen. Und dann ging es auf, 1989. Drei Jahre später war ich zum ersten Mal da und staunte bei den paar Schritten. Es fühlte sich tatsächlich an wie der Mantel der Geschichte.

Was ist eigentlich der Mantel der Geschichte? Er ist groß und ich bin klein. Je älter und berühmter ein Bauwerk ist, desto kleiner fühle ich mich. Wer bin ich schon, wenn ich durchs Brandenburger Tor gehe. Ein Staubkorn der Geschichte. Das Tor kennt mich nicht, es steht nur da. Ich weiß noch nicht einmal, ob es mich braucht oder auf mich wartet. Ich brauche es aber. Nicht um mich klein zu fühlen, sondern um mich besser zu kennen. Ich bin nicht nur Ich; ich bin auch Teil der Geschichte meines Landes. Auch was lange her ist, geht mich etwas an. Ich denke daran, wie sich Könige, Kaiser und dann der „Führer“ als Gesandte Gottes vorgekommen sind. Wie sie sich unangreifbar fühlten, weil sie behaupteten, Gott sei auf ihrer Seite; sie seien Vollstrecker des Willens Gottes. Welch ein Hochmut. Wären sie, die Könige, Kaiser und der „Führer“, mal still und alleine durch das Tor gegangen, wären sie auch nur ein Staubkorn im Mantel der Geschichte gewesen. Ihre Macht war die Gefolgschaft der anderen, der oft blinde Gehorsam.

Den will Gott nicht. Gott will uns nicht blind, sondern nachdenklich, mit eigener Meinung. Und klarer Haltung, die seinem Willen entspricht. Nicht Fürsten dienen wir, sondern Gott. Auch das fällt mir ein beim Spaziergang durch das Brandenburger Tor. Wir dienen nicht Kaisern und Königen oder gar einem „Führer“. Gottes Wille soll meine Welt und mein Leben bestimmen. Wenn mir der Mantel der Geschichte etwas sagt, dann das: Ehre Gott und fürchte keine Herrscher. Sie sind Staub wie ich. Wichtig ist nur, wer Frieden und Freiheit schenkt allen, die ihm anvertraut sind.

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