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Das Kluge findet seinen Weg
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Das Kluge findet seinen Weg

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Die beiden letzten Jahre waren schlimm. Der Frankfurter Professor Theodor Adorno (1903 -1969) wird gedemütigt. Von Studierenden. Heute vor fünfzig Jahren ist er gestorben, wohl immer noch erschrocken von den Demütigungen. Mitten in den Studentenunruhen damals gab er Studierenden in allem Recht. Nur in einem nicht: Gewalt. Das Kluge, wenn es richtig ist, muss einen besseren Weg finden als Brandbomben, Hausbesetzungen oder Ohrfeigen. Viele Studierende lachten ihn aus. Das war schlimm. Und Adorno hatte nur eine Wahl. Er hielt sich fest an dem, was er selbst gedacht und gesagt hatte, oft und öffentlich. Wer denkt, hatte er gesagt, wer denkt, ist nicht wütend.
Da ist Adorno 65 Jahre alt. Geboren in eine jüdische Familie, bedeutet ihm der Glaube wenig. Bis die Nationalsozialisten kommen. Und er nach Amerika geht. Dort lehrt er Philosophie, Musikwissenschaften, Soziologie. Nach dem Krieg kehrt er zurück. Und wird berühmt in Frankfurt. Studierende aus aller Welt wollen ihn sehen und hören. Den berühmten Adorno. Mit dem Mädchenname der Mutter. Eigentlich heißt er nämlich Wiesengrund. Theodor W. Adorno. Der das Böse erlebt hat und überwinden will. Mit Gutem, mit Vernunft. Darum sein Satz: Wer denkt, wird nicht wütend.
Ich wünschte, das stimmt. Es gibt so viel Wut, heute wieder, meist blinde Wut. Dann liegen die Nerven blank, wie man sagt. Jede Selbstkontrolle fehlt. Viele möchten nur noch reinschlagen in irgendwas, was gerade vor ihnen steht. Und wenn es Menschen sind. Meistens Schwächere. Dann kann es sogar sein, dass man schlafende Obdachlose prügelt oder anzündet. Furchtbar. Blinde Wut ist entsetzlich und hilft zu nichts. Also lieber denken. Und klar erkennen: Andere können oft nichts dafür, dass es mir schlecht geht. Und wenn sie doch etwas dafür können, hilft meine Wut nicht weiter. Mein Nachdenken schon eher. Es bleibt ja Vernunft. Vielleicht erkenne ich sogar: Heimzahlen nützt nichts. Ich will nicht den Geist der Gegner, ich will meinen Geist; möglichst einen guten, der uns weiterbringt. Überwinde das Böse mit Gutem. So könnte das gehen. So könnte ich leben. Ich darf ruhig laut werden. Aber vernünftig laut. Gott helfe mir dabei.

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