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Bin ich behindert?
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Bin ich behindert?

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt

„Mama, bin ich behindert?“, fragt die vierjährige Julia. „Wie kommst du darauf?“, fragt die Mutter zurück. Julia erzählt, dass das die Kinder im Kindergarten über ihren Bruder Johannes sagen: Der ist behindert. Und Julia fragt: „Wenn der behindert ist, bin ich es dann auch?“

Die Mutter setzt sich mit ihrer Tochter an den Tisch. „Nein, du bist nicht behindert. Aber die Kinder in deiner Kita haben recht. Johannes ist behindert.“ Julia will wissen, was das heißt. Die Mutter erklärt: „Johannes kann nicht alles so, wie du es kannst.“ Julia überlegt: „Stimmt. Er ist viel älter als ich, aber er kann nicht richtig sprechen.“ Die Mutter nickt: „Zum Beispiel. Er hat auch viel später laufen gelernt als du. Er braucht für vieles länger. Manches lernt er ganz anders als du.“

„Aber er ist doch der Johannes!“, sagt Julia. Sie kennt ihn nicht anders. Johannes hat das Downsyndrom. Bis jetzt hat sich seine Schwester Julia nie Gedanken darüber gemacht, warum er so ist, wie er ist. Für Julia ist er einfach ihr großer Bruder. Aber seitdem sie in den Kindergarten gekommen ist, hat sie immer wieder gemerkt: Sie lernt Sachen, bei denen Johannes nicht mitkommt. Schleife binden, mit der Schere schwierige Sachen ausschneiden – damit tut Johannes sich schwer. Aber er hört coole Musik, hat ein super Rhythmusgefühl und kann toll dazu tanzen. Ihr großer Bruder Johannes eben.

Die Mutter sagt: „Vielleicht hilft es dir, dass du jetzt weißt: Johannes hat eine Behinderung. Dann kannst du ihn besser verstehen, wenn er mal anders ist als du, wenn er sich mit Sachen schwertut, die du babyleicht findest. Aber ob behindert oder nicht behindert, darauf kommt es nicht an. Es ist nämlich genau so, wie du das gesagt hast: Der Johannes ist der Johannes und du bist die Julia.“

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