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Überraschungen
Bild: Gerd Altmann/Pixabay

Überraschungen

Tina Oehm-Ludwig
Ein Beitrag von

Tina Oehm-Ludwig,

Evangelische Pfarrerin, Versöhnungskirche Fulda
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Kürzlich hat mich eine biblische Geschichte überrascht, obwohl ich sie seit langem kenne: die Josef-Geschichte. Schon als Kind habe ich sie geliebt und jedem erzählt, dem ich begegnet bin. Auch Ihnen möchte ich diese Geschichte aus dem Alten Testament heute erzählen – und Sie an meiner Überraschung teilhaben lassen.

Vater Jakob hat zwölf Söhne. Und Josef ist der Lieblingssohn. Deshalb bekommt er als einziger einen bunten Mantel geschenkt. Außerdem hat Josef seltsame Träume. Er träumt, dass seine Brüder und sogar seine Eltern sich ehrfurchtsvoll vor ihm verneigen. Den Brüdern ist er fortan ein Dorn im Auge. Sie sind neidisch auf Josef und ärgern sich über seine Arroganz. So verkaufen sie ihn bei der nächstbesten Gelegenheit als Sklaven nach Ägypten. Sie berauben ihn von einem Moment auf den anderen seiner Familie, seiner Heimat und seiner Freiheit. In Ägypten kommt Josef in das Haus eines hohen Beamten im Dienst des Pharao. Als dessen Frau ein Auge auf ihn wirft, weist er sie zurück. Aus gekränkter Eitelkeit sorgt sie dafür, dass Josef im Gefängnis landet. Dort deutet er die Träume zweier Mitgefangener. Einer der beiden ist der Mundschenk des Pharao. Er wird wieder in sein Amt eingesetzt und verspricht Josef, ein gutes Wort für ihn beim Pharao einzulegen. Doch der Mundschenk vergisst sein Versprechen. Josef bleibt im Gefängnis. Bis der Pharao eines Tages selbst seltsame Träume hat, die seine Weisen nicht zu deuten vermögen. Jetzt erinnert sich der Mundschenk an den hebräischen Sklaven. Daraufhin wird Josef aus dem Gefängnis geholt. Mit Gottes Hilfe deutet er die Träume des Pharao von den sieben mageren und den sieben fetten Ähren, von den sieben mageren und den sieben fetten Kühen. Später legt er noch einen Rettungsplan gegen die drohende Hungersnot vor. Dadurch wird Josef über Nacht zum zweitmächtigsten Mann in ganz Ägypten.

Eines Tages erreicht die Hungersnot auch Josefs Heimatland Kanaan. Daraufhin machen sich seine Brüder auf den Weg nach Ägypten, um Korn zu kaufen. Josef erkennt sie sofort, doch er gibt sich ihnen nicht zu erkennen. Vielmehr stellt er seine Brüder auf die Probe: Wenn sie das nächste Mal kommen, sollen sie ihren jüngsten Bruder Benjamin mitbringen. Einige Zeit später kehren die Brüder zusammen mit Benjamin nach Ägypten zurück. Josef scheint zufrieden zu sein. Doch nach ihrem Treffen schmuggelt er Benjamin seinen silbernen Becher unter. Alles deutet darauf hin, dass der Jüngste den Becher gestohlen hat. Benjamin droht die Sklaverei. Doch seine Brüder lassen ihn nicht im Stich. Und nun gibt sich Josef zu erkennen. Er überhäuft die erschrockenen Brüder mit Geschenken und lässt schließlich seinen Vater Jakob mitsamt der Großfamilie zu sich nach Ägypten holen. Siebzehn Jahre später stirbt Vater Jakob. Jetzt haben die Brüder Angst. Sie fürchten, dass Josef für das, was sie ihm einst angetan haben, späte Rache üben könnte. Sie lassen ihm ausrichten, ihr Vater hätte gewollt, dass er ihnen vergebe. Sie bitten ihn schließlich auch selbst um Vergebung. Doch Josef sagt zu ihnen: „‘Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen.‘ Und Josef tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“ (1. Mose 50,20-21) Ende gut, alles gut!

Musik  G.F. Händel, Joseph and His Brethren, Part 3, Sinfonia

Biblische Geschichten können einen immer wieder überraschen. Man kann immer wieder neue Seiten an ihnen entdecken. So hatte ich schon viele Male den Ausspruch Josefs gelesen: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Natürlich, die Brüderdachten sich etwas Böses, als sie Josef in die Sklaverei verkauften. Sie wollten den ungeliebten Bruder loswerden. Gott dachte sich aber etwas Gutes: Er wollte durch Josefs Wirken am Hof des Pharao viele Menschenleben – darunter Josefs eigene Familie – vor dem Hungertod bewahren. Doch was dachte Josef eigentlich bei der ganzen Sache? Das hatte ich mich bislang nie gefragt. Ich ging der Sache nach und las die Geschichte noch einmal. Mit Verwunderung stellte ich dabei fest: Josef hat anscheinend überhaupt nicht gedacht. Er hat – im Unterschied zu Gott und den Brüdern – auch keinerlei Pläne verfolgt, sondern sich in jede Situation einfach eingefügt.

Ich finde das erstaunlich. Denn an Josefs Stelle würde ich mir sehr wohl meine Gedanken machen. Vermutlich wir alle. Wenn plötzlich das ganze Leben in sich zusammenstürzt, wenn einem mit einem Mal der Boden unter den Füßen weggerissen wird, wenn man von jetzt auf gleich Familie, Heimat und Freiheit verliert und wenn dann auch noch ein Rückschlag auf den anderen folgt: Dann kommt man doch ins Nachdenken. Dann kommt man doch ins Grübeln. Dann fragt man sich doch: „Warum lässt Gott das zu? Warum hilft er mir nicht? Sieht Gott mich überhaupt?“ Oder man begehrt auf, wehrt sich mit aller Kraft und sucht verzweifelt nach einem Ausweg. Doch Josef scheint das alles nicht zu tun. Jedenfalls lese ich in der biblischen Erzählung nichts davon. Ich kann mir gut vorstellen: Auf dem Weg nach Ägypten und im Gefängnis hat es dunkle Momente für Josef gegeben. Momente, in denen er im Gebet mit Gott gerungen hat. Momente, in denen er seinen Schmerz und seine Wut herausgeschrien hat. Momente, in denen er Gott sein Leid geklagt und ihn deswegen vielleicht auch angeklagt hat. Aber davon wird nichts berichtet. Josef kommt allem Anschein nach nicht ins Grübeln. Er quält sich nicht mit schweren Gedanken. Er versucht nicht krampfhaft, sein Leben zu planen, sondern überlässt das Planen Gott.

Ich kann mir das nur so erklären: Josef hat Gott vertraut. Er hat felsenfest geglaubt: „Ich bin nicht allein – nicht auf meinem Weg in die Sklaverei und auch nicht in den langen dunklen Nächten im Gefängnis. Gott ist bei mir. Und er wird es nicht zulassen, dass ich ins Bodenlose falle. Dass ich wahnsinnig werde in meinem Schmerz – über das Unrecht, das mir angetan wurde, über die Verluste, die ich hinnehmen musste, über die Möglichkeiten, die mir genommen wurden. Gott sieht mich – hier und jetzt. Mit seiner Hilfe wird es irgendwie weitergehen.“ Josef hat Gott vertraut. Und in diesem Vertrauen hat er durchgehalten. Dieses Vertrauen wünsche ich mir auch für mein Leben – gerade für die schweren Zeiten. Gerade dann, wenn alles ausweglos erscheint, möchte ich wie Josef darauf vertrauen: Es gibt einen Weg. Und egal, welcher Weg vor mir liegt: Ich bin nicht allein. Josef hat nicht gedacht oder geplant, sondern er hat vertraut. Das ist die eine Überraschung. Das ist die eine neue Seite, die ich an der altbekannten Josefgeschichte entdeckt habe.

Musik  G.F. Händel, Joseph and His Brethren, Part 1: Be firm, my soul

Ich habe in der Josefgeschichte noch etwas für mich Neues und Überraschendes entdeckt: Ich denke, Josef hat seinen Brüdern nicht vergeben. Josef erkennt am Ende zwar Gottes Plan hinter seinem Geschick. Er erkennt einen Sinn in seinem Leiden. Doch er sagt an keiner Stelle die Worte: „Ich vergebe euch.“ Wir schließen das nur aus Josefs großzügigem Handeln gegenüber seinen Brüdern. Aber genau genommen hat er ihnen nicht vergeben – weder bei ihrem Wiedersehen in Ägypten noch in der Zeit danach. Die Brüder leben noch immer mit der Angst vor Josefs Rache – auch nach siebzehn gemeinsamen Jahren in Ägypten und erst recht nach dem Tod von Vater Jakob. Sie bitten Josef noch einmal eindringlich um Vergebung – zunächst im Namen ihres verstorbenen Vaters und dann auch in ihrem eigenen Namen. Aber auch jetzt wird nicht gesagt, dass Josef ihrer Bitte nachkommt. Er sagt zwar zu den Brüdern, dass sie sich nicht fürchten müssen und dass er sie versorgen werde. Er tröstet sie zwar und redet freundlich mit ihnen. Aber er spricht nicht die erlösenden Worte: „Ich vergebe euch“. Ich denke, Josef hat seinen Brüdern nicht vergeben. Er wird uns in dieser Geschichte nicht als ein Ideal vor Augen gestellt, sondern ganz und gar als Mensch. Und als Menschen sind wir nicht in der Lage, alles und jedem zu vergeben.

Das hebräische Wort für „vergeben“ kann auch mit „tragen“ übersetzt werden. Das bedeutet: Wer einem anderen Menschen vergibt, der trägt ein Stückweit dessen Schuld – für ihn oder zumindest mit ihm. Genau darum bitten die Brüder Josef: Er soll ihnen vergeben, er soll ihre Schuld tragen. Als Entschädigung dafür werfen sie sich vor Josef nieder, bieten sie sich ihm als Knechte an. Doch da macht Josef nicht mit. Da kann er nicht mitmachen. Denn er ist nicht Gott – so mächtig er als Stellvertreter des Pharao auch sein mag. „Stehe ich denn an Gottes statt?“, antwortet er seinen Brüdern. Josef ist nicht Gott, sondern ein Mensch. Daher übt Josef keine Rache. Das ist Gottes Sache: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Daher kann Josef die Schuld der Brüder aber auch nicht vergeben. Er kann sie nicht für oder mit ihnen tragen – zumindest nicht diese Schuld.

Musik  G.F. Händel, Joseph and His Brethren, Part 1: Ouverture

 

Die Schuld der Brüder an Josef bleibt bestehen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Geschichte letztlich gut ausgegangen ist. Denn was die Brüder Josef angetan haben, wird durch den guten Ausgang der Geschichte nicht richtig. Dass sich das böse Tun der Brüder letztlich gut ausgewirkt hat, rechtfertigt nicht das böse Tun selbst. Und dass Gott aus Bösem Gutes machen kann, hebt die Verantwortlichkeit des Menschen für sein Tun nicht auf. Die Schuld der Brüder an Josef bleibt bestehen. Sie darf auch nicht in ein höheres Interesse aufgehoben werden. Josef sagt: „Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.“ Ein großes Volk am Leben zu erhalten – das war das Ziel. Das war der Zweck. Aber der Zweck heiligt noch lange nicht die Mittel.

Und deshalb müssen die Brüder lernen, mit ihrer Schuld zu leben. Doch sie sollen mit ihrer Schuld auch leben können. Und zwar nicht als Knechte ihres Bruders, nicht als Sklaven dessen, den sie selbst einst zum Sklaven gemacht haben, sondern als freie Menschen. Dabei hilft ihnen Josef. Ihre Schuld vergeben, sie stellvertretend für sie tragen, das kann er nicht. Das schafft er nicht. Aber er hilft seinen Brüdern, mit ihrer Schuld zu leben. Indem er ihnen und sich selbst eine Zukunft eröffnet. Er redet freundlich mit ihnen und tröstet sie. Er übernimmt die Versorgung für sie und ihre Familien, trägt Verantwortung für ihr gemeinsames Leben. Die Brüder sollen nicht an ihrer Schuld ersticken, sondern sie sollen aufatmen und weiterleben können. Aber dass Josef und seine Brüder von nun an ein Herz und eine Seele gewesen wären – davon wird nichts berichtet.

Vielleicht gibt es Schuld, die wir Menschen einander nicht vergeben können. Weil die Verletzung zu groß ist, weil der Schmerz zu tief sitzt. Schuld, die nur Gott vergeben, die nur Gott stellvertretend tragen kann. Das ist mir an der Josef-Geschichte deutlich geworden. Und noch etwas anderes: Auch wenn wir Menschen einander nicht jede Schuld vergeben können, können wir dennoch etwas tun: Wir können dazu beitragen, dass der andere mit seiner Schuld leben kann. Er soll nicht Sklave seiner Schuld sein, indem wir ihn immer wieder daran erinnern, indem wir immer wieder damit anfangen. Er soll zur Ruhe kommen, er soll aufatmen und weiterleben können. Ich denke, wenn uns das gelingt, dann haben wir viel geschafft. Alles andere dürfen wir getrost in Gottes Hand legen.

Musik  G.F. Händel, Joseph and His Brethren, Part 1: Ouverture

Biblische Geschichten können einen immer wieder überraschen. Man kann immer wieder neue Seiten an ihnen entdecken. Auch an seinen Brüdern hat Josef eine neue Seite entdeckt: Sie sehen nicht mehr nur ihre eigenen Interessen – wie damals bei ihm. Sondern sie setzen sich für ihren jüngsten Bruder Benjamin ein. Sie kämpfen für seine Freiheit und sind sogar bereit, ihr Leben für ihn zu geben. Diese neue Seite an seinen Brüdern hätte Josef nicht entdeckt, wenn er sie bei ihrer ersten Begegnung in Ägypten in Grund und Boden gestampft, wenn er sie vernichtet hätte. Die Möglichkeit, die Macht dazu hätte er gehabt – sogar ohne die Angabe von Gründen, ohne sich dafür rechtfertigen oder unangenehmen Fragen stellen zu müssen. Aber er hat das nicht getan, sondern er hat seinen Brüdern eine zweite Chance gegeben. Er hat sie wahrscheinlich nicht geliebt, er hat ihnen auch nicht wirklich vergeben, aber er hat ihnen eine zweite Chance gegeben. Vielleicht ist das auch ein Weg für uns, wenn Menschen uns Unrecht getan oder Leid zugefügt haben: Wir versuchen, sie nicht fertigzumachen und sie auch nicht für alle Zeiten abzuschreiben. Wir versuchen, ihnen eine zweite Chance zu geben. Vielleicht entdecken wir dann eine ganz neue Seite an ihnen. Vielleicht überraschen sie uns.

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