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"Tod allen Fahrraddieben!"
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"Tod allen Fahrraddieben!"

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt
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Einem Freund von mir wurde das Fahrrad gestohlen. Ein echtes Lieblingsstück. Er hatte es mit zwei schweren Schlössern abgesperrt. Das hat nichts geholfen. Beide Schlösser wurden geknackt.

Er postet den Diebstahl im Internet in einer Gruppe, die „gestohlene Fahrräder“ heißt. Er schreibt: „Wenn ihr so ein Fahrrad seht, könnt ihr ja mal freundlich nachfragen – Gefühlslage traurig…“ Viele antworten: „So ein schönes Fahrrad“, „Tut mir leid“, „Ist mir auch schon passiert“ und „Ich halte die Augen auf.“ Es gibt auch ein paar neunmal kluge Ratschläge: „Selber schuld! So ein Fahrrad lässt man nicht draußen stehen.“

Dann postet einer: „Tod allen Fahrraddieben!! Einmal pro Woche öffentlich killen. Nach 3 Wochen klaut nie wieder einer eins.“ Und er legt nach: „Scheiß drecks Rechtsstaat! Politikversager!“ Drei Leute geben dem Post ein Like. Das ist keine Massenbewegung. Ich denke trotzdem: Geht’s noch? Für einen Fahrraddiebstahl fordert da jemand die Todesstrafe und verabschiedet eben mal so den Rechtsstaat.

Ich telefoniere mit meinem Freund, dem das Fahrrad geklaut wurde, und frage ihn: „Kennst du den?“ Er sagt: „Nein. Das ist ja eine öffentliche Gruppe, da kann jeder seinen Dampf ablassen.“

Er will den Post erst unkommentiert lassen. Aber dann schreibt er doch in die Gruppe: „Vielen Dank für euer Mitgefühl. Auch wenn ich mich sehr über den Diebstahl ärgere, lege ich die weitere Verfolgung des Themas gerne in die Hände der Profis. Nix öffentlich hinrichten und so. Rechtsstaat ist ne coole Sache, so alles in allem. Hey, es ist dann doch auch nur: ein Fahrrad.“

Ich finde seinen Post gut. Manche Sachen kann man nicht einfach stehen lassen, sondern muss einen Kontrapunkt setzen.

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