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Sehr weiß und ungeheuer oben
Bildquelle: pixabay

Sehr weiß und ungeheuer oben

Heidrun Dörken
Ein Beitrag von

Heidrun Dörken,

Evangelische Pfarrerin, Senderbeauftragte für den Hessischen Rundfunk

Wer sich im Alltag nach Exotik oder Poesie sehnt, kann einfach aus dem Fenster schauen oder vor die Tür treten. Dann nach oben blicken – und da sind sie, jedenfalls oft: Stratus, Kumulus oder Zirrus. Zu Deutsch: Schleier-, Schäfchen- oder Federwolken. Diese flüchtigen Wunderwerke haben schon die biblischen Dichter entzückt. Sie loben Gott besonders für die Wolken: „Wenn ich den Himmel betrachte, die Werke deiner Finger! Deine Wahrheit reicht, soweit die Wolken gehen“ .

Physikalisch geht es nüchterner zu, aber genauso erstaunlich: Eine große Schönwetterwolke, scheinbar leicht und fluffig, kann so schwer sein wie vierzig Elefanten. Wolken sind gesammelte Wassertröpfchen oder Eiskristalle. Sie wären eigentlich unsichtbar. Doch das streuende Licht lässt sie schneeweiß, grau, schwarz oder manchmal rosarot erscheinen. 

Menschen, die enttäuscht sind, wenn die Wettervorhersage meldet: „Heute Sonnenschein, wolkenloser Himmel“, haben sich zusammengeschlossen zur „Vereinigung der Wolkenfreunde“ . Es sind rund 36.000 Mitglieder aus 111 Ländern, davon knapp 1000 aus Deutschland. Über das Internet tauschen sie schöne oder seltene Wolkenfotos aus oder treffen sich zum gemeinsamen Schauen. Und sie treten ein gegen etwas, was sie „Blauer-Himmel-Denken“ nennen. Damit meinen sie: Wieso werden Urlaubsorte so oft damit beworben, dass der Himmel immer blau ist? Als sehe so das Glück aus. Im Gegenteil! Für Wolkenfreunde ist ein immer blauer Himmel  langweilig.

Bestimmt werden sich diese Wolkenfreunde nicht allesamt in religiösen Fragen gut auskennen. Auch wenn gerade sie das Eine gut nachvollziehen können: Biblische Bilder zeigen die Herrlichkeit Gottes in einer Wolke verborgen . Die ersten Christen haben die Wiederkunft von Christus auf die Erde in einer Wolke erwartet . Was die Wolkenfreunde motiviert, ist auch für religiöse Menschen wichtig: Staunen, träumen und bewundern. Und zwar ganz demokratisch und kostenlos.

Was an den Wolken so faszinierend ist? Sie scheinen den Menschen verwandt zu sein. Sie sind schön, wirken manchmal bedrohlich, spenden Schatten, lassen es regnen oder schneien. Und doch sind sie bald wieder verwandelt, immer in Bewegung und vergänglich. Als würde sich das menschliche Dasein am Wolkenhimmel spiegeln.

Weil sie so ungeheuer hoch oben sind, zart und mächtig zugleich, nehmen sie mich mit in eine andere Sphäre. Und gleichzeitig kann ich die Welt und mich in ihnen finden. Wieder ein Kind sein. Auf dem Rücken auf einer Wiese liegen und stundenlang in den Himmel schauen. Seltsame Fabelwesen oder Tiere in ihren Umrissen entdecken, manchmal auch einfach nur Schäfchen zählen.
Warum sich nicht auch als erwachsener Mensch Wolken-Phantasien und Wolken-Augenblicke gönnen? Sie machen den Kopf und die Seele frei und leicht. Ich erlebe einen Moment der Ruhe und Poesie mitten am Werktag. Wenn ich will, kann ich einstimmen in das Lob des Schöpfers dieser Kunstwerke. Das alles schenkt mir einfach ein Blick in den Himmel, wenn ich eine Wolke sehe. 

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