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Quo vadis? Der Fischer vom See Tiberias

Quo vadis? Der Fischer vom See Tiberias

Harald Seredzun
Ein Beitrag von

Harald Seredzun,

Katholischer Pfarrvikar, Pfarrei Sankt Maria Magdalena, Rheinhessen
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Ich wäre gern einmal dabei gewesen, als Jesus, von den Toten auferstanden, seinen Jüngern erschienen ist. Wie viel leichter wäre es dann, an die Auferstehung von den Toten zu glauben, wie inbrünstig könnte ich das Halleluja mitsingen, das in dieser österlichen Zeit erklingt! So habe ich schon oft gedacht. Aber wäre das wirklich so, war es für die Jünger damals wirklich leichter, zu glauben? Mir kommen Zweifel, wenn ich die Erzählungen von der Erscheinung des Auferstandenen lese. Heute ist wieder so eine Erzählung dran in den katholischen Gottesdiensten:

Da lese ich im Evangelium nach Johannes (Joh 21,1-19): „In jener Zeit offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal am See von Tiberias. Er offenbarte sich in folgender Weise: Simon Petrus, Thomas, genannt ‚der Zwilling‘, Nathanael, die Söhne des Zebedäus und zwei andere waren zusammen. Simon Petrus sagte: ‚Ich gehe fischen.‘ Da sagten die anderen: ‚Wir gehen mit‘. Sie stiegen also in das Boot, aber die ganze Nacht über fingen sie nichts. Als es Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch sie erkannten nicht, dass es Jesus war.“

Hier möchte ich schon innehalten mit dem Evangelium. Da ist bereits einiges gesagt, was mich nachdenklich macht. Es heißt: Jesus offenbarte sich noch einmal - noch einmal, es war also nicht die erste Erscheinung des Auferstandenen. Schon mehrmals ist er den Jüngern erschienen. Und jedes Mal erkannten sie ihn zunächst nicht. Wie ist das zu verstehen? Sie sind doch lange genug mit ihm durchs Land gezogen, sie waren mit ihm innig vertraut, warum erkennen sie ihn nicht? Es ist etwas Geheimnisvolles um diese Erscheinungen.

Eigentlich ist der auferstandene Jesus unsichtbar, so wie Gott unsichtbar ist. Der Auferstandene bewegt sich nicht mehr in der sichtbaren Welt von Raum und Zeit. Er gehört der unsichtbaren Welt jenseits des Todes an. Wenn er sich dennoch zeigt, wenn er erscheint, muss diese unsichtbare Welt,  muss so zu sagen das Jenseitige irgendwie ins Diesseitige hineinbrechen. Ich merke, meine Vorstellungskraft wankt schon, sie reicht nicht aus, um in das Geheimnis einzudringen. Ich denke jedenfalls,  dass Petrus und die anderen Jesus nicht so gesehen haben wie früher, wie vor seinem Tod. Es war vielleicht überhaupt kein Sehen mit den Augen, sie hatten vielleicht gar keine optische Wahrnehmung, es war vielleicht ein Sehen ganz anderer Art, ein Sehen des Herzens. Vielleicht, vielleicht – ich kann meine Unsicherheit nicht verbergen.

Ich vermute nicht, dass sie sich etwas eingebildet haben. Wenn die Erzählung sagt, Petrus und die anderen gehen fischen, sie gehen also wieder ihrem alten Beruf nach,  dann ist da nicht von Menschen die Rede, die in Phantasien schwelgen, die Illusionen nachlaufen, die sich in Träumen verlieren. Ihr Lebenstraum ist ja geplatzt. Der, den sie als Messias, als Befreier ihres Volkes angesehen haben, ist schmählich gescheitert, wurde hingerichtet. Alles schien am Ende. Sie müssen in ihr früheres, graues Alltagsleben zurückkehren. Sie fahren bei Nacht auf den See und kehren oft mit leeren Netzen zurück. Bei Nacht fahren sie hinaus, das verstehe ich nicht bloß als eine Zeitangabe, Nacht ist in ihr Leben eingebrochen, alle Lichter der Hoffnung sind erloschen. Nacht umfängt ihre Seelen. Aber dann heißt es im Evangelium: als es Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Das bedeutet: Hoffnung kehrt zurück.

Musik 1: Johann Sebastian Bach: "Erschienen ist der herrlich Tag" BWV 628 (CD: J.S. Bach, "Orgelbüchlein", Francesco Cera / Coro della Radiotelevisione Svizzera / Diego Fasolis, CD 2,Track Nr. 19)

Das Evangelium erzählt die Begegnung des auferstandenen Jesus mit Jüngern, die gerade vom Fischen zurückkommen so: „Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch sie erkannten nicht, dass es Jesus war.“ Sie erkennen nicht, dass neues Licht in die Dunkelheit ihres Lebens kommt. In der Erzählung heißt es weiter:

„Jesus fragte sie: ‚Habt ihr etwas zu essen‘? Sie antworteten: ‚Nein‘. Da sagte er: ‚Werft euer Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, ihr werdet etwas finden‘. Sie warfen es aus, und sie konnten es nicht mehr einholen – so voller Fische war das Netz. Da sagte Johannes zu Petrus: ‚Es ist der Herr‘.“

Habt ihr etwas zu essen? fragt Jesus. Da geht es nicht einfach um gewöhnliche Nahrungsaufnahme, das bedeutet vielmehr: wisst ihr, wovon ihr leben könnt? Sie antworten: Nein. Wenn der Lebenstraum zerplatzt ist, wenn die Welt eingestürzt ist, wenn der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, dann weiß man nicht mehr, wie es im Leben weitergehen soll.

Doch sie werfen ihr Netz aus, und es ist so voller Fische, dass sie es nicht mehr einholen können. Das übervolle Netz – es ist für mich ein Bild für die Überfülle an Hoffnung, an Lebenssinn, den die Jünger in der Begegnung mit Jesus finden. Schon einmal haben sie das erlebt. Bei der ersten Begegnung mit Jesus hatten sie auch eine Nacht lang vergeblich das Netz ausgeworfen, waren mit leerem Netz zurückgekehrt, waren auf Jesu Wort hin noch einmal hinausgefahren und füllten ihre Netz voll bis zum Zerreißen. Die Erinnerung daran schießt hoch: ‚Es ist der Herr‘, sagt Johannes. Es ist der Herr, der Tod hat ihn nicht festgehalten, nicht weggenommen, er ist da, er ist da in unserem Alltag, er ist da in unserer Leere, unserer Hoffnungslosigkeit, er ist da in unserer Sterblichkeit und gibt uns Auferstehung und Leben.

Das Evangelium erzählt weiter: „Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, sprang er in den See, um ganz schnell an das Ufer zu schwimmen, um ganz schnell bei ihm zu sein. Die anderen kamen mit Boot und Netz hinterher. Als sie an Land gingen, sahen sie ein Feuer, auf dem bereits Fisch und Brot zubereitet wurden. Jesus sagte: ‚Bringt noch von den Fischen, die ihr eben gefangen habt‘. … Dann sagte er: ‚Kommt und esst‘! Und er gab ihnen Brot und Fisch.“

Simon Petrus ist überwältigt von der Begegnung mit dem Auferstandenen, obwohl er diese Begegnung schon mehrmals erlebt hat. Er und die anderen machen erneut die Erfahrung: Jesus gibt ihnen Leben, unzerstörbar, er gibt allen Kämpfen. Mühen, Leiden, allen Siegen und Niederlagen Sinn. Fisch und Brot liegen auf dem Feuer bereit, schon bevor sie mit ihrem Fang kommen. Gleichwohl fordert Jesus sie auf, ihren Fang dazu zu geben. Was Menschen sich erarbeiten, erkämpfen, was Menschen schaffen, trägt zur Erfüllung ihres Lebens bei, aber letztlich wir ihnen diese Erfüllung geschenkt.

Musik 2: Wolfgang Amadeus Mozart: "Menuetto" aus: Serenade in D-Dur KV 100 (CD: Mozart – Serenades / Tapiola Sinfonietta, Track Nr. 14)

Petrus konnte es nicht abwarten, Jesus erneut zu begegnen, er sprang in den See und schwamm ans Ufer, um so schnell wie möglich bei ihm zu sein. Aber da warteten auf ihn Fragen, die ihn ins Herz trafen. Das Evangelium von der Begegnung mit dem auferstandenen Jesus am See Tiberias erzählt:

„Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: ‚Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich‘? Er antwortete: ‚Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe‘. Jesus sagte: ‚Weide meine Lämmer‘. Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich‘? Und wieder antwortete Petrus: ‚Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe‘. Jesus sagte: ‘Weide meine Schafe‘. Dann fragte er zum dritten Mal: ‚Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich‘? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal fragte. Er sagte: ‚Herr, du weißt alles, du weißt auch, dass ich dich liebe‘.“

Dreimal fragt Jesus, und Petrus wird traurig, weil er damit an die bitterste Stunde seines Lebens erinnert wird: damals, im Hof des Hohenpriesters, Jesus war verhaftet worden, da deutete eine Magd auf Petrus und sagte zu den Wachleuten: Dieser war auch bei diesem Jesus, bei diesem Aufrührer, er gehört zu seinen Anhängern. Petrus, zu Tode erschrocken, mutlos, leugnete, sagte: Ich kenne diesen Menschen nicht. Und das geschah nicht nur einmal, dreimal verleugnete Petrus seinen Herrn. Dann krähte der Hahn. Jesus hatte das vorausgesagt: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Petrus widersprach damals heftig: Und wenn ich mit dir sterben müsste, nie würde ich dich verleugnen. Er tat es doch. Es folgte ein seelischer Zusammenbruch.
Er verließ den Hof des Hohenpriesters, er weinte bitterlich.

Petrus wusste, warum Jesus ihn dreimal fragte: Liebst du mich? Kardinal Volk, früher Bischof von Mainz, hatte seine ganz eigene Auslegung dieser Bibelstelle. In Predigten tat er sie immer wieder kund: Warum fragt Jesus immer aufs neue ‚liebst du mich‘? Weil er die Antwort so gern hört: ‚Herr, du weißt alles, du weißt auch, dass ich dich liebe‘.

Musik 3: Johann Sebastian Bach, Arie "Ach, mein Sinn" aus der Johannespassion (CD: J.S. Bach, Johannespassion, Collegium Vocale, Gent, Orchestre de La Chapelle Royale, Paris, Philipp Herreweghe, William Kendall, CD 1, Track 13)

Die Erscheinungen des Auferstandenen dauern nicht an. Nach diesen geheimnisvollen Begegnungen finden sich Petrus und die anderen wieder in ihrer Alltagswelt vor, scheinbar von Jesus verlassen.

Vielleicht trauten sie ihren Erfahrungen selbst nicht: Haben wir ihn wirklich gesehen? Warum sehen wir ihn jetzt nicht mehr? War es wirklich keine Einbildung? Ist Auferstehung wirklich keine Illusion? Ich vermute: Sie kamen sich vor wie Menschen, die aus einem Traum erwachten, die das Gefühl hatten, ihre überwältigende Erfahrung sei gar nicht geschehen. 

Mein Wunsch, dabei gewesen zu sein, ist unerfüllbar. Aber selbst wenn er erfüllbar wäre, es brächte meinen Glauben wohl nicht weiter. Ich neige zu der Auffassung: Religiöse Erfahrungen, auch wenn sie ganz intensiv sind, selbst wenn es sogar visionäre Erfahrungen sind, ersetzen nicht den Akt des Glaubens. Solche Erfahrungen, so wertvoll sie sein mögen, befreien nicht von den Dunkelheiten des Lebens, sie kürzen die Nächte nicht ab. Es ist mein Glaube, der mich auf den neuen Morgen hoffen lässt, da Jesus am Ufer steht, meine leeren Netze füllt, mir Brot reicht, Leben ohne Ende gibt.

Musik 4: Wolfgang Amadeus Mozart: "Allegro" aus: Serenade in D-Dur KV 100 (CD: Mozart – Serenades / Tapiola Sinfonietta, Track Nr. 15)

Die Erzählung des Evangeliums schließt mit Worten, die für Petrus hart waren: „Jesus sagte zu Petrus: ‚Amen, amen, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und gingst, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst‘. Das sagte Jesus, um anzudeuten, welchen Tod Petrus sterben werde…“

Manche Ausleger der Bibel deuten die ausgestreckten Hände und das Gegürtet werden als Gefesselt werden. Sie sehen darin den Hinweis, dass Petrus Jesus in den Kreuzestod folgte.

Die Überlieferung sagt: Petrus, der Fischer vom See Tiberias, musste seine Heimat verlassen. Sein Weg führte ihn nach Rom, Zentrum der Macht, die im jungen Christentum eine Gefahr für das Imperium sah. Petrus hat seine Heimat vermutlich nie wieder gesehen. Alte Zeugnisse weisen darauf hin, dass Petrus tatsächlich das Martyrium erlitt, möglicherweise bei der ersten großen Christenverfolgung, die unter Kaiser Nero nach dem Brand Roms im Jahre 64 stattfand. Eine berühmte Legende erzählt: Petrus wollte Rom verlassen, um der Verfolgung zu entgehen. Auf seinem Weg begegnete er Jesus und fragt ihn: Quo vadis, wohin gehst du, Herr? Die Antwort: Ich gehe nach Rom, um mich nochmals kreuzigen zu lassen. Daraufhin kehrt Petrus um, wird gefangen genommen und selbst gekreuzigt, mit dem Kopf nach unten, weil er sich nicht für würdig hielt, genauso wie sein Herr gekreuzigt zu werden.

Du wirst geführt werden und gehen, wohin du nicht willst. Begegnung mit Jesus im Glauben kann es mit sich bringen, dass mein Weg nicht meinen Wünschen entspricht, dass dieser Weg mir manches abverlangt, was ich mir nicht aussuchen würde. Petrus, der Fischer vom See Tiberias, ging einen solchen Weg.

Ich wünsche mir die Weisheit des alten Kirchenliedes, in dem es heißt: So nimm denn meine Hände und führe mich. Das Wort Jesu an Petrus war eine Aufforderung, dem schweren Weg nicht auszuweichen. Es war zugleich eine Verheißung, dem folgen zu dürfen, der vom Tode erstanden ist. Der Fischer vom See Tiberias fragte: Quo vadis, wohin gehst du, Herr? Und er gab sich selbst die Antwort: er folgte ihm nach.

Musik 5: Johann Sebastian Bach, Arie "Ich folge dir gleichfalls" aus der Johannespassion (CD: J.S. Bach, Johannespassion, Collegium Vocale, Gent, Orchestre de La Chapelle Royale, Paris, Philipp Herreweghe, Barbara Schlick, CD 1, Track 9)

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