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Nachfolge
Bild: Treharris/Pixabay

Nachfolge

Tina Oehm-Ludwig
Ein Beitrag von

Tina Oehm-Ludwig,

Evangelische Pfarrerin, Versöhnungskirche Fulda
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Für viele ist sie die schönste Ostergeschichte der Bibel: Die Geschichte von den beiden Emmausjüngern. Für mich ist sie zugleich die schönste Nachfolge-Geschichte der Bibel. Hören Sie selbst:

Lukas 24, 13-35: Die Emmausjünger

13 Zwei von den Jüngern gingen an demselben Tag in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus.

14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten.

15 Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen.

16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.

17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen.

18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist?

19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk;

20 wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben.

21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist.

22 Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen,

23 haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe.

24 Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.

25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben!

26 Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?

27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.

28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen.

29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.

30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen.

31 Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen.

32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?

33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren;

34 die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen.

35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach.

Musik J.S. Bach, "Ach, bleib bei uns, Herr Jesu Christ" BWV 6, Nr. 3

Eine Oster- und Nachfolgegeschichte 

Die Geschichte von den beiden Emmausjüngern ist eine Ostergeschichte. Denn sie erzählt, wie es für jene beiden Jünger Ostern wird. Sie ist für mich eine besonders schöne Ostergeschichte, weil es für diese beiden Jünger nicht von jetzt auf gleich Ostern wird, sondern ganz allmählich – Schritt für Schritt. Ostern braucht eben manchmal ein bisschen Zeit. Denke ich an das Thema "Nachfolge", kommen mir zunächst einmal ganz andere Texte aus der Bibel in den Sinn – große und schwere Texte, die allesamt vom "Ernst der Nachfolge" sprechen. Zum Beispiel das Wort Jesu: "Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich." Dieses Wort und all die anderen Nachfolge-Texte sind so groß und schwer, dass ich mich schon oft gefragt habe: "Geht es nicht auch eine Nummer kleiner?"

Einander wahrnehmen

An der Geschichte von den beiden Emmausjüngern ist mir klargeworden: "Ja, es geht auch eine Nummer kleiner." Denn Nachfolge Jesu bedeutet doch nichts anderes, als Jesus in dem zu folgen, was er in seinem Leben getan hat. In der Geschichte von den beiden Emmausjüngern sieht Jesus. Er sieht die beiden Jünger. Er sieht sie allerdings nicht nur, wie man Menschen und Dinge in der Regel so sieht. Er nimmt sie auch wahr. Er nimmt wahr, wie traurig und enttäuscht sie sind – und wie ratlos. Darin besteht für mich Nachfolge Jesu: Einer sieht den anderen. Einer nimmt den anderen wahr – in seiner ganz besonderen Lebenssituation. Er nimmt ihn wahr in seiner Trauer, weil er einen geliebten Menschen verloren hat. Oder in den vielen anderen kleinen und größeren Traurigkeiten des Lebens: in seiner Einsamkeit, in seinem Schmerz darüber, dass eine Beziehung zerbrochen ist oder dass er nicht mehr hoffen kann oder dass er Gott nicht mehr vertrauen kann. Das alles sind ja Situationen, in denen sich Menschen befinden können. Das alles sind aber auch Situationen, in denen einer den anderen sehen, in denen einer den anderen wahrnehmen kann.

Musik Claude Debussy, Prélude No. 6 "Des pas sur la neige"

Zu anderen "hinzutreten"

In der Geschichte von den beiden Emmausjüngern sieht Jesus die zwei. Er nimmt sie wahr. Und: Er tritt zu ihnen hinzu. Er spricht sie an und fragt: "Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt?" Mit anderen Worten: "Was ist passiert? Was ist los in eurem Leben? Wer oder was hat euch in die Situation gebracht, in der ihr euch gerade befindet?" Wer Jesus nachfolgen will, der muss auch hinzutreten. Sein Sehen und Wahrnehmen muss ebenfalls in ein Hinzutreten münden.

Das ist nicht selbstverständlich

Doch das ist alles andere als selbstverständlich. Denn wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen zwar sehen, in der viele Menschen auch ganz genau hinschauen – nicht zuletzt bei Unglücken und Katastrophen. Sie tun dies allerdings nicht selten aus einer sicheren Entfernung heraus: Sie sitzen vor dem Fernseher oder sie gehen innerlichauf Distanz zu den Menschen in Not. Aus solchen Haltungen heraus kann jedoch niemand hinzutreten.

Manchmal scheue ich mich davor, zu einem anderen Menschen in seiner ganz besonderen Situation hinzuzutreten. Da meine ich: "Ich bin nicht die Richtigedafür."

Oder: "Das steht mir doch gar nicht zu." Oder: "Das kann ich nicht. Ich könnte etwas Falsches sagen oder tun und die ganze Situation dadurch nur noch schlimmer machen."

"Nicht hinzuzutreten ist der größere Fehler."

Auf der anderen Seite denke ich aber: "Nicht hinzuzutreten ist der größere Fehler." Vielleicht denken wir gelegentlich auch: "Die Menschen könnten mit ihren Fragen, Sorgen und Problemen ja auch zu uns kommen. Sie könnten ja auch an uns herantreten." Doch in den Situationen, in denen sich die Menschen befinden, ist es oft unmöglich, sich überhaupt zu bewegen. Trauer, Einsamkeit, Krankheit, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit oder auch Gefühle wie Scham und Schuld – das alles sind Situationen, in denen Menschen wie gefangen sind. Das alles sind Situationen, aus denen sie nicht einfach so, aus eigener Kraft heraustreten. Es sind Situationen, in die ein anderer von außen hinzutreten muss. So wie es Jesus in der Geschichte von den beiden Emmausjüngern getan hat. Und wie wir es in seiner Nachfolge tun können.

Musik C. Debussy, Prélude No. 6 "Des pas sur la neige"

Mit Zuhören geht es weiter

Sehen, wahrnehmen, hinzutreten – das ist für mich Nachfolge Jesu. Und wie geht es dann weiter, nachdem man hinzugetreten ist? In der Geschichte von den beiden Emmausjüngern gibt Jesus zwei Beispiele dafür, wie es weitergeht. Zum einen geht es mit Zuhören weiter. Jesus lässt sich von den beiden Jüngern ihre ganze traurige Geschichte erzählen – davon, was sie sich von Jesus erhofft, was sie von ihm erwartet haben. Wie er verurteilt und schließlich gekreuzigt wurde. Was einige Frauen und Männer am leeren Grab erlebt haben und die beiden Jünger nur noch mehr in Angst und Schrecken versetzt hat. Jesus lässt sich das alles erzählen. Er unterbricht sie nicht. Er hört ihnen einfach zu. Mit Zuhören geht es weiter, nachdem man hinzugetreten ist.

Hilfe, um Erfahrungen zu deuten

Zum anderen geht es damit weiter, dass man den Menschen, zu denen man hinzugetreten ist, hilft, ihre Erfahrungen neu zu deuten. Auch das tut Jesus. Nachdem die Jünger ihre Sicht der Dinge dargelegt haben, vermittelt ihnen Jesus eine andere Sichtweise. Er eröffnet ihnen ein neues bzw. überhaupt ein Verständnis der Ereignisse in Jerusalem. Er sagt: "Es musste alles so kommen. Es hat alles einen Sinn." Nun sind wir nicht Jesus. Vor vielem, was wir sehen, was wir im Leben anderer Menschen wahrnehmen, stehen wir ebenso fassungslos und sprachlos wie die Betroffenen selbst. Aber im Unterschied zu diesen ist uns immerhin ein Blick von außen möglich. Aber im Unterschied zu diesen ist uns immerhin ein Blick möglich, der fragt: "Kann man das, was geschehen ist, vielleicht auch anders sehen?"

Der Blick des Glaubens

Dieser Blick von außen kann der Blick des Glaubens sein. Als Christinnen und Christen haben wir nicht unbedingt eine andere Deutung dessen, was passiert ist. Wir haben nicht unbedingt ein neues oder überhaupt ein Verständnis der Dinge, die geschehen sind. Aber unser Blick auf die Dinge ist durch unseren Glauben geprägt. Durch ihn haben wir eine ganz bestimmte Sicht auf die Welt: Sie ist von Gott geschaffen. Durch unseren Glauben haben wir eine ganz bestimmte Sicht auf den Menschen: Er ist zu Gottes Ebenbild geschaffen. Und: Durch den Glauben haben wir eine ganz bestimmte Sicht auf das Leben: Unser Leben ist gewollt und bejaht. Es ist davon befreit, sich ständig um sich selbst drehen zu müssen. Es kann lieben und vertrauen. Unser Leben wird nicht fallengelassen, wenn wir versagen – es lebt aus der Vergebung und ist selbst zur Vergebung fähig. Und schließlich: Auch der Tod kann es nicht auslöschen. Denn unser Leben ist von einer Hoffnung getragen, die über dieses Leben hinausreicht.

Von unserem Glauben erzählen

Diese Sicht können wir zum Ausdruck bringen. Wir können von unserem Glauben erzählen. Manchmal stammeln wir vielleichtund versuchen, die Bruchstücke unseres Glaubens irgendwie zusammenzusuchen. So wie Caroline, von der ich vor kurzem gelesen habe: "Caroline hatte das eigentlich gehasst. Nicht alles im Konfirmandenunterricht war schlecht gewesen, manches sogar interessant, aber das Auswendiglernen war für sie der Inbegriff einer verstaubten, sinnentleerten Kirche. "Warum tue ich mir das an?", hatte sie sich mehr als einmal gefragt. Das Vaterunser immerhin und das Glaubensbekenntnis konnte sie recht bald – auswendig jedenfalls. Der Pfarrer hatte sich viel Mühe gegeben, die Bilder zu erklären, aber Caroline leuchtete nichts davon ein. So hatte sie sich gequält, hatte die leeren Worthülsen gepaukt und schließlich mit Ach und Krach aufgesagt. Abgehakt. Und vergessen. Bis heute: Sieben Jahre nach der Konfirmation. Schwesternschülerin im letzten Jahr der Ausbildung ist sie. Und hier sitzt sie auf der Intensivstation des Krankenhauses am Bett einer Sterbenden. Die hält ihre Hand fest, als wollte sie sie nie wieder loslassen. Und eben hatte sie noch einmal alle Kräfte zusammengenommen und geflüstert: "Beten Sie mit mir, bitte." Jetzt liegt die Frau da, die Augen geschlossen. Was soll ich beten?

Was gibt es hier zu sagen? Welche Worte soll ich finden? Und dann kommen sie wie von selbst heraus aus vermeintlich verschütteter Erinnerung: alte Worte, von anderen Betern tausendfach gebetet, fremd und doch vertraut. Caroline spricht: ‚Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name…‘. Und die Sterbende lächelt."

Musik Max Reger, Die Nacht ist kommen, Strophe 1 und 3

Dabei bleiben

Wer zu einem anderen Menschen hinzutritt, ihm zuhört oder von seinem Glauben erzählt oder mit ihm betet, der bleibt dabei. Der läuft nicht gleich wieder weg. Er nimmt sich Zeit und hält die Situation mit aus – zumindest für einen Moment. Mehr verlangt niemand. Auch Jesus ist nicht auf Dauer bei den Emmausjüngern geblieben. Die beiden hätten das sicherlich gern gehabt. Sie hätten sicherlich gern noch mehr von Jesus gehört und ihm gern noch mehr von sich erzählt. "Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt." Das hätten sie sicherlich auch am nächsten und am übernächsten Abend wieder zu Jesus gesagt.

Dabeibleiben ist keine Dauereinrichtung

Aber das Dabeibleiben ist keine Dauereinrichtung. Jesus musste zurück zu seinem Vater im Himmel. Und wir müssen zurück in unser Leben und in unsere eigenen Lebenssituationen. Aber für einen Moment können wir bei einem anderen Menschen in seiner ganz besonderen Lebenssituation dabeibleiben. So wie Caroline es getan hat – und wie wir es selbst sicherlich schon getan haben. Für einen Moment können wir mit einem anderen aushalten. Und das ist eine ganze Menge. Das ist Nachfolge Jesu.

Die Geschichte von den Emmausjüngern ist auch eine Hoffnungsgeschichte

Die Geschichte von den beiden Emmausjüngern ist für mich übrigens auch eine Hoffnungsgeschichte. Denn sie weckt in mir die Hoffnung, dass es mir genauso gehen kann wie den beiden Jüngern damals. Dass Jesus sich mir naht auf dem Weg, den ich gerade zu gehen habe. Dass er sich mir naht in der Situation, in der ich mich gerade befinde. Vielleicht naht er sich mir nicht so leibhaftig wie in der Geschichte von den beiden Emmausjüngern, aber dennoch spürbar: in dem sicheren Gefühl, nicht allein zu sein. Und vielleicht naht Jesus sich mir auch ganz konkret in einem anderen Menschen – in einem Menschen, der ihm nachfolgt. In einem Menschen, der mich sieht und wahrnimmt. Und der sich von dem, was er da sieht und wahrnimmt, nicht schrecken lässt, sondern der zu mir hinzutritt und bei mir bleibt – zumindest für einen Moment.

J.S. Bach, Ach, bleib bei uns, Herr Jesu Christ, BWV 649

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