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Nein sagen und trotzdem anpacken
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Nein sagen und trotzdem anpacken

Ralf Schweinsberg
Ein Beitrag von

Ralf Schweinsberg,

Pastor der evangelisch-methodistischen Kirche in Gründau-Rothenbergen
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Wochenende und Sonnenschein. Das perfekte Wetter um den Garten auf Vordermann zu bringen. Aber sicher nicht alleine. Manche Arbeiten sollte man besser zu zweit anpacken. Darum klopfe ich an die Zimmertüre meines Sohns und frage vorsichtig: „Hast du etwas Zeit? Ich brauche dich heute im Garten. Geht auch nicht lange.“ Er antwortet: „Oh nein, bitte nicht! Ich habe heute wirklich keine Zeit. Ich habe schon letztes Wochenende geholfen. Ne, heute wirklich nicht.“

"Okay, ich komme."

Zweiter Versuch bei meiner Tochter „Kannst du mir heute im Garten helfen? Ich könnte deine Hilfe wirklich brauchen. Geht auch nicht lange.“ Ich merke schon, dass auch sie keine große Lust hat. Aber sie antwortet: „Okay, ich komme. Muss nur noch eine Sache hier fertigmachen, dann komme ich.“

So gehe ich schon mal vor und warte - nur, sie kommt nicht. Die Zeit verstreicht und so langsam wird mir klar: sie hat mich vergessen. Dafür kommt mein Sohn, schnappt sich eine Schaufel und fragt: „Also, was steht an?“ Eine tolle Überraschung. Meine Tochter kommt später, als wir fertig sind und entschuldigt sich. Sie hatte es einfach vergessen.

Wie oft verspricht man Dinge und hält sie dann doch nicht

Ob ich jetzt sauer bin auf meine Tochter? Nein, denn ich kenne das nur zu gut: Wie oft habe ich schon Dinge versprochen und sie dann doch nicht gehalten. Meistens spürt man, ob jemand etwas wirklich nur vergessen hat, oder immer wieder große Reden hält und viele Versprechungen macht, von denen dann doch nichts gehalten wird.

Das hat schon Jesus Christus gestört. Er erzählte seinen Zeitgenossen eine ähnliche Geschichte wie mein Gartenerlebnis: Ein Vater fragt seine zwei Söhne und der erste sagt: Nein. Hilft dann aber doch. Der zweite sagt, er hilft. Kommt aber nicht. Am Ende fragte Jesus: „Und, wer von den beiden hat nun getan, was der Vater wollte?“ Seine Zuhörer waren sich einig: „Der erste natürlich“, also der, der handelt - selbst wenn er zuvor nein gesagt hat.

Unser Handeln entscheidet, nicht unsere Reden

Genauso, meint Jesus, sollen wir es auch machen. Unser Handeln entscheidet, nicht unsere Reden. Was taugen große Reden, wenn sie nur Worte bleiben? Was nützen zum Beispiel Versprechungen der Politik, wenn sie dann nicht umgesetzen werden?

Viele Menschen in den Katastrophengebieten können nicht mehr glauben, was ihnen da alles versprochen wird. Im Fernsehen wurde ein Anwohner im Ahrtal gefragt, was er von den Auftritten hält. Gerade war wieder ein großer Tross durch den Ort gezogen. Er hielt seine Schaufel hoch und meinte: „Wäre besser, wenn die mal mitanpacken würden. Dann wüssten sie, wie es uns geht.“

Doch was bringt es, einen Tag den Anzug gegen eine Schaufel tauschen und mitzuhelfen den Dreck wegmachen?

MUSIK

Dreck schaufeln, statt Reden halten

Ich stelle mir das bildlich vor: Ein Politiker oder eine Politikerin nimmt ohne große Reden, eine Schaufel in die Hand und schaufelt Schlamm aus einem Keller. Vermutlich müsste er oder sie das heimlich machen - mit dutzenden Journalisten im Tross wird das nur eine große Show.

Eine Schaufel mehr - das wäre sicher nur ein kleiner Beitrag. Aber wer schon einmal in einer solchen Situation ganz praktisch angepackt hat, der versteht die Betroffenen. Und die Menschen spüren, dass sie verstanden werden. Das kann man nicht durch viele Worte ersetzen.

"Ich tat, was Menschen tun, wenn Worte versagen."

Ich werde das Bild von Bundeskanzler Willy Brandt nicht vergessen, der 1970 beim Besuch des Mahnmals für die Opfer des Warschauer Ghettos auf die Knie fiel. Das stand nicht im Protokoll, war auch nicht geplant. Willy Brandt sagt später nur: ”Ich tat, was Menschen tun, wenn Worte versagen.”

Willy Brandt hatte gespürt, was in dieser Situation wichtig war und er hat es getan. Viele Deutsche konnten das damals nicht verstehen, fanden das übertrieben. Aber den betroffenen Menschen in Polen hat diese Geste mehr geholfen, als alle Worte.

Manchmal versagen Worte, dann ist Handeln gefragt

Manchmal versagen Worte, dann ist Handeln gefragt. Im Fall der Überschwemmungskatastrophen gehört viel politisches Handeln dazu. Besseren Katastrophenschutz organisieren. Personal und Verwaltung in die Lage versetzen, schnell Hilfen zu bewilligen und zu verteilen.
Und dann auch die Ursachen für die Umweltdesaster vorausschauend angehen – das ist echte Umwelt- und Klimapolitik.

Jesus Christus hat gesagt: „Ihr seid das Licht der Welt.“ Er traut uns etwas zu. Wir brauchen nicht viele Worte, vielmehr reichen oft einfach die Dinge, die wir tun.

Die Welt braucht Menschen, die handeln und anpacken

Aber die werden gebraucht. Jesus sagt, dass wir unser Licht nicht unter einen Scheffel oder einen Eimer stellen sollen, denn die Welt braucht Licht. Die Welt braucht Menschen, die handeln und anpacken. So wie die viele Freiwillige im Ahrtal und den anderen Überschwemmungsgebieten. So wie die, die in Verwaltung und Politik organisieren und unterstützen.

Selbst ein Licht sein für andere

Mein Licht wird an so vielen Stellen gebraucht: Ich denke an den Rentner, der sich so freut, wenn sich mal ein Nachbar zu ihm auf die Bank setzt und ihm zuhört.

Ich konnte so ein Licht sein, als sich Jugendliche mitten in der Nacht hinter unserer Kirche trafen. Als ich mit unserem Hund vorbeikam, wollten sie schon abhauen. Aber ich hab‘ mich zu ihnen gesetzt und war erstaunt, was sie alles für Sorgen haben. Und sie waren dankbar, dass ihnen der Pastor mitten in der Nacht zuhört und sie ernst nimmt.

"Ihr seid das Licht der Welt"

Ja, das sind kleine Lichter. Aber sie machen die Welt ein kleines Stück heller. Genau das traut uns Jesus zu. Es muss nicht immer ein großer Scheinwerfer sein, der die Nacht zum Tage macht. Jesus spricht nicht von großen Scheinwerfern, sondern sagt: „Ihr seid das Licht der Welt“. Geht hin, macht die Welt an eurem Ort ein klein wenig heller. Es lohnt sich.

MUSIK

Jesus hat gesagt: „Ihr seid das Licht der Welt“. Er sagte das damals zu einer verschwindend kleinen Gruppe von Anhänger. Er wollte ihnen Mut machen. Er hat ihnen gesagt: Euer Licht, auch wenn es euch klein erscheint, wird gebraucht.

Warte nicht auf andere. Du bist schon Licht. Guck nicht nach den riesigen Scheinwerfen, die die Nacht zum Tage machen.

Als ich den Jugendlichen begegnet bin mitten in der Nacht hinter unserer Kirche, hatte ich eine starke Taschenlampe dabei. Aber zum Glück habe ich ihnen damit nicht in die Gesichter gestrahlt. Ich wollte sie nicht vertreiben. Ich habe meine Taschenlampe ausgemacht und gestaunt, wie hell das Mondlicht war.

"Das Licht, dass unsere Herzen erreicht, braucht keine starken Lampen"

Das Licht, dass unsere Herzen erreicht, braucht keine starken Lampen. Es braucht, so würde Jesus es nennen: Liebe zu meinem Mitmenschen. Wertschätzung die ich dem anderen gegenüber bringe. Dass er spürt: Du bist mir wichtig. So wichtig, dass ich mir für dich Zeit nehme. Und wenn es notwendig ist, nehme ich auch eine Schippe in die Hand und helfe dir ganz praktisch.

In diesem Sinne „Licht sein“ kann anstrengend sein. Aber es ist eine gute Anstrengung. Bei den Katastrophenhelfer im Ahrtal hat man gesehen, wie anstrengend das war. Aber ich habe auch ein Strahlen in ihren Augen gesehen. Körperlich fix und fertig, aber innerlich erfüllt.

Das Bild macht mir Mut zu schauen, wo kann ich mich einbringen kann. Mit meinen bescheidenen Möglichkeiten. Damit‘ s ein bisschen heller wird in der Welt. 

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