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Gastfreundliche Kirche
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Gastfreundliche Kirche

Dr. Anke Spory
Ein Beitrag von

Dr. Anke Spory,

Evangelische Pfarrerin, Bad Homburg-Gonzenheim

Westminster Abbey, die große, frühgotische Kirche mitten in London, wird seit Jahrhunderten von Pilgern aufgesucht. Genauso lange schon finden hier mehrmals täglich Gebete und Gottesdienste statt.

Betritt man heute die Kirche, wird jedem Gottesdienstbesucher ein Blatt ausgehändigt. Darauf steht sinngemäß: „Ob du Anglikaner bist oder einer anderen christlichen Kirche angehörst oder einer anderen Glaubensgemeinschaft, ob du suchst oder zweifelst, du bist ganz herzlich willkommen, diesen Gottesdienst mitzufeiern.“ Ich war schon ein paarmal dort. Diese Offenheit, diese Gastfreundlichkeit hat mich immer berührt. In diesen Worten liegt eine Weite, die das Eintreten leicht macht. Hier werden keine Zugangsbedingungen formuliert. Keinem Menschen wird schon am Eingang gesagt: „So und so sollst du sein“ oder „Wir nehmen dich nur, wenn…“

„Seid gastfreundlich, denn ohne euer Wissen haben viele von euch Engel beherbergt.“ So steht es im Hebräerbrief im Neuen Testament. Ich mag diesen Vers. Denn er drückt das aus, was ich in Westminster Abbey wahrgenommen habe.

Gastfreundlich zu sein ist eine Frage der inneren Haltung. Sie heißt andere willkommen, ohne dass diese bestimmte Erwartungen erfüllen müssen. Mag sein, dass wir diese wunderbare Offenheit in der Kirche nicht immer durch halten. Treue Gottesdienstbesucher neigen manchmal dazu, etwa die vielen Besucher der vollen Gottesdienste zu Ostern oder Weihnachten eher argwöhnisch zu betrachten. „Weihnachtschristen“ heißt so ein abfälliges Stichwort.

Ich finde das nicht in Ordnung. „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid“ hat Jesus gesagt, „ich will euch erquicken.“ Bedingungen hat er keine gestellt. Das ist der Maßstab, und zwar der einzige. Wenn also jemand in die Kirche eintritt, weil er oder sie kirchlich getraut werden will, dann ist das in Ordnung. Was weiß ich schon, wie der Weg, der so begonnen hat, noch werden wird? Wie oft meinen wir über die Motive anderer genau Bescheid zu wissen erwarten dann doch nur, und unsere Vermutungen bestätigt zu sehen?

Nein, Jesus war und ist da ganz anders und ich denke, auf seinem Weg haben es Kirchen, die so weit und gastfreundlich sind wie Westminster Abbey auch schon weit gebracht. Sie feiern ihren Gottesdienste und halten die Türen immer offen für alle Menschen, die eintreten möchten. Sie können kommen, auftanken und wieder gehen. Sie müssen nicht bleiben und keine Erwartungen erfüllen. So soll es sein, und das gibt es nicht nur in Westminster Abbey.

Ich wünsche mir eine Kirche, die Menschen aufnehmen und Menschen gehen lassen kann. Eine Kirche, die den Gast willkommen heißt, und die auf diese Weise immer wieder Engel beherbergt ohne es zu wissen.

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