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Du sollst Vater und Mutter ehren
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Du sollst Vater und Mutter ehren

Dr. Anke Spory
Ein Beitrag von

Dr. Anke Spory,

Evangelische Pfarrerin, Bad Homburg-Gonzenheim

Matthias und seine Schwester Marion haben es nicht immer einfach mit ihrem Vater gehabt. Oft hatten sie das Gefühl: Wir können es unserem Vater nie recht machen. Der Schulabschluss war zu mittelmäßig, der Weg in den Beruf schwieriger als gedacht. Immer wieder hatte ihr Vater ihnen zu verstehen gegeben, dass sie besser sein sollten und es nicht genügt, was sie erreicht haben. Matthias und Marion waren deshalb die Familienfeiern unangenehm. Es sind oft harte Worte gefallen, und die beiden sind dann wütend oder enttäuscht nach Hause gefahren.

Nun liegt der Vater seit einigen Wochen im Krankenhaus. Es sieht nicht gut aus, sagen die Ärzte. Auf einmal stehen Matthias und Marion vor der Situation, sich um ihren kranken Vater kümmern zu müssen. Am Anfang fällt ihnen das schwer. Marion sagt: „Wieso„soll ich mich nun um meinen Vater kümmern, der so selten ein gutes Wort für mich hatte?“

Du sollst Vater und Mutter ehren. So heißt das vierte Gebot im Alten Testament. Damit ist nicht gemeint, dass die kleinen Kinder die Eltern ehren sollen. Es geht um die erwachsenen Kinder, wie sie mit den alten Eltern umgehen. Damals in der Zeit der Bibel gab es noch keine Kranken- und Pflegeversicherung. Wer nicht mehr arbeiten konnte, war auf die Solidarität in der Familie angewiesen. Das vierte Gebot sichert die Lebensgrundlage der älteren Menschen, die nicht mehr zum Familieneinkommen beitragen können. Dies ist heute oft anders. Ein Glück.

Mir zeigt die Geschichte von Matthias und Marion, dass das Gebot heute trotzdem aktuell ist. Die beiden haben mit ihrem Vater in den letzten Wochen seines Lebens eine Erfahrung gemacht, die sie nie für möglich gehalten hätten. „Er konnte nicht mehr viel sagen“, erzählt Marion, „aber ich habe gemerkt, er freut sich, dass ich da bin.“ Ihr Bruder Matthias sagt: „Er hat meine Hand genommen und sie gedrückt. Er konnte unsere Nähe zulassen. Das, was jahrelang schwierig war.“

Beim Beerdigungsgespräch erzählen mir die beiden davon. Ich habe das Gefühl, dass es den Geschwistern gut getan hat, sich Zeit für ihren Vater zu nehmen. Und dass es ihnen gut getan hat, ihre Gefühle auszudrücken und auch das zu benennen, was schwierig war. Sie konnten sich verabschieden. Wenn sie heute von ihrem Vater sprechen, dann erzählen sie viel von diesen letzten Wochen, in denen sie einen anderen Zugang zu ihrem Vater gefunden haben. Sie sind froh, diese Zeit gehabt zu haben.

Du sollst Vater und Mutter ehren. Ehren kann man jemanden, indem man ihm Zeit und Aufmerksamkeit schenkt. Ehren kann man jemandem, wenn man sieht, was der andere gerade braucht. Die Geschichte von Marion und Matthias zeigt mir auch, dass sich ein gespanntes Verhältnis zwischen Kindern und Eltern noch kurz vor dem Tod ändern kann.

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