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Mit Popsongs auf Sinnsuche: Heldengeschichten
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Mit Popsongs auf Sinnsuche: Heldengeschichten

Hermann Trusheim
Ein Beitrag von

Hermann Trusheim,

Evangelischer Schulpfarrer, Hanau

Die andere Sorte Helden

Mich juckt‘s in den Fingern, wenn ich diesen Song höre. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ich habe eine neue zwölfsaitige Gitarre – die ist wie geschaffen dafür, dieses Lied selbst nachzuspielen. Aber natürlich will ich auch wissen, worum es in dem Text geht.

‚Hero’ heißt das Lied der Band Familiy of the year – ganz einfach ‚Held’. Da erwarte ich natürlich eine Antwort darauf, was es bedeutet, ein Held zu sein. Aber schon in der ersten Zeile höre ich vom Sänger John Keefe: ‚Hör mir bloß auf damit!’ Und weiter geht’s: ‚ Ich will nicht dein Held sein. Kein großer Mann.’ Moment mal – was denn dann?

Eigentlich gehört das Lied zum Film ‚Boyhood’ – ‚Kindheit’. Über zwölf Jahre begleitete der Filmemacher Richard Linklaker Kindheit und Jugend von Mason Evans Jr. aus Texas. Bis der Junge erwachsen wird. Da geht’s um den amerikanischen Traum: was aus sich machen, groß, stark und erfolgreich sein. Seine Eltern wollen, dass Mason diesen Traum verwirklicht. Aber Mason will sein eigenes Ding machen: Ich will nicht euer Held sein. Kein ‚big man‘.

Absage ans Heldentum? Oder gibt es verschiedene Sorten Helden? Kämpfen wie in Held will der Sänger schon, aber so, wie alle anderen auch. Wie die Normalos. Die Bilder im Film zeigen einen, der wie andere im Supermarkt arbeitet, der tanzt, mit seinen Kindern spielt. Kein einsamer Cowboy, sondern mit anderen gemeinsam, vielleicht steht der Name der Band ja auch schon dafür: Family oft he year - Familie des Jahres …

Das Musikvideo zum Lied zeigt typisch amerikanisches Leben in Texas. Da geht’s um ‚bullriding’: man wird zum Helden, wenn man sich möglichst lange auf dem Rücken eines wilden Stieres halten kann. Runterfallen tut weh, gehört aber für echte Helden dazu. Man zeigt es vor den anderen nicht, dass man Schmerzen hat, wirft wie im Film lieber ein paar Pillen rein. Man versteckt sich hinter der Maske des Helden.

Aber da will der Held des Liedes nicht mehr mitmachen. Keine falsche Maske mehr. Nicht mehr mitlaufen in der Parade. Im Festzug der Erfolgreichen und Vorzeigemenschen, derer, die dem Bild des Bilderbuchhelden entsprechen und doch nur Masken tragen.

Nein, jeder soll sein Ding machen dürfen und können. Was ist denn das für ein Heldentum?

Die andere Sorte Held lässt sich nichts vormachen. Irgendwann, oft, wenn man erwachsen wird, bekommt die andere Sorte Held den Durchblick. Sie kapiert, was oft hinter der Maske von Stärke und Erfolg steckt. Oft Menschen, die einsam sind und keine echten Freunde haben. Solche Helden werden angehimmelt, aber nicht gemocht, sie haben nicht selten ständig Angst, ihren Heldenstatus zu verlieren.

Die andere Sorte Held sagt dazu ‚Nein’.

Da gibt es schon verlockende Angebote – Ich kann groß rauskommen, der wahre Held sein, wenn ich bestimmte Bedingungen erfülle: ‚Das kannst du alles erreichen, wenn Du dich nur genug anstrengst’ – Das kannst du alles haben, wenn du den Preis dafür zu zahlen bereit bist. - Du kommst ganz groß raus, wenn du dich mir anvertraust.’

Los, mach was ganz Krasses – dann wirst du auch von allen bewundert!’ – ‚Hey, wenn Du ein Held sein willst, dann musst du schon über Grenzen gehen. Zeig mir, dass du bereit bist für den ultimativen Kick, nur wenn du alles riskierst, kannst du gewinnen!’  Und schließlich: ‚Bete mich an, und ich lege dir die ganze Welt zu Füßen.’

So  hat Jesus das gehört in der Versuchungsgeschichte im Matthäusevangelium. Verlockende Angebote. Er könnte der Größte sein, wenn er sich nur auf das Spiel mit dem Teufel einlässt. Der Teufel setzt noch einen drauf und fordert: ‚Bete mich an, dann lege ich dir die ganze Welt zu Füßen!‘

Die Geschichte geht so: ‚Los, beweis, was du für ein toller Kerl bist‘ – Jesus soll Steine zu Brot machen. - ‚Für deine Karriere musst du schon alles riskieren.‘ – Von einem Felsen soll sich Jesus stürzen‚ um Gottes Beistand auf die Probe zu stellen. Und schließlich soll sich Jesus dem Teufel unterwerfen. Und das heißt, alles für den persönlichen Erfolg opfern, ohne Rücksicht, ohne Skrupel, eine Beziehung zu Gott aufgeben, sich von Gott abwenden.  Wird man so zum Helden?

Die andere Sorte Held sagt dazu ‚Nein’.

Da tut Jesus, und deshalb ist er für mich einer von der anderen Heldensorte. Er sagt deutlich ‚Nein‘ zu den teuflischen Versuchungen. Er fällt nicht auf das Heldentum von Stärke, Erfolg und Macht herein. Er macht sein eigenes Ding. Nicht allein, sondern mit Freunden. Gelegenheiten zum Heldentum lässt er aus. Kümmert sich um die, die es nötig haben, Bewunderung dafür braucht er nicht. Klar kämpf er auch mal, wenn‘s ihm richtig stinkt – er jagt die Händler aus dem Tempel, Gottes Haus ist kein Kaufhaus. Und wenn ihn die Mächtigen versuchen, auf ihre Seite zu ziehen, macht er das Spiel der Macht nicht mit, nicht mal bei seinem Prozess.

Die Gelegenheit zum Heldentum schlechthin schlägt er aus, auch dazu sagt er nein – er steigt nicht vom Kreuz.

Ich bin nicht Jesus. Der Sänger von ‚Hero’ auch nicht. Sein Ding ist sein eigenes. Er will genau so viel erreichen und verdienen, dass es reicht. Für Freunde und Familie, um mal auszugehen und natürlich für neue Gitarrensaiten. Da finde ich mich auch wieder. Erst recht in den Bildern, die das Lied im Musikvideo weiter begleiten. Da spielt einer mit seinem Kind, da haben Freunde und Familie zusammen Spaß, besonders mit Musik.

Wer ‚Nein’ sagt zum Heldentum mit Maske, kann sein eigenes Heldentum leben, seinen eigenen Traum. Ich finde es sehr sympathisch, wenn im Lied gerade das ‚Der amerikanische Traum’ genannt wird: Füreinander sorgen, einander Schutz und Hilfe gewähren. Dann müssen Kinder nicht mehr auf die Träume der Erwachsenen verpflichtet werden,  dann können sie groß werden und ihr eigenes Ding machen wie der junge Mason Evans im Film.

Die andere Sorte Held werden – wie kriege ich das hin?

Am Ende des Liedes werden die ersten Zeilen wiederholt. Vielleicht um die Aussage zu verstärken: ‚Lass mich gehen. Ich will nicht dein Held sein. Kein großer Mann. Ich will kämpfen wie alle anderen.’ Ich will einfach mein Leben bestehen, so, dass es für mich und andere gut ist. Das ist meine Sorte Heldentum.

Dazu passt die Musik: Countrymusic. Einfache Akkorde auf der Gitarre. Aber eine starke Botschaft. Was ich besonders gut finde: Diese Botschaft wird mit ruhiger Stimme vorgetragen. Da weiß einer was er will und er hat gefunden, wonach er sucht. Seine eigene Sorte Heldentum. Toll, wenn das beim Erwachsenwerden geschieht. Aber ich denke, auch Erwachsene können das noch lernen.

Immer mal wieder muss ich mich entscheiden, auf Angebote einzugehen, oder sie abzulehnen. Muss prüfen und suche nach Orientierung. Und die gibt’s:

Bei jungen Leuten ist mir schon öfter ein Armband aufgefallen. Ein geflochtenes Band mit der Aufschrift ‚‚w.w.j.d.’.Das sind die ersten Buchstaben der Wörter aus dem Fragesatz ‚What would jesus do?’, auf Deutsch: ‚Was würde Jesus  tun?‘, oder: ‚Was würde Jesus dazu sagen?‘

Die jungen Leute haben mir erzählt, diese Erinnerung hilft ihnen bei Entscheidungen: ‚Mach’ ich mit beim Mobbing, oder helfe ich den Opfern? Hab’ ich den Mut zur eigenen Meinung, auch wenn das anderen nicht passt? Kümmere ich mich um andere oder ist die Hauptsache, dass es mir gut geht?‘ -  Gelegenheiten zur anderen Sorte Heldentum. Ich finde es gut, sich dabei an Jesus zu halten.

Für so ein Armband fühle ich mich zu alt, aber mir in Erinnerung zu rufen, was Jesus gesagt und getan hat, ist auch für mich eine Entscheidungshilfe.

Hero von Familiy of the year nehme ich aber bestimmt in meine persönliche Übungsliste für die neue Zwölfsaitige auf, damit ich weiß, dass es noch eine ganz andere Sorte „Held“ gibt. Und jeder kann so einer sein.

Morgen geht die Schule in Hessen wieder los – gut, wenn da viele andere Helden am Start sind.

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