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Achtung, Besuch!
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Achtung, Besuch!

Stefan Claaß
Ein Beitrag von

Stefan Claaß,

Evangelischer Pfarrer und Professor, Theologisches Seminar Herborn
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„Jesus kommt zu Besuch“, so hat jemand „Advent“ übersetzt. Wörtlich übersetzt heißt es ja „Ankunft“. Wie immer, wenn sich Besuch ankündigt, ruft das wahrscheinlich unterschiedliche Reaktionen hervor.

Zwei Kategorien von Besuch

Als Kind gab es für mich früher zwei Kategorien von Besuch: Leute, die etwas mitbringen, und Leute, die nichts mitbringen. Bei meiner Großmutter habe ich gelernt, dass es dabei nicht nur um Süßigkeiten oder Gegenstände geht. Sondern auch um Stimmung und Atmosphäre.

"Be-su-uch!" sorgt für gute Stimmung

„Be-su-uch!“, rief sie, wenn die Nachbarin hereinschneite. Die war witzig, hatte immer die neuesten Stories aus dem Ort dabei. Sie wusste, wo sich vielleicht eine Hochzeit anbahnte. Sie brachte zwar keine Geschenke oder Süßigkeiten mit, aber immer gute Stimmung.

"B´such" bringt schlechte Stimmung

Ganz anders der Ton, wenn die Cousine meiner Großmutter auftauchte: „B´such“. Knapp und schnippisch. Diese Cousine hatte immer die Mundwinkel auf Halbmast. Wenn es Kuchen gab, seufzte sie über die Kalorien. Wenn das Wetter schön war, kam immer, immer als Reaktion: „Das hält nicht!“  Wenn sie kam, zogen dunkle Wolken und schlechte Stimmung mit ein.

Gastgeschenke zum Verzehren und zum Hinstellen

Und dann gab es eben die Besucher, die auf Einladung kamen und Gastgeschenke mitbrachten. Solche zum Verzehren waren mehr willkommen als solche zum Hinstellen. „Stell die doch mal zu den anderen Sachen!“, sagte meine Oma, wenn der Besuch weg war. „Andere Sachen“ gehörten in den Keller, irgendwo in eine Ecke, wo sie nicht auffielen. Wir sind darauf gestoßen, als wir das Haus meiner Großeltern ausgeräumt haben.

Marie Kondo, eine Fachfrau fürs Aufräumen

Da hätte ich gern Marie Kondo zu Besuch gehabt. Das ist eine japanische Fachfrau fürs Aufräumen. Ihr Buch „Magic cleaning“ wurde über sieben Millionen Mal verkauft. Sieben Schritte für jede Wohnung und für jeden Kleiderschrank. Ich habe ein paar Sendungen mit ihr gesehen, das hat mir gutgetan.

Reduzieren und Aufräumen ist gut für Leib und Seele

Sie bringt Menschen bei, dass Reduzieren und Aufräumen gut ist für Leib und Seele. Sachen loswerden, die einfach aus Gewohnheit herumliegen. Mit Dankbarkeit Dinge verabschieden, die uns nicht mehr passen.

Advent: Jesus kommt zu Besuch

Als ich neulich hörte, dass jemand „Advent“ übersetzte mit: „Jesus kommt zu Besuch“, da habe ich mir gar nicht gewünscht, dass Jesus mir etwas mitbringt, sondern dass er mir vielleicht hilft, in meinem Lebenshaus aufzuräumen. Marie Kondo wird vermutlich nie zu mir nach Hessen kommen. Bei Jesus ist das anders. Wo ich die Aufräum-Hilfe von Jesus gebrauchen könnte, erzähle ich Ihnen gleich.

Adventskranz, Lichterketten und Plätzchen backen

Jesus kommt zu Besuch, so kündigt sich das in der Adventszeit an. Bei vielen Menschen heißt das: Wohnung schmücken, Lichterketten installieren, echte Kerzen anzünden, Glühwein aufsetzen, backen. Find ich prima, das tut gut. Aber speziell in diesem Jahr wünsche ich mir noch etwas ganz anderes.

Hilfe beim Aussortieren von schlechten Gewohnheiten und alten Denkmustern

Ich wünsche mir jemanden, der mir hilft beim Sortieren meiner Gedanken und Gefühle. Jemanden, der mit mir schlechte Gewohnheiten und alte Denkmuster aussortieren. Das ist keine neue Idee. Auch vor 2000 Jahren, als Jesus geboren wurde, hatten viele Menschen die Sehnsucht, in ihrem Leben aufzuräumen. Wie bringen wir unser Leben in Ordnung?

Das Leben ist kompliziert im Advent 2021

In meinem Freundeskreis spüre ich in diesem Jahr ähnliche Sehnsucht, mehr als sonst. Das Leben ist kompliziert im Advent 2021. „Ich hab irgendwie die Orientierung verloren“, sagte letzte Woche ein jüngerer Freund. „Zu viele Herausforderungen, zu viele Krisen und keine Peilung, wie es weitergeht.

Marie Kondo und Jesus, beide hören den Menschen zu

Warum gibt es in der Politik und in meiner Familie nicht jemanden wie Marie Kondo, die Expertin fürs Aufräumen?“ Bei Marie Kondo gefällt mir, dass sie liebevoll und aufmerksam ans Werk geht. Sie kritisiert die Leute nicht dafür, dass sie in so einem Chaos wohnen und alten Kram horten. Da erkenne ich in ihrer Haltung wieder, was die ersten Generationen der Christen von Jesus weitererzählt haben. Dass Jesus den Menschen aufmerksam und liebevoll begegnet ist.

Alte Gewohnheiten und überflüssige Sorgen wegräumen

Wenn Jesus zu Besuch kommt in mein Leben, in meine Wahrnehmung, in mein Denken, dann geht es nicht so sehr um alte Klamotten und überflüssige Dekos. Aber sehr wohl um Gewohnheiten, die sich eingeschlichen haben und nicht guttun. Um überflüssige Sorgen. Um das, was die Seele vollstopft und schwer macht.

Nicht soviel Zeit verschwenden mit Aufregen und Sorgen machen

Ich wünsche mir den Besuch von Jesus in diesem Jahr so, dass er hilft aufzuräumen. Er könnte bei mir anfangen. Ich habe zu viele belastende Gedanken und Gefühle herumliegen. Wem nützt es, wenn ich mich über Impfgegner aufrege? Und wieder sind zehn Minuten Lebenszeit vergeudet. Wem nützt es, wenn ich mir über den Klimaschutz immer nur Sorgen mache? Wieder eine Stunde dahin.

Was kann ich verändern?

Wenn Jesus mich schult im aufmerksamen und liebevollen Hinschauen, dann entdecke ich mehr, was geht, was ich beitragen kann. Und ich vergeude weniger Zeit damit, was alles nicht geht, was stört und ärgert. Jetzt werden Sie vielleicht fragen: Wie Marie Kondo schult, das kann ich im Internet sehen. Aber Jesus? Vielleicht kann ich Ihnen dazu gleich ein paar Tipps geben.  

Jesus interessiert sich für mein Leben

Advent bedeutet: Jesus kommt zu Besuch in mein Hören, Denken und Fühlen. Er interessiert sich für mein Leben. Ich gebe gern zu: Das löst zunächst zwiespältige Gefühle aus. Nicht alles ist präsentabel, manches möchte ich gern für mich behalten. Trotzdem finde ich diesen Besuch gut. Die Freude überwiegt auf jeden Fall die Abwehr. Warum?

Wenn ich die biblischen Geschichten über Jesus lese, dann sehe ich, dass er am Leben derer teilnimmt, die er besucht. Das Modell gefällt mir.

Als Gast ins Familienleben einbezogen sein

Es erinnert mich an Freunde, die ich früher in der DDR besucht habe. Nirgendwo bin ich so gern hingefahren wie zu diesen Freunden in ein richtiges Pfarrhaus. Ich war Gast, aber ich war einfach einbezogen ins Familienleben. Kohlen holen, mit den Kindern spielen, Besorgungen machen. Am Leben meiner Gastgeber teilhaben. Ich fand das toll.

Drei Wünsche an Jesus

Wenn nun Jesus zu Besuch kommt und an meinem Leben teilhat, vertraue ich darauf: Er bringt gute Atmosphäre mit und schaut sich mit aufmerksamem, liebevollem Blick um. In so einer Atmosphäre kann ich mich viel besser öffnen. In diesem Advent 2021 habe ich drei Wünsche an diesen Besuch.

Wofür bin ich verantwortlich, wofür nicht?

Erstens möge er mir helfen zu erkennen, wofür ich verantwortlich bin und wofür nicht. Ich muss nicht die Welt retten, aber ich kann mich daran beteiligen. Das kann geschehen, indem ich jemandem Zeit widme und helfe. Oder indem ich schaue, wo ich mich klimafreundlicher verhalten kann. Und damit meine ich sowohl das Klima in der Natur als auch das Klima in unserer Gesellschaft.

Sehnsucht setzt Energie frei

Zweitens kann Jesus mir zeigen, dass Sehnsucht eine Menge Energie freisetzt. Mehr als Angst und Sorge. Zurzeit gibt es einiges, was mir Schrecken einjagt. Gegen die Angst hat Jesus die Sehnsucht stark gemacht. Das möchte ich auch. Ich will lieber aus Sehnsucht handeln als aus Angst.

Wie kann ich mich verändern?

Wie kann ich Und drittens möge Jesu klarer Blick mir helfen zu erkennen, wo ich mich und meine Gewohnheiten verändern kann. Ich muss nicht so bleiben, wie ich bin. Ich empfinde das als Erleichterung.

„Be-su-uch“, ruft der Kalender. Advent. Jesus kommt zu Besuch. Ich mach‘s wie der Adventskalender. Ich mache meine Türen auf.  

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