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Wer bin ich – in der Pandemie?
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Wer bin ich – in der Pandemie?

Patricia Nell
Ein Beitrag von

Patricia Nell,

Katholische Pastoralreferentin und Religionslehrerin, Frankfurt
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„Haben Sie sich eigentlich darauf gefreut, heute wieder hier herkommen zu dürfen?“– Das hab‘ ich meine Berufsschüler gefragt, als wir uns vor einigen Wochen endlich wiedersehen konnten. Tatsächlich haben alle mit Ja geantwortet. Und auch ich bin ja froh darüber gewesen, wieder da zu sein. Uns allen hatte offenbar doch vieles gefehlt, was dem Alltag Struktur gibt, im Beruf, im Freizeit- und Familienleben. –

Plötzlich waren wir draußen. Aus Zusammenhängen mit gewohnten Aufgaben, Abläufen und Rollen. All das gibt uns ja täglich auch Bestätigung. Und damit ein Stück „Identität“. Bricht all‘ das von jetzt auf gleich weg, dann erlebt man etwas, was nur schwer auszuhalten ist: Man hat erst mal nur noch sich selbst. Und muss mit sich allein klar kommen.

Ein Schüler, der von seiner Familie getrennt und von der Arbeit freigestellt war, hat diese Erfahrung in einem Aufsatz aufgeschrieben. Und dann im Unterricht vorgelesen:

„Da saß ich also und wusste mit mir nicht viel anzufangen. Ich hatte das Gefühl, das Leben ist nackt. Und so leer wie mein Kalender. Ich bin in den ersten Tagen völlig nervös geworden. Und sehr nachdenklich. Und beim Blick auf meinen Werkzeugkoffer, der jetzt einsam in der Ecke stand, hab‘ ich mich gefragt: Wer bist du denn eigentlich, ohne Baustelle, ohne Kollegen, ohne Familie? Ohne all‘ die Menschen, die dir Bestätigung und Anerkennung geben? Immer wieder fand ich sie spannend, diese Frage. Und irgendwann auch amüsant. Und zwar so amüsant, dass ich mich morgens im Bad vor den Spiegel stellte, grinste und mich fragte: Na, wer guckt mich denn da eigentlich an?“

Einige fingen an, in sich hineinzulachen. Und auch er selbst musste grinsen, las aber dann unbeirrt weiter:

„Nach ein paar Wochen waren mein Werkzeugkoffer eingestaubt und die Unruhe verflogen. Mit jedem nächsten Tag fand ich die Entschleunigung ein bisschen wohltuender. Und ich hab es tatsächlich fertiggebracht, morgens nach dem Frühstück einfach mal am offenen Küchenfenster zu stehen und nichts anderes zu machen, als die Bäume zu beobachten. Wie sich ihre Äste im Wind wiegen, und die Vögel, munter zwitschernd von Ast zu Ast flatternd. Und über dem Ganzen ein strahlend blauer Himmel! Diese belanglose kleine Naturszene war für mich mit einem Mal etwas Großartiges. Und da dachte ich: Ja. Auch ich bin Teil dieser schönenNatur. Teil eines großen Ganzen, das auf so wunderbare Weise funktioniert. Noch nie war mir das so bewusst, wie in diesem Moment. Seitdem mache ich das immer wieder. Ich beobachte die Natur und denke, dass auch ich dazu gehöre, zu diesem Wunderwerk.“ Der Schüler hatte es auf den Punkt gebracht. Und alle anderen nachdenklich gemacht.

Ja, wer bin ich eigentlich, wenn mir Beruf, Familie, Aufgaben, Beziehungen und Rollen so mir nichts, dir nichts genommen sind? Die Frage haben sich in den letzten Monaten vielleicht noch mehr Menschen gestellt. Und ich bin mir sicher: Jeder wird ganz bestimmt irgendwann im Leben einmal mit ihr konfrontiert. Ich hab darüber auch neu nachgedacht in den letzten Monaten. Und gemerkt, dass ich mir selbst ein Stück näher gekommen bin. Jenseits von gewohnten Abläufen, Rollen und Aufgaben. Und wie meinem Schüler, so war es auch bei mir oft die Natur, die mir dabei geholfen hat: Das muntere Vogelgezwitscher, das mich morgens weckt, der kleine Brunnen, der in meinem Garten vor sich hinplätschert und der gelegentliche Blick aus dem Fenster in Bäume und Blumen und den blauen Himmel. All‘ das hat mich immer wieder spüren lassen: Ich bin tief verbunden, mit dieser Welt. Und ich gehöre zu einem wunderbaren, großen Ganzen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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