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Vorfreunde
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Vorfreunde

Andrea Wöllenstein
Ein Beitrag von Andrea Wöllenstein, Pfarrerin im Referat Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Marburg
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Vorfreude ist die schönste Freude, sagt das Sprichwort - und so sieht es auch Winnie Puh, der Bär aus dem beliebten Kinderbuch. „Obwohl Honigessen etwas sehr Gutes ist, was man tun kann“, sagt er, „gibt es doch einen Augenblick, kurz bevor man anfängt, den Honig zu essen, der noch besser ist als das Essen.“ Advent ist die Zeit vorm Honigessen. Die Zeit der Vorfreude und Erwartung. Jede Woche eine Kerze mehr. Jeden Tag ein neues Türchen am Adventskalender. Vor allem bei Kindern wächst die Spannung – immer ein bisschen näher ran ans Honigglas.
Es gibt viele Bräuche, die die Vorfreude nähren. Einer gehört zum heutigen Tag. 4. Dezember, Barbaratag. Wer heute Zweige von draußen holt und sie im warmen Zimmer in die Vase stellt, kann von Tag zu Tag beobachten, wie die Knospen größer werden, wie sie sich langsam öffnen und dann an Weihnachten blühen.

Die Legende erzählt, dass Barbara im 3. Jh. gelebt hat. Sie ist Christin und ihr Vater sperrt sie in einen Turm. Er will verhindern, dass sie weiter Kontakt hat mit der christlichen Gemeinde. Die Tür fällt hinter ihr zu. Sie ist allein, eingesperrt, gefangen. Da entdeckt sie einen Zweig, der sich auf dem Weg an ihrem Kleid verfangen hat. Sie stellt ihn in eine Vase und beobachtet von Tag zu Tag, wie die Blüten nach und nach aufgehen. Das gibt ihr Hoffnung und Trost.
Ich werde mir nachher im Garten Zweige von unserem Kirschbaum abschneiden, und ich hoffe, dass sie dann an Weihnachten blühen. Das hat nicht immer geklappt in den vergangenen Jahren. Manchmal sind die Knospen auch vertrocknet und abgefallen, und ich habe die dürren Äste enttäuscht auf den Kompost geworfen.
Auch so kann es sein mit der Vorfreude. Ich freue mich auf etwas, und wenn es soweit ist, bin ich enttäuscht, weil es nicht so ist, wie ich es erhofft habe. Auch mit dem Weihnachtsfest ist das manchmal so … Nicht jede Hoffnungsblüte geht auf. Aber sollte ich deswegen auf die Vorfreude verzichten und nichts mehr erwarten?

„Ich pflanze mir schon mal ein Freudenbäumchen“, sagte die Mutter einer Freundin immer, wenn etwas Schönes bevorstand. Ich weiß nicht, woher sie das Bild hatte, ob es etwas mit den Barbarazweigen zu tun hat, die ich mir drei Wochen vor Weihnachten in die Vase stelle. Für sie war es ein Ausdruck ihrer aktiven Vorfreude. Ich warte nicht nur passiv ab, was kommt, sondern „ich pflanze mir schon mal ein Freudenbäumchen.“ Ich pflege und nähre meine Vorfreude, hole sie hinein in meinen Alltag. Ob das einen Einfluss hat auf das, was kommt, sei dahin gestellt. Aber es verändert mein Jetzt, verändert mich.

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