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Vom Knochenbrecher zum Friedensnobelpreisträger

Vom Knochenbrecher zum Friedensnobelpreisträger

Dr. Ansgar Wucherpfennig
Ein Beitrag von

Dr. Ansgar Wucherpfennig,

Jesuitenpater, Professor für Neues Testament und Rektor der Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt
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Heute möchte ich mit Worten aus einer Rede beginnen. Jitzchak Rabin, der damalige israelische Ministerpräsident, hat sie heute vor 25 Jahren auf einer Friedenskundgebung in Jerusalem gehalten. Er sagte da:

„Ich möchte gerne jedem Einzelnen von euch danken, der heute hierhergekommen ist, um für Frieden zu demonstrieren und gegen Gewalt. Diese Regierung, der ich gemeinsam mit meinem Freund Shimon Peres das Privileg habe vorzustehen, hat sich entschieden, dem Frieden eine Chance zu geben – einem Frieden, der die meisten Probleme Israels lösen wird. […] Ich sage euch dies als jemand, der 27 Jahre lang ein Mann des Militärs war.“

Diese Worte gehörten zu seinen letzten Worten. Heute vor 25 Jahren, am 4. November 1995, ist Rabin ermordet worden. Ein rechtsextremer fanatischer Israeli hat ihn erschossen, als er von der Bühne herabstieg und zu seinem Auto gehen wollte. Von dem Frieden, von dem Rabin vorher gesprochen hat, kann man heute nur träumen. Damals schien der Frieden in Israel viel greifbarer als heute.

Wandel vom Falken zur Friedens-Taube

Rabin war nicht immer ein Vertreter der israelischen Friedenspolitik gewesen. Noch in den späten 80er Jahren, während der Aufstände der Palästinenser in der ersten Intifada, wurde er wegen seiner scharfen Forderungen „Knochenbrecher“ genannt. Rabin hat eine Bekehrung erlebt. Von den kriegstreibenden Falken ist er auf die Seite der Tauben hinübergewechselt. Nach 1990 setzte er sich konsequent für den Friedensprozess in Israel ein. Zusammen mit Jassir Arafat und seinem Außenminister Schimon Peres hat Rabin das Osloer Friedensabkommen ausgehandelt, das erste Friedensabkommen zwischen Israel und Palästinensern. Israelis und Palästinenser wollten auf weitere Gewalt verzichten. 1994 erhielt er zusammen mit Schimon Peres und Jassir Arafat dafür den Friedensnobelpreis.

Standhaft trotz Anfeindungen und Morddrohungen

Schon in den Monaten vor seiner Ermordung ist Rabin wegen seiner Friedenspolitik in Israel massiv angefeindet worden. Bei einer öffentlichen Rede seines damaligen politischen Gegners Benjamin Netanjahu wurde eine Fotomontage hochgehalten, die Rabin in Nazi-Uniform zeigte. Er und seine Frau Lea wurden öffentlich mit faschistischen Unmenschen verglichen. Beide erhielten Morddrohungen, trotzdem sind sie von ihrem Eintreten für den Frieden nicht mehr abgewichen.

Friede beginnt, wenn ich meinem Widersacher eine Rose schenke

2001 habe ich in Jerusalem gewohnt, mitten in der Zeit der zweiten Intifada; fast jeden Tag gab es Attentate und gewalttätige Auseinandersetzungen. Da habe ich einen palästinensischen Christen gefragt, ob es überhaupt irgendwann Frieden dort geben werde. Er sagte: „Dann, wenn der Messias wiederkommt.“ Ich denke, vielleicht hat er Recht, und das kann noch lange dauern, aber es kann auch schon heute sein. Friede beginnt, wenn ich dem, der mich jeden Tag wütend macht, heute eine Rose schenke. Dann wird auch der Messias an meiner Seite sein und uns Gottes Nähe bringen. Frieden beginnt wie bei Jitzchak Rabin, da wo ein Mensch bereit wird, vom Falken zu einer Friedens-Taube zu werden.

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