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Vikarin in Syrien
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Vikarin in Syrien

Daniel Lenski
Ein Beitrag von

Daniel Lenski,

Evangelischer Pfarrer, Königstein-Falkenstein
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„Wo der Tod ist, da spüre ich auch Gott.“ Dieser Satz von Mathilde hat mich nicht mehr losgelassen. Mathilde Sabbagh ist 28 Jahre alt und lebt im Nordosten Syriens. Dort wird sie, mitten im syrischen Bürgerkrieg, zu einer evangelischen Pfarrerin ausgebildet – als eine der ersten Frauen in ihrer Kirche. Kennengelernt habe ich Mathilde bei einer Konferenz in Deutschland. Allein ihre Reise dorthin klingt wie ein Abenteuer. Denn das Gebiet, in dem Mathilde arbeitet, ist vom sogenannten Islamischen Staat umzingelt. Wer es verlassen will, muss mit dem Flugzeug ausgeflogen werden.

Auch Mathildes Arbeitsalltag kam mir vor wie aus einem Kriegsfilm: Gottesdienste bis zum nächsten Bombenangriff, eine von außen durchlöcherte Kirchenwand, Morddrohungen. Einmal mussten sie und ihre Gemeinde mehrere Tage in der Kirche ausharren. Irgendwann ging das Wasser zur Neige, die Situation wurde bedrohlich. Daraufhin ist sie hinausgegangen, hat einen Scharfschützen angesprochen und ihm gesagt, sie brauche 15 Minuten Feuerpause, um die Menschen in Sicherheit zu bringen. Diese Frage hätte ihr Leben kosten können, sie aber bekam die 15 Minuten.

Obwohl der Tod jeden Tag so nahe ist, wirkt die junge Frau bei unserm Gespräch auf mich gar nicht wie ein traumatisiertes Kriegsopfer. Beim Erzählen lacht sie gerne, sie sprüht vor Ideen. Besonders die Arbeit mit der Bibel inspiriert sie, wie sie sagt. Im Gegensatz zu den angehenden Pfarrern in Deutschland kann sie nach dem Studium keinen Lehrpfarrer um Rat fragen und auch kein Theologisches Seminar besuchen. Sie ist überzeugt: Es sind die Bibel und die Menschen, die sie auf den Pfarrberuf vorbereiten.

„Wo der Tod ist, da spüre ich auch Gott.“ Diesen Satz antwortete sie mir, als ich sie fragte, woher sie die Kraft für ihren Dienst nimmt. Sie lächelte: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich weiß, dass Christus an meiner Seite ist.“ Das sind große Worte, aber Mathilde sagte sie ganz ruhig und entschlossen. Gerade in den schwierigen Momenten hat sie Gottes Beistand gespürt. Dadurch ist ihr Glaube gewachsen. Ein Glaube, der ihr Mut macht, dem Leben zu vertrauen.  

Manchmal ist aber sogar Mathilde überrascht, wie dieses Leben die Oberhand gewinnt. Sie erzählte mir von ihrer Jugendgruppe in Syrien. Während sich Mathilde in Deutschland aufhielt, waren die Jugendlichen von Nordosten mit dem Flugzeug nach Damaskus geflogen. Ausgerechnet in der vermeintlich sicheren Hauptstadt passierte dann doch etwas: Als die Gruppe an einer Wand lehnte, fielen Steine herunter und trafen einen Jugendlichen am Bein. Er kam ins Krankenhaus.

Am Nachmittag fragte sie per WhatsApp: „Wie geht es Euch?“ Die Jugendlichen antworteten ihr: „Wir sind gerade im Adidas-Laden, shoppen.“ Mathilde war fassungslos und schrieb: „Heute Morgen wärt ihr fast umgekommen, einer liegt im Krankenhaus und Ihr geht einfach einkaufen?“ Die Jugendlichen antworteten: „Aber Du sagst uns doch immer, dass wir dem Leben vertrauen sollen, nicht der Angst.“ Daraufhin musste auch Mathilde lachen. Ja, daran glaubt sie wirklich: Das Leben ist stärker als der Tod.

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