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Singen gegen den Sturm
gettyImages/Ivan Nadaski

Singen gegen den Sturm

Daniel Lenski
Ein Beitrag von

Daniel Lenski,

Evangelischer Pfarrer, Königstein-Falkenstein
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Es gibt Momente, da geht nichts mehr. Die Arbeit nimmt überhand, und ich komme kaum noch hinterher. Das Verhältnis zu einem Freund oder zu einer Kollegin ist angespannt. Vielleicht aufgrund eines Missverständnisses oder einer echten Meinungsverschiedenheit. Und dann muss ich mich noch wegen des Lockdowns um die Kinder kümmern. Manchmal kommt einfach alles zusammen, und es fällt mir schwer, einen Ausweg zu sehen.

Einen alten Bibeltext neu lesen

Vor kurzem habe ich einen alten Text aus der Bibel neu gelesen. Er spricht mir aus dem Herzen, gerade in solchen Situationen. Da heißt es:

„Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme. Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, […] Wasser umgaben mich bis an die Kehle, die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt.“

Jona, der Prophet, läuft vor Gott davon

Diese Sätze stammen aus dem Buch Jona. Jona ist der Prophet, der zunächst vor Gott wegläuft. Er flieht auf ein Schiff, das im Sturm in Seenot gerät. Die Besatzung des Schiffes erkennt, dass dieses Unwetter mit Jona zu tun hat. Um die anderen zu retten, lässt Jona sich von Bord werfen. Im Wasser verschlingt ihn ein großer Fisch. In dessen Bauch befindet sich der Prophet und fängt an, sein Lied der Verzweiflung zu singen: „Wasser umgaben mich bis an die Kehle…“.

Ein Lied der Verzweiflung

Wenn ich selbst das Gefühl habe, in den Stürmen des Alltags unterzugehen, ist mir dieses Lied des Jona ganz nah. Vermutlich hat er es eher geschrien als gesungen. Ihm stand das Wasser ja auch wortwörtlich bis zum Hals.

Jonas schreit seine Klage heraus

Jonas Klage ist Ausdruck seiner Verzweiflung. Doch sein Schreien ist auch ein erster Schritt zur Veränderung. Denn Jona frisst seinen Unmut nicht in sich hinein. Er schreit ihn hinaus und wird dadurch auf einmal wieder Herr des Geschehens. Er resigniert nicht vor den tosenden Wellen, sondern singt gegen sie an.

Ansingen gegen die Sorgen des Lebens

Als ich früher in einem Chor gesungen habe, ging es mir manchmal auch so. Nach langen stressigen Tagen war das Singen am Abend bei der Chorprobe nicht nur eine Ablenkung von meinem Alltag. Es war zugleich ein Heraussingen dessen, was in mir vorging. Und manchmal auch ein Ansingen gegen die Sorgen des Lebens. Danach ging es mir schon besser.

Jonas Lied ist ein Wendepunkt in seinem Leben

Jonas Lied stellt einen Wendepunkt in seinem Leben dar. Als der Prophet seinen Gesang beendet hat, spricht Gott zu dem Fisch. So erzählt es die Bibel. Und der Fisch spuckt Jona an Land aus. In Jonas Leben hat sich etwas verändert. Angenehm war die Zeit unter Wasser und im Bauch des Fisches garantiert nicht. Doch diese intensive Zeit hat ihm klargemacht: Etwas muss in seinem Leben anders werden.

Fünf Minuten durchatmen

Bei allem Schlamassel – überbordende Arbeit, Knatsch und Homeschooling – gibt es auch Dinge, die in meiner Hand liegen. Wie die fünf Minuten am Abend, die ich mir nehme, um mich in den Sessel zu setzen und durchzuatmen, wenn alle anderen schon schlafen. Vor allem hat Jona aber erfahren: Gott ist in den dunkelsten Momenten des Lebens an seiner Seite. Und das hoffe ich auch.

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