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Raus aus dem Alltag, rein ins Kostüm
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Raus aus dem Alltag, rein ins Kostüm

Andrea Seeger
Ein Beitrag von

Andrea Seeger,

Evangelische Theologin und Redakteurin der Evangelischen Sonntags-Zeitung
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Den anderen, denen da oben, und seien damit auch nur die Lokalpolitiker gemeint,  mal so richtig die Meinung sagen. Deftig, überzeichnet, witzig. Das ist Kern der Faschingsumzüge. Mit dabei sind Abertausende kostümierter Menschen. Jeder darf sein, wer er sein will. Die Großen können herabsteigen, die Kleinen höchste Ränge erklimmen. Das Bedürfnis, sich einmal abseits der Realität und ohne alle Konsequenzen auszuprobieren, steckt in jedem Menschen.

An Fasching machen Menschen Ferien von ihren sozialen Rollen, erholen sich vom ständigen Vernünftigsein und Anpassen. Wer sich verkleidet, eröffnet neue Perspektiven sowohl auf die Mitmenschen wie auch auf das eigene Ich. Kostümierte  können die Grundspannung zwischen Anpassung und Mal-aus-der-Rolle-Fallen spielerisch erforschen und ausloten, Erwachsene wieder so unbekümmert sein wie in ihrer Kindheit, als sie sich öfter mal verkleidet haben. Eine veränderte Perspektive öffnet Freiräume, auch die Kommunikation ändert sich – es bietet sich die Chance, möglicherweise auch mal etwas sagen, was sonst nie über die Lippen käme. Auch die Motivwagen im Karnevalsumzug sprechen davon. 

Grenzen gibt es auch hier. Worte können verletzen, auch in Zeiten des Faschings. Knutschen und knuddeln in der Hitze des Kostümballs macht Spaß, aber nicht gegen den Willen eines anderen.

Meine Freundin Brigitte zum Beispiel verkleidet sich leidenschaftlich gerne und feiert ausgiebig Karneval. Dieses Jahr geht sie als Piratin. Also solche bewegt sie sich ganz anders, tritt forscher auf.  Sie, die eigentlich ein eher schüchterner Typ ist, mag es, wenn andere sie in ihrem sexy Kostüm bewundern, wenn sie mit dem Säbel rasseln kann, ihren lang behandschuhten  Arm um die Schulter eines Fremden legt. Sie sei dann viel selbstbewusster, traue sich mehr zu. Und das Beste daran: Dieses gute Gefühl trüge sie weit über die Faschingszeit hinaus. Irgendwann wird dann aber doch aus der stolzen Piratin wieder die eher schüchterne Brigitte. „Macht nichts“, findet sie, „am 11.11. ist wieder Fasching.“ 

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