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Poesie und Lob der Schöpfung
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Poesie und Lob der Schöpfung

Heidrun Dörken
Ein Beitrag von

Heidrun Dörken,

Evangelische Pfarrerin, Senderbeauftragte für den Hessischen Rundfunk

Auch wer sonst nicht viel mit Gedichten am Hut hat, hat schon mal Johann Wolfgang von Goethes Gedicht mit dem Titel „Gefunden“ gehört:

Ich ging im Walde so für mich hin,
und nichts zu suchen, das war mein Sinn.


Vor 200 Jahren ist das Gedicht zum ersten Mal gedruckt worden, 1815.

Im Schatten sah ich ein Blümchen stehen,
wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön


Er, der da spricht, wird das Blümchen nicht abbrechen, sondern mit seinen Wurzeln ausgraben, damit es weiter blüht.

Generationen von Schülern mussten es interpretieren: Als Bild dafür, wie Goethe einst seine spätere Frau Christiane erobert hat. Oder als frühen Aufruf, die Natur nicht zu vernichten. Womöglich steckt beides drin. Auf jeden Fall spürt man, wie einer über das Lebendige staunt und voller Ehrfurcht ist. Damit steht er in der Tradition der biblischen Psalmen und der Lieder im Gesangbuch.

Man kann Goethe nicht christlich vereinnahmen. Doch immerhin hat er sich selbst nie gedrückt vor der Gretchenfrage im Faust: "Wie hast du’s mit der Religion?" Was er geglaubt und gehofft hat, davon sprechen viele seiner Werke. Goethe hat die Bibel gut gekannt und geschätzt. Das lag zuerst an seiner Mutter. Sie war ganz wörtlich, "erfüllt von alttestamentlichem Gottvertrauen."
Sie ließ Johann Wolfgang natürlich taufen und konfirmieren, übrigens in der Frankfurter Katharinenkirche. Als Erwachsener hat Goethe die Schwächen der Kirchen und ihrer Theologen kritisiert. Er war angewidert von Gewalt und Irrtümern in der Geschichte der Christen. Das hat ihn nicht daran gehindert, über Gott und die Welt nachzudenken. Das große Ganze war seine Leidenschaft. Das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Er hat es gerade im Kleinen und Einzelnen entdeckt. Den Geist, der alles ins Leben ruft, sieht er noch in der kleinsten Pflanze wirken, wie im Blümchen in seinem Gedicht. Die Natur und die Liebe sind für Goethe Abbilder
einer wunderbaren Ordnung und Schönheit. Wer folgt ihm heute darin, wo die Schöpfung vom Menschen bedroht wird wie nie zuvor?

Auch das menschliche Böse hat er in vielen seiner Dramen dargestellt. Schließlich gab es schon vor Goethes Zeit und zu seinen Lebzeiten Raubbau an der Natur. Der faustische Drang, zu erkennen und zu beherrschen, hat die Menschen nicht nur reich gemacht, sondern auch arm.

Längst ist offensichtlich, dass dieser Drang die Erde mehr bedroht, als Goethe ahnen konnte. Verständlich, dass es heute vielen schwer fällt, das Lob der guten Schöpfung zu singen. Goethe ist nicht müde geworden, auf die größere Kraft des Guten zu hoffen.

Darin will ich ihm folgen. Ich kann sie in seinen Gedichten entdecken. Ich kann Gottes Lob in den Psalmen nachsprechen. Solche Worte sind es wert, gelesen, gesprochen und gesungen zu werden. Es ist richtig, die Schönheit der Natur und ihren Schöpfer zu loben. Trotz aller Widersprüche. Wer die Poesie, die Freude über die Natur und die Liebe vergisst, macht dadurch nichts besser. Goethes Gedicht erinnert an diesen Grundton des Glaubens: Der guten Macht vertrauen, die die Welt im Innersten zusammenhält. Ich möchte nicht ohne Vertrauen zu Gott leben. Auch nicht ohne Beispiele von Menschen, die etwas tun, damit die Blumen weiter blühen.

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