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Pfingsten - oder auch: Runter vom Sofa
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Pfingsten - oder auch: Runter vom Sofa

Pia Baumann
Ein Beitrag von

Pia Baumann,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt-Bockenheim

Heute und morgen feiern wir das Pfingstfest. Jedes Jahr ein willkommener Anlass für Tageszeitungen und Onlineportale in Umfragen einmal der Bedeutung dieses Festes nachzugehen.

Davon hat sich eine Gruppe Konfirmanden aus Wiesbaden inspirieren lassen. In der Fußgängerzone ihrer Heimatstadt fragten sie Passanten: „Was ist eigentlich Pfingsten?“ Die Antworten waren so vielfältig wie die Befragten. Sie reichten von: „Da ist der Papst geboren.“ bis zu „An Pfingsten ist Ostern rum.“ Das erste ist falsch, das zweite stimmt. An Pfingsten endet im Kirchenkalender offiziell die Osterzeit. Viele Fußgänger waren sich sicher, das Fest müsse irgendetwas mit Jesus zu tun haben. Nur was? Da war man sich nicht ganz einig. Und jeder Zweite antwortete ganz ehrlich: „Ich habe keine Ahnung.“ Das Umfrageergebnis der Konfirmanden deckt sich mit den Ergebnissen einer Forsa-Umfrage aus den letzten Jahren:

Demnach ist für die Hälfte der Bundesbürger Pfingsten ein Rätsel. Sie finden keine Worte, um es zu erklären. Ich frage mich, wenn das stimmt, woran liegt das? Eine mögliche Antwort lieferte vor Jahrzehnten der Dramatiker Bertolt Brecht. Er dichtete: „An Pfingsten sind die Geschenke am geringsten.“ Und beendete den Zweizeiler mit den Worten: „Während Ostern, Geburtstag und Weihnachten, was einbrachten.“ Ist zwar nicht toll gereimt, aber in einem hat der Mann Recht. An Pfingsten macht man sich in der Regel keine Geschenke. Aber, ist Pfingsten deshalb als Fest wirklich schwer vermittelbar? Ich denke: Nein.

Denn Pfingsten ist durchaus ein Fest, das etwas „einbringt“. An dem man etwas bekommt. Von dem man etwas hat. Nämlich, so antwortete auch eine Frau in Wiesbaden: „An Pfingsten schüttete Gott den Heiligen Geist über die Jünger aus.“ Die Jünger, die Freunde von Jesus, werden im wahrsten Sinne des Wortes „begeistert“. Wie das ausgesehen hat und was genau das gebracht hat, davon erzählt die Pfingstgeschichte in der Bibel.

Die Bibel erzählt: An Pfingsten schüttete Gott den Heiligen Geist über die Jünger aus. Man kann sagen: Er „begeisterte“ sie. Und das geschah so: Es war in Jerusalem. Genau 50 Tage nachdem Jesus gefangen genommen, gekreuzigt und wieder auferstanden war. Es war ein Festtag. Häuser und Synagogen waren mit grünen Zweigen und Blumen geschmückt. Viele Menschen waren in die Stadt gekommen. Auch von außerhalb. Die Straßen waren voll mit Pilgern. Alle wollten das Erntefest feiern und sich an den Bund erinnern, den Gott mit seinem Volk vor langer Zeit geschlossen hatte. Ein fröhliches Fest. Die ganze Stadt war auf den Beinen. Nur die Freunde Jesu nicht. Die saßen in einem Haus zusammen. Ihnen war nicht nach Feiern zu Mute. Zu viel war in den vergangenen Wochen passiert. Das Passahfest hatten sie noch mit Jesus zusammen gefeiert. Und dann kam es Schlag auf Schlag. Jesus wurde verhaftet, verurteilt und gekreuzigt. Alles schien zu Ende. Doch drei Tage später war er wieder da. Auferstanden von den Toten. Und kaum hatten sie sich an diesen Gedanken gewöhnt, war er auch schon wieder weg. Aufgefahren in den Himmel.

Da saßen sie nun und wussten nicht recht, wie es weiter gehen sollte. Jesus hatte ihnen versprochen: Habt keine Angst. Ich bin immer bei euch. Mit meiner Kraft. Erzählt, was ihr mit mir erlebt habt. Erzählt, woran ihr glaubt. Aber irgendwie fehlte den Jüngern der Mut. Oder der Antrieb. Von den passenden Worten ganz zu schweigen. Über ein „man müsste“ oder „man sollte doch mal“ waren sie nicht hinausgekommen. Die Aufgabe, die vor ihnen lag, war einfach zu groß. Und dann passierte etwas. In der Bibel heißt es: „Ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm erfüllte das ganze Haus. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer und sie wurden alle erfüllt vom Heiligen Geist“.

Die Jünger hielt nichts mehr auf ihren Sitzen. Sie gingen raus auf die Straßen und Plätze und erzählten von Gottes großen Taten. Ihre Begeisterung muss so gewaltig gewesen sein, dass sie sogar Sprachbarrieren überwunden haben. Denn, so steht es in der Bibel: Menschen aus den verschiedensten Nationen hörten sie in ihren Muttersprachen reden. Viele ließen sich von der Begeisterung der Jünger anstecken und wurden getauft. Am Ende des Tages war klar: Die Geschichte von Jesus Christus war nicht am Ende. Sie ging weiter. Heute gibt es Christen und Christinnen auf der ganzen Welt.

An Pfingsten, sagte Bertolt Brecht, sind die Geschenke am geringsten. Ich finde, das stimmt nicht. Die Freunde und Freundinnen von Jesus bekamen sehr wohl etwas geschenkt. Gott schenkte ihnen Begeisterung. Oder in anderen Worten gesagt: Kraft, Elan und Feuereifer. Sie bekamen neuen Mut. Solche Momente der Begeisterung sind nicht alltäglich. Sie passieren nicht jeden Tag. Aber wenn sie eintreten, dann bringen sie Menschen in Bewegung.

Begeisterung passiert nicht jeden Tag, aber wenn sie eintritt, dann bringt sie Menschen in Bewegung. So wie zum Beispiel die Bürgerinitiative „Pulse of Europe“ – auf Deutsch: Der Puls Europas. Sie wurde im vergangenen Jahr vom Frankfurter Ehepaar Sabine und Daniel Röder ins Leben gerufen. Auslöser war der Brexit – der Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Die Röders wollten nicht länger vom Sofa aus zusehen, wie die europäische Idee unterging. Sie wollten nicht untätig sein. Sie wollten ein Zeichen setzten. Für Europa. Für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechte. Sie wollten zeigen: Europa ist nicht am Ende. Die europäische Idee hat eine Zukunft. Und: Bei Europa geht es um wesentlich mehr als nur um die Frage, wie krumm eine Gurke sein darf, wenn man sie verkaufen will.

Die Röders waren sich sicher: Wir sind mit dieser Einstellung nicht allein. Aber es hilft nicht, länger im Haus zu sitzen und Trübsal blasen. Wir müssen sagen, was uns wichtig ist. Es öffentlich machen. Laut und sichtbar sein. Also ging das Ehepaar auf die Straße. Jeden Sonntag. In Windeseile luden sie Freunde und Bekannte ein, mitzukommen. Erst waren sie nur wenige. Aber in kurzer Zeit verbreitete sich ihre Idee wie ein Lauffeuer, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Seitdem demonstrieren regelmäßig Zehntausende für ein friedliches Miteinander, über alle Sprach- und Ländergrenzen hinweg.

Und ich bin auch dabei, bei „Pulse of Europe“. Und ich habe viel andere Christen und Christinnen dort getroffen. Mich wundert das nicht. Denn Solidarität, Gerechtigkeit, Frieden, das sind christliche Werte. Dafür versuche ich mich einzusetzen. Für mich ist die Bewegung „Pulse of Europe“ wie ein kleines Pfingstereignis. In einer ganz konkreten politischen Situation haben Menschen neue Kraft geschöpft. Sie sind runter von ihren Sofas, raus auf die Straße gegangen. Sie haben sich gegenseitig entflammt, für die Idee, dass der Geist Europas wieder sichtbar wird.

Ganz ähnlich war es auch damals in Jerusalem bei den Jüngern. Jedem und jeder für sich fehlte es ihnen an Kraft. Als sie aber aufstanden von „ihren Sofas“, das Haus verließen, da sprang der Funke über. Oder wie es die Bibel nennt: „Der Geist Gottes wurde über ihnen ausgeschüttet.“ Und die Geschichte Jesu ging weiter. Was das bis heute bewirkt, beschreibt der Theologe Fulbert Steffensky so: „Gottes Geist treibt den Kleingeist aus. Er nimmt uns die Angst vor fremden Sprachen, und lehrt alle, in ihrer Sprache von den „großen Taten Gottes zu erzählen“. Gottes Geist nimmt den Menschen die Furcht, wie er sie den Jüngern und Jüngerinnen genommen hat. Sie haben die Türen ihres selbstaufgerichteten Gefängnisses aufgestoßen und haben zueinander gefunden.“

Ich finde, so sollte es sein: Nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt. Und deswegen gehe ich heute erst in den Pfingstgottesdienst und dann zu Pulse of Europe.

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