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Ostergeschichten sind Öffnungsgeschichten
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Ostergeschichten sind Öffnungsgeschichten

Carsten Noll
Ein Beitrag von

Carsten Noll,

Katholischer Pfarrer, Pfarrei St. Michael, Hilders-Eckweisbach
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Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!

Es sind noch 2 Wochen bis Ostern, als ich beginne, Ostergedanken für Gottesdienst und Predigt zu sammeln. Eine ganze Reihe von Büchern finden sich dazu in meinem Regal. Manch ein Text daraus hat mich in den vergangenen Jahren schon inspiriert und ans Weiterdenken gebracht. Ob das in diesem Jahr auch gelingen wird? Momentan habe ich immer noch das Gefühl, dass auch das, was in der Kirche verkündet wird, irgendwie mit Corona zu tun haben muss. Obwohl mir das Thema eigentlich zum Halse raushängt. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich.

Ich denke vor mich hin: Ostern, Auferstehung, leeres Grab ... unter besonderer Berücksichtigung der Pandemie. So komme ich nicht weiter. Doch dann fällt mir plötzlich ein Satz ins Auge: "Ostergeschichten sind Öffnungsgeschichten." Ich muss in mich hinein schmunzeln. Na, die Ostergeschichten dieses Jahres sind wohl eher "Schließungsgeschichten". Ich denke an die Rücknahme manch zaghafter Zugeständnisse für die Öffnung im Einzelhandel und in öffentlichen Einrichtungen. Wie sehr hatten Gastronomie und Hotellerie gehofft, an Ostern wieder Gäste bewirten und beherbergen zu können. Vielleicht haben auch Sie gehofft: auf eine Urlaubsreise, lang ersehnte Besuche, endlich wieder einmal in größerer Runde zusammensitzen ... "Wir aber hatten gehofft ..." Moment mal! Da bin ich mitten im Evangelium vom Ostermontag. Die Emmaus-Jünger. "Einfach nur weg!" Denken sich die zwei Jünger nach Gefangennahme, Verurteilung, Kreuzigung und Tod Jesu. Weg von Jerusalem. Die erfüllende Zeit mit Jesus, die Zeit der Gemeinschaft, die Erfahrungen, wie Jesus Krankheit, Hunger und Isolation von Menschen beseitigt hat. Vorbei. Wie ein Traum. Zerplatzt wie eine Seifenblase. "Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde." (Lk 24,21a)sagen die beiden Jünger dem für sie unbekannten Wanderer, der sich ihnen auf ihrem etwa 11 km langen Weg zugesellte. Der Leser des Evangeliums erfährt natürlich, dass dieser geheimnisvolle Dritte Jesus selbst ist. Die beiden Jünger nicht. Sie sollen Jesus auf ihrem Weg erst von einer anderen Seite kennenlernen, als nur von ihren persönlichen Hoffnungen und Erwartungen her. Das Evangelium formuliert in einer für uns antiquiert anmutenden Sprache: "Doch ihre Augen waren gehalten, sodass sie ihn nicht erkannten." (Lk 24,16) Eine interessante Formulierung schießt es mir durch den Kopf. Da werden meine Augen durch irgendetwas oder durch irgendwen "gehalten" oder "blockiert", damit ich nicht erkenne. Ich frage mich, wie oft hat es das in meinem Leben schon gegeben, dass meine Augen "gehalten" waren. Wie oft habe ich etwas beim ersten und vielleicht auch beim zweiten Hinschauen nicht richtig einschätzen oder bewerten können?

Musik: Serge Prokofiev - Fantastische Symphonie - Gavotta. Non troppo allegro 

Die beiden Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus stecken fest in ihrer Trauer um Jesus. Der Verrat durch einen Mitjünger, die falschen Anklagen gegen Jesus, das "Kreuzige ihn" durch eine aufgehetzte Volksmenge, die Verurteilung durch den römischen Statthalter Pilatus. All das kreist in ihrem Kopf und in ihren Gesprächen. All das hält den Blick der Emmaus-Jünger fest. So ist es, dass sie äußerlich zwar auf dem Weg sind, aber ihr Inneres ist beim Kreuz Jesu stehen geblieben.

Nach über einem Jahr Pandemie sind wir irgendwie in einer ähnlichen Lage. Natürlich, die neuen Varianten haben dafür gesorgt, dass das Virus aktuell bleibt und sich die Furcht vor einer Ansteckung erneuert. Über dieses Faktum hinaus ist jedoch die Angst, die Ungewissheit und die Ungeduld eine ätzende Partnerschaft eingegangen. Es braucht immer neu Schuldige, die nicht rechtzeitig vorausgesehen, vorgesorgt, geregelt oder gehandelt haben. Es reicht nicht mehr, Fehler zuzugeben und aus ihnen zu lernen. In mancher Kritik meint man fast unterschwellig das "Kreuzige ihn" von damals in Jerusalem mitzuhören. All das hält, so meine ich, unseren Blick heute fest, lässt uns stehenbleiben wie die beiden Emmaus-Jünger.
Wie groß wird da auf einmal die Sehnsucht nach einem Begleiter, wie ihn die Beiden auf ihrem Weg nach Emmaus erleben durften. Jesus lenkt ihren Blick weg von dem, was sie sich persönlich von Jesus als Messias gewünscht oder ersehnt hatten. Es heißt im Evangelium, dass er ihnen "ausgehend von Mose und allen Propheten" darlegte, "was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht." (Lk 24,27) Mitunter gibt es halt doch einen Unterschied zwischen meinem persönlichen "Jesus-Bild" und dem Jesus, wie ihn die Heilige Schrift verkündet. Und Jesus verbindet damit die rhetorische Frage: "Musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit gelangen?" (Lk 24,26) Auf den Punkt gebracht heißt das für mich: Was da mit Jesus geschehen ist, war in Gottes Plan längst vorhergesehen. Es musste geschehen, weil die Welt ist, wie sie ist. Doch am Ende steht nicht die Herrschaft des Bösen, sondern durch die Auferstehung Jesu, die Herrschaft Gottes. Herrlichkeit eben.

Ich überlege, was da in den Jüngern während der Belehrung durch Jesus vorgegangen sein mag. Sie lassen sich durch Jesu Worte nach und nach ihre Sicht der Dinge nehmen. Und je offener die Emmaus-Jünger werden, desto mehr kann die Hoffnung aus Jesu Worten in ihnen Raum greifen. Die beiden werden es später selbst formulieren: "Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete?" (Lk 24,32) Mich inspirieren die Worte des Evangeliums, eine sich verändernde Wahrnehmung als "Herzenstätigkeit" zu begreifen. Vielleicht gelang es den beiden Jüngern ja, den Verräter Jesu, die Ankläger, die Mitläufer und den Richter mit neuen Augen zu sehen. Vielleicht mit den Augen Jesu, der nach der Überlieferung des Lukasevangeliums für sie alle vom Kreuz herab gebetet hatte: "Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" (Lk 23,34) Die Tatsache, dass Jesus so, seinen Henkern vergebend, in den Tod ging, hat Menschen unmittelbar berührt und verändert. Der Evangelist Lukas schreibt: "Als der Hauptmann sah, was geschehen war, pries er Gott und sagte: Wirklich dieser Mensch war ein Gerechter. Und alle, die zu diesem Schauspiel herbeigeströmt waren und sahen, was sich ereignet hatte, schlugen sich an die Brust und gingen weg." (Lk 23,47-48)
Von unter dem Kreuz begann das Wunder, dass Menschen die Augen geöffnet wurden: Dem Hauptmann für die Person und Sendung Jesu, der schaulustigen Menge für die eigene Armseligkeit oder dafür, dass "alle im selben Boot sitzen." "Ostergeschichten sind Öffnungsgeschichten."

Musik: Johan Halvorsen - Norwegian Classical Favourites - Entry of the Trolls into die Blue Mountain

"Ostergeschichten sind Öffnungsgeschichten." Schön und gut wird manche und mancher von ihnen sagen, aber das sind eben Geschichten. Was haben die für eine Relevanz für unser reales Leben? Für mich ist die Bibel kein abgeschlossenes Buch. Für mich wird sie weitergeschrieben in jedem einzelnen Menschenleben, das mit Jesus in Berührung kommt. So möchte ich ihnen meine ganz persönliche Ostergeschichte erzählen, Ostern im September zwar, aber eine Öffnungsgeschichte auf jeden Fall.

Es ist September 2019. Zum dritten Mal begebe ich mich mit Freunden nach Italien - auf Pilgertour. Diesmal sind wir in der Toskana, auf der Via Francigena von Lucca nach Siena. Jeden Tag zwischen 20 und 30 Kilometer, teils mit herausfordernder Zahl von Höhenmetern. Wie jedes Mal frage ich mich schon am ersten Tag, warum ich so etwas eigentlich tue. Ich, eine Couch-Potato, wie sie im Buche steht. Aber irgendwie habe ich den Pilgerweg immer durchgestanden, und man muss sich ja auch mal was beweisen.

Jetzt geht es mir aber um das letzte Wegstück von Strove nach Siena. 28 Kilometer bei stechender Sonne mit schmerzenden Füßen. Gewiss, die Toskana besticht mit ihrer typischen und manchmal atemberaubenden Landschaft. Doch heute am letzten Tag will ich einfach nur ankommen. Der Schweiß rinnt mir übers Gesicht. Das Handtuch, das ich zum Wischen um den Hals hängen habe, vermag schon nichts mehr aufzunehmen und ständig werde ich von lästigen Fliegen malträtiert. Ich möchte am liebsten schreiend davonlaufen. Doch das macht ja keinen Sinn, ich lauf ja schon ... Ich muss jetzt beten, sonst schaff ich es nicht. Doch für freies Beten fehlen mir die Worte. Letzte Rettung: mein Rosenkranz. Ich fasse in meine Hosentasche und ergreife die vertraute Perlenschnur. Für einige Zeit tue ich nichts, als zu laufen und die Perlen zwischen meinen Fingern zu bewegen. Irgendwann merke ich, ich werde ruhiger. Ich beginne zu beten: "Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde ..." - "Vater unser im Himmel ..." - "Gegrüßet seist du Maria". Ich werde nicht nur immer ruhiger, sondern mit jedem Einzelgebet vergesse ich die äußere Welt um mich herum, meine Füße, meinen Schweiß, die nervigen Fliegen. Vor meinem inneren Auge entstehen Bilder zu den Geheimnissen des Lebens Jesu, die beim Rosenkranz betrachtet werden. Die Zeit vergeht und ehe ich mich versehe, bin ich mit ich mit meinen Betrachtungen schon bei Jesu Leiden und Sterben angelangt. Die Welt um mich herum existiert fast nicht mehr, so fesselnd sind die Bilder, die in mir entstehen. Erst als ich fast wie automatisch die Geheimnisse mit Auferstehung und Verherrlichung Jesu beten will, wird mir meine Umwelt wieder bewusster. Unser Pilgerweg führt in einen Wald, das gleisende Sonnenlicht verschwindet. Ein Wald, anders als ich die bisherigen Wälder hier in Italien wahrgenommen habe. Eher so, wie ich mir einen Urwald vorstelle, sandiger Boden, neben den riesigen Bäumen unterschiedlichste Blattpflanzen, die ich bewusst noch nie gesehen habe. Und es wird ein wenig düster. Nicht unbedingt passend zum Geheimnis "Jesus, der von den Toten auferstanden ist", womit ich eigentlich Licht und Sonne verbinde. Dann nach einigen Schritten ist auf einmal der Weg durch einen umgestürzten Baum versperrt. Beim Herankommen merke ich, dass der Baum wohl schon länger da liegt, denn inzwischen ist schon ein Alternativweg um den Baum herum in den Waldboden getrampelt worden. Ich gehe um den Baumstamm herum und kurz danach fährt mir ein Schock in sämtliche Glieder. Eine Schlange, mitten auf dem Weg vor mir. Erst beim zweiten Hinsehen registriere ich, sie ist tot. Okay, beruhig dich, sage ich mir. Schritt für Schritt beruhige ich mich und bete weiter. Eigentlich ein tolles Bild für Jesu Auferstehung, kommt mir der Gedanke. Die tote Schlange als Symbol: Jesus hat das Böse und den Tod besiegt. Die Schlange ist tot. Ich komme zum zweiten Geheimnis: "Jesus, der in den Himmel aufgefahren ist." Der Wald verändert sich. Plötzlich stehe ich auf einer Lichtung und schaue nach oben in den blauen Himmel. Und plötzlich um mich herum: ein ganzer Schwarm von Schmetterlingen. Der Schmetterling: Ur-Symbol für erneuertes Leben. Und hier erhebt es sich in den Himmel. Ich bin zutiefst berührt und empfinde meine Wahrnehmungen zu meinem Rosenkranzgebet als ganz besonderes Geschenk. Für einen Moment denke ich aber auch mit einem Schmunzeln: Lieber Gott, fast ein bisschen kitschig ... Was kommt jetzt zu "Jesus, der uns den Heiligen Geist gesandt hat?" Eine weiße Taube? Ich verlasse den Wald, gehe an einem Friedhof vorbei und eine kleine Straße entlang auf eine Kreuzung zu. Keine weiße Taube. Stattdessen an der Kreuzung: Ein Kanalarbeiter mit weißem Overall und weißem Helm macht sich gerade an einem Kanal zu schaffen. Krass, denke ich, der Heilige Geist als Kanalarbeiter. Vielleicht in meinen Gedanken und Emotionen? Das inspiriert mich zu einem kurzen Gebet zum Heiligen Geist: Heiliger Geist entferne und entsorge in mir alle schlechten Gedanken, die mich daran hindern, Gottes Gegenwart wahrzunehmen.

Auch die beiden letzten Rosenkranz-Geheimnisse wurden von für mich inspirierenden und bewegenden Bildern begleitet. Ich komme zum Ende meines dritten Rosenkranzes und die Ortsgrenze von Siena erscheint. Nur noch eine Senke und unter der Brücke einer Schnellstraße hindurch. Doch hier war ich dann endgültig geplättet: Zunächst sehe ich nur die Menge von Graffitis, typisch Unterführung, denke ich. Doch dann am Ende der rechten Betonwand ein Bild. Ein Marienbild. Sehr schlicht im Stil einer Ikone auf ein Holzbrett gemalt und hier in dieser hässlichen Unterführung an der verschmierten Betonwand angebracht. Unter dem Bild gesprayt: "This is for you! –  Das ist für dich. 5. März 2018, Simo.“ Der fünfte März ist mein Geburtstag. Wer Simo ist, weiß ich nicht. Für mich ist es jetzt der Name meines Schutzengels, auf den ich sowieso große Stücke halte ...

Meine Ostergeschichte im September 2019. Für mich ganz klar eine Öffnungsgeschichte. Dieser Weg hat mich spüren lassen, dass Gott meinen Weg mitgeht, ja dass er mein Leben begleitet. Und wenn ich mich ihm überlasse, werden meine Augen nicht länger gehalten, sondern geöffnet für seine Gegenwart.

Musik: Geirr Tveitt - Norwegian Classical Favourites - Langeleik Tune   

Verlassen wir Italien und gehen noch einmal nach Emmaus. Die Jünger erkannten Jesus schließlich an einem ganz einfachen Bild, einer Geste: "Als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen. Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn." (Lk 24,30-31) Sie begreifen, dass Jesus größer ist als ihre Vorstellung. Er hat den Tod überwunden und lebt. Dass Jesus wie in Emmaus das Brot bricht und verteilt, feiern katholische Christinnen und Christen in jeder Heiligen Messe. Beim Sprechen mit einem meiner Pfarrgemeinderäte über die persönliche Situation der Einzelnen erzählt ein Mann: Seit dem im vergangenen Jahr wegen der Corona-Pandemie Präsenz-Gottesdienste verboten waren, hat für mich der Kommunionempfang das Abendmahl, einen ganz neuen und hohen Stellenwert bekommen. Damals war mir der Zugang dazu verwehrt und jetzt spüre ich auf einmal ein echtes Verlangen danach. Dieses Zeugnis hat mich zutiefst bewegt und einmal mehr gezeigt, dass Gott gerade in Krisenzeiten Augen öffnet.

Nachdem Jesus den Jüngern in Emmaus die Augen geöffnet hat, führt ihr Weg eilends zurück nach Jerusalem zu den anderen Jüngern. Hier teilen sie ihre Ostergeschichten und begreifen sie als Öffnungsgeschichten ... Und je mehr sie ihre persönliche Geschichte teilen und mitteilen, desto mehr dürfen sie erfahren, dass das Hoffnungslicht Jesu in jedes Menschenleben strahlen will. Sicher auch in meines und Ihres!

Musik: Wolfgamg Amadeus Mozart - Solisten-Glanz – Allegro

Musikauswahl: Regionalkantor Ulrich Moormann, Fulda

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