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Gemeinsam Jeck
Jüdische Gemeinde Düsseldorf

Gemeinsam Jeck

Dr. Ursula Schoen
Ein Beitrag von

Dr. Ursula Schoen,

Prodekanin, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt
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Heute an Rosenmontag schau ich mir gerne die Mottowagen an. Diese tollen Wagen mit ihren kreativen Aufbauten bei den Karnevals- oder Faschingsumzügen. Die Figuren darauf ziehen die Politik durch den Kakao und nehmen kommunale Themen auf’s Korn. Alles mit Humor!

Ein ganz besonderer Mottowagen rollt in diesem Jahr durch die Düsseldorfer Innenstadt: Der Toleranzwagen. Der Wagen ist eine Idee der jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Gleich aktiv mit eingestiegen sind die evangelische und die katholische Kirche und der Kreis der Düsseldorfer Muslime. Sie wollen gemeinsam ein Zeichen setzen gegen Antisemitismus und Diskriminierung. Den Wagen hat der Künstler und Wagenbauer Jacques Tilly entworfen. Auf dem Wagen sind zu sehen eine Pfarrerin, ein Priester, ein Rabbiner und ein Imam. Außerdem ihre Kirchen, die Synagoge und Moschee im Hintergrund. Alle tragen rote Pappnasen und feiern Karneval. Sie signalisieren damit: Wir feiern zusammen, weil wir zusammengehören.

Der Toleranzwagen passt gut zum Karnevalsmotto in Düsseldorf in diesem Jahr: „Gemeinsam jeck“! Gemeinsam Jeck, das heißt übersetzt für Nicht-Rheinländer so viel wie: Gemeinsam verrückt. Das fordert auf, sich und andere eben nicht immer so ernst zu nehmen, wie wir es häufig tun.

Man kann auch anders übersetzen: Gemeinsam Narren sein. Als Narren wurden im Mittelalter Menschen mit Schwächen und Behinderungen an Körper oder Geist bezeichnet. Sie waren nicht die „Normalbürger“, sondern die anderen. Sie gehörten nicht dazu und ihr Lebensradius war ziemlich eingeschränkt. Oft konnten sie nicht am alltäglichen Leben teilnehmen.

Im Karneval werden alle zu „Jecken“, zu „Narren“. Die Grenzen zwischen normal und nicht normal sind in der fünften Jahreszeit aufgehoben. Keiner steht draußen oder drinnen. Alle sind unterschiedlich, in kultureller, religiöser oder in ganz anderer Hinsicht. Beim gemeinsamen Feiern spielen diese Unterschiede keine große Rolle mehr.

Die Geistlichen auf dem Mottowagen sind nicht nur durch ihre roten Pappnasen und ihre Feierlaune verbunden. Sie verbindet auch ihr Glauben. Juden, Christen und Muslim, sie glauben an den einen Gott und stehen in den gleichen biblischen Traditionen. Sie gehören im weiteren Sinne zur selben „Glaubensfamilie“. Toleranz ist ihnen in daher doppelter Hinsicht wichtig: Einmal brauchen die Menschen in Düsseldorf, die Öffentlichkeit in der Stadt Toleranz. Zum zweiten soll Toleranz regieren zwischen den Religionen. Die Religionsgemeinschaften in Düsseldorf lehnen es ab, dass Menschen wegen ihrer Religion verachtet und verurteilt werden. Manchmal einzelne Menschen – manchmal auch pauschal ganze Religionsgemeinschaften. Die vier auf dem Wagen wollen dafür einstehen, dass auf allen Ebenen Toleranz gelebt wird.

Michael Szentei-Heise ist Verwaltungschef der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. Er sagt: Wenn man im Karneval auf die Straße geht und das eigene Anliegen bis zu eine Million Menschen erreicht, dann versteht es auch die ganze Stadt. (Aus einem Interview im Domradio vom 10.2.2019)

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