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Eigentlich bin ich ja ganz anders, aber ich komme so selten dazu
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Eigentlich bin ich ja ganz anders, aber ich komme so selten dazu

Ein Beitrag von

Veit Dinkelaker,

Evangelischer Pfarrer und Referent am Bibelhaus Erlebnis Museum Frankfurt
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Heute mache ich mal was, was ich sonst nicht tue: Ich fahre zum Bäcker und bringe den Kolleginnen und Kollegen Kuchen mit. Es gibt keinen Anlass. Ich will einfach mal nicht immer die gleiche Rolle spielen, sondern eine andere Seite von mir zeigen.

Jede und jeder spielt seine Rolle

Jede und jeder spielt seine Rolle. Die einen sind immer gut gelaunt. Die anderen eher still. Die einen machen immer Witze, die anderen gar keine. Ich sage gern direkt meine Meinung. Das kommt nicht immer gut an. Darum: Heute bin ich mal anders. Und ich probiere das mit der kleinen Überraschung und bringe Kuchen mit.

Neue Seiten an seinen Mitmenschen entdecken ist schön

Ich mag es, wenn ich Seiten bei Kolleginnen und Kollegen entdecke, die ich nicht erwartet habe. Zum Beispiel: Ich habe eine Aufgabe zu lösen, die mir Kopfzerbrechen bereitet. Soll ich den Kollegen fragen? Ach, der sagt ja doch nur, dass er selbst zu viel zu tun hat. Und dann sagt der auf einmal: „Was ist los? Du grübelst so. Kann ich dir irgendwie helfen?“ Damit hatte ich nicht gerechnet. Und denke hinterher: Warum traue ich den anderen eigentlich nicht zu, dass sie auch ganz anders sein können?

Menschen nicht in bestimmte Schubladen stecken

Sich von Menschen überraschen lassen, sie nicht festlegen auf ein bestimmtes Verhalten: Darin war Jesus groß. Da gab es zum Beispiel einen Mann, der hieß Zachäus. Ein Zöllner, der den anderen immer mehr Geld abgeknöpft hat als vorgeschrieben und den Gewinn eingeheimst hat. Die Leute haben ihn dafür gehasst und gemieden. Das hat ihn nicht gestört, solange die Kasse stimmte. Bis er Jesus begegnet ist.

Jesus und Zachäus

Der hat offensichtlich noch mehr in ihm gesehen als den Raffzahn. Jesus hat ihm gesagt: Ich will heute bei dir zu Hause zu Gast sein. Zachäus war baff: Jesus will was mit mir zu tun haben, obwohl er weiß, was für ein Halsabschneider ich bin. Das hat gewirkt. Zachäus zeigte auf einmal, dass er ganz andere Seiten hat. Jesus musste gar keine Moralpredigt halten. Zachäus sagte von selbst: Ich zahle zurück, was ich zu viel genommen habe.

So hat Jesus auf Menschen gewirkt. Er hat mehr in ihnen gesehen als die Rolle, die sie selbst spielen oder auf die die anderen sie festlegen.

Auch mal über den eigenen Schatten springen

So wie Jesus schaffe ich das nicht. Ich fang mal klein an und am besten bei mir selbst: eben heute mal Kuchen für die Kolleginnen und Kollegen, ohne Anlass, einfach so. Heute ärgere mich mal nicht über die Eigenart des einen Kollegen. Ich lasse mich überraschen, ob ich ihn nicht auch mal ganz anders erlebe. Heute knalle ich meine Meinung mal nicht einfach so raus, sondern warte und höre erst mal, was die anderen meinen. Heute mache ich mal lieber eine freundliche Bemerkung mehr. Heute springe ich mal über meinen Schatten.

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