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Dynamisch an Auferstehung glauben
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Dynamisch an Auferstehung glauben

Sebastian Pilz
Ein Beitrag von

Sebastian Pilz,

Referatsleiter für Familien- und Beziehungspastoral, Fulda
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"Auf an die Roller." Dieses Kommando dringt von draußen durch das Fenster meines Arbeitszimmers. Ich stehe vom Schreibtisch auf und schaue hinaus: Die Nachbarskinder haben sich versammelt und ihre Roller mitgebracht. Auf der kleinen Sackgassen-Straße ist kaum Autoverkehr. Stattdessen fahren die Kinder in einem bunten Durcheinander hin und her. Nach dieser Aufwärmphase ist den Rollerfahrerinnen und -fahrern klar: Es braucht ein Kräftemessen. Ein Rennen muss her, um die oder den Schnellsten im Revier zu küren. Mit einem Stück Kreide werden auf der geraden Straße Start und Ziel markiert. Posten werden aufgestellt, um vor möglichen Autoverkehr zu warnen. Und dann treten zum ersten Rennen drei Jungen an den Start: Zwei sind zehn Jahre alt. Der Ditte ist schon dreizehn und deutlich größer als die beiden anderen. Sie begeben sich in die Ausgangsposition. Die zuschauenden Kinder sind hoch gespannt. Gemeinsam rufen sie alle: "An die Roller fertig, los." Die Zweiräder fliegen über den Asphalt. Mit äußerster Muskelkraft beschleunigen die Schwungbeine die jeweiligen Gefährte auf Maximalgeschwindigkeit. Nach wenigen Metern kann sich einer der jüngeren Jungen von der Gruppe absetzen. Er beherrscht perfekt das richtige Verhältnis von Anschieben und Gleiten. Der ältere Junge ist davon sichtlich überrascht und versucht den Vorsprung seines Rivalen noch einzuholen. Doch die letzten Meter liegen vor ihnen. Die Ziellinie ist zum Greifen nahe und … und … der Jüngere gewinnt mit fast einer ganzen Rollerlänge Vorsprung. Er ist überglücklich. Die Menge jubelt. Ein paar Minuten später startet Rennen Nummer zwei.

Schier unvorstellbar wäre es in der eben beschriebenen Situation, wenn der jüngere und schnellere Fahrer vor der Ziellinie angehalten hätte, nur um gemeinsam mit seinen Mitstreitern zeitgleich über die Linie zu fahren. Doch genau dieses ungewöhnliche Verhalten spielt sich bei einem biblischen Wettrennen ab, das heute am Ostersonntag in katholischen Gottesdiensten als Evangelium vorgelesen wird. Nach dem Bericht des Johannesevangeliums1 geht Maria Magdalena am Morgen des dritten Tages zum Grab. Verwundert stellt sie fest, dass der Stein weggerollt ist. Schnell kehrt sie zurück zu den Jüngern. Maria Magdalena trifft auf Petrus und einen anderen Jünger, der als Lieblingsjünger Jesu bezeichnet und für gewöhnlich mit dem Apostel Johannes gleichgesetzt wird. Sie berichtet ihnen und sofort brechen Petrus und Johannes zum Grab auf. Die beiden Jünger starten zeitgleich, doch Johannes als der Jüngere rennt schneller. Er kommt zuerst zum Grab, bleibt dann aber davor stehen. Erst als auch Petrus eintrifft, betreten sie gemeinsam die Grabhöhle. Wieso wartet Johannes vor dem Grab? Was hält ihn zurück, diese Ziellinie als erster zu überschreiten?

Musik

Ich stelle mir vor, wie der Jünger Johannes auf das Grab zu läuft. In einiger Entfernung sieht er den Ort, wo Jesus begraben wurde. Doch etwas ist anders, der große Stein vor dem Grab ist weg. Er liegt auf der Seite und die begehbare Grabkammer ist offen. Der Anblick verwirrt, weil es eben - damals wie heute - unerwartet ist. Wer zum Friedhof geht, erwartet den Ort so, wie er verlassen wurde. Ist etwas nicht in Ordnung, so steigt der Puls. Aufregung und Anspannung schießen in die Glieder. Das wird damals bei Johannes auch so gewesen sein, vermute ich. Und so bremst er seinen Wettlauf ab. Er traut seinen Augen nicht. Vielleicht hat er auch Angst. Zumindest wird er beim Blick auf das offene Grab erschrocken sein. Jedenfalls beschreibt die Bibel wörtlich, wie Johannes zwar vorsichtig in das Höhlengrab hineinschaut, aber bewusst nicht hineingeht. Johannes reagiert also auf zweifache Weise: Er zögert äußerlich und innerlich. Und zugleich zeigt er eine faszinierende Neugier, eben doch mal einen Blick ins Grab zu wagen.

Erschrecken und Faszination sind zwei Kategorien aus der Religionsphänomenologie. Sie untersucht Phänomene unterschiedlicher Religionen und versucht daraus allgemein gültige Kriterien abzuleiten. Die Kategorien von Erschrecken und Faszination beschreiben stets Begegnungen mit dem Heiligen. Für Religionen mit einem personalen Glauben ist Gott der Heilige. Zudem strahlen oft auch heilige Orte diese beiden Aspekte aus. In dem Verhalten von Johannes am Grab entdecke ich auch diese beiden Kategorien. Er erschrickt und zugleich ist er fasziniert. Irgendwie erahnt der Jünger wohl, dass es sich hier um die Begegnung mit dem Heiligen, mit Gott handelt.

Der zweite Jünger ist Petrus. Er trifft etwas später ein. Petrus reagiert ganz anders als Johannes. Petrus scheint seinen Laufschritt nicht zu verzögern. Zumindest ist davon nichts im Bibeltext zu finden. Da steht nur, dass er als zweites eintrifft und ins Grab geht. Er sieht die Leinenbinden, in die Jesu Leichnam einwickelt war, und das Schweißtuch. Erst nachdem Petrus die Szenerie in Augenschein genommen hat, geht auch der Lieblingsjünger Jesu, also Johannes, in die Grabhöhle. Vielleicht wollte Johannes das Grab nicht allein betreten. Dank Petrus hat er nun den Mut dazu. Die Bibelstelle jedenfalls beschreibt diesen Moment, als Johannes das Grab betritt, ganz kurz mit den Worten: „Er sah und glaubte."2

Diese starken Worte werden von Petrus nicht gesagt. Es scheint also, dass aus dem anfangs zögerlichen Johannes am Ende der Bibelstelle ein an die Auferstehung Jesu Glaubender wird. Und aus dem vor dem Grab sicher und zielstrebig hineingehenden Petrus am Ende ein nach Antworten Suchender hinauskommt. Die Situation, das leerstehende Grab, hat etwas mit Johannes und Petrus gemacht. Es hat sie verändert.

Musik

Der Wettlauf zum Grab am Ostermorgen verändert die beiden Jünger Petrus und Johannes. Was nehme ich von dieser Erkenntnis nun in mein Leben mit?

Petrus und Johannes verkörpern für mich zwei Dimensionen des einen Glaubens an die Auferstehung Jesu. Glauben an Jesus ist also etwas Dynamisches. Diese Bewegung entspringt immer wieder aus zwei Spannungspolen: Da gibt es auf der einen Seite Situationen im Leben, wo ich unsicher bin, ob Gott mir nahe ist. Für diesen Spannungspol steht Johannes, der seinen Wettlauf zum Grab verzögert. Auf der anderen Seite gibt es jene Lebensmomente, wo ich mir Gottes Führung sicher bin und nach den Situationen merke, wie ich doch noch ein eher Gott-Suchender bin. Für diesen Spannungspol steht Petrus. Glauben an Jesus ist also kein starrer Automatismus nach dem Motto: einmal gläubig, immer gläubig. Glauben bewegt sich vielmehr hin und her zwischen zögernder Trockenheit und getragener Zuversicht. Und genau das macht für mich Glaubensleben so lebendig.

Persönlich habe ich die Johannes-Sicht vor neun Jahren bei der Beerdigung meines Vaters erlebt. Nur schwer konnte ich hinter dem Sarg zum Grab gehen. Mir gingen Fragen durch den Kopf, weshalb seine Hirnblutung so enden musste und wie das Ganze mit Gottes Wirken zusammenhängt. Doch in dem Moment kam mein damals zweijähriger Sohn auf seinen kleinen Beinen angetippelt. Er reichte mir seine Hand und lief mit mir zum Grab. Diese Szene ist mir bis heute unvergessen. In der Rückschau merke ich, wie ähnlich ich in dieser Situation dem Jünger Johannes war. Auch ich war auf dem Weg zum Grab. Im Herzen war ich erschüttert und zögerte. Und zugleich war ich fasziniert, wie mir in dem Moment mein Sohn die Hand entgegenstreckte. Es stellte sich ein Gefühl von gläubiger Getragenheit ein, das sich bis heute durchzieht. Für mich ist dieser Moment ein Geschenk, von dem ich weiß, dass es nicht aus mir selbst kam, sondern von Gott.

Die Petrus-Sicht vom Ostermorgen entdecke ich in mir in der momentanen Situation. Ich trage die gläubige Zuversicht von Auferstehung in mir. Ich weiß, dass heute Ostern ist. Trotz Schmerz und Leid wird Gottes Liebe und das Leben siegen. Und zugleich schaue ich auf die aktuellen Entwicklungen und merke, dass diese sich anfühlen, als wäre ich in einer Grabhöhle. Ich möchte diese Höhle gern mit einer Perspektive nach Leben verlassen, doch ich weiß nicht, wie. Ich bin also wie Petrus, ein Suchender.

Johannes und Petrus – beide Jünger zeigen bei ihrem Wettlauf am Ostermorgen, welch eine Dynamik im Glaubensleben an den Auferstandenen bis heute steckt. Eine Dynamik von Zögern und Weitergehen. Da ist Glauben fast wie Rollerfahren, um die Szene mit den Nachbarskindern noch einmal aufzugreifen. Beim Rollerfahren gibt es auch ein Bein, das ruht und damit das Zweirad auf die Straße drückt. Und zur gleichen Zeit bringt das andere Bein zielstrebig Schwung in die Lebensfahrt. Möge dieses dynamische Bild von Ruhe und Bewegung Sie in diesen Ostermorgen hinein begleiten. Ich wünsche Ihnen von Herzen ein frohes und gesegnetes Osterfest.  

1 Joh 20, 1-9.

2 Joh 20,8.

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