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Die Welt auf dem Kopf
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Die Welt auf dem Kopf

Dr. Peter Kristen
Ein Beitrag von

Dr. Peter Kristen,

Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt

In Martinas Yogagruppe ist ein gutes Gleichgewicht besonders wichtig. Zuerst beim Stehen, mit den Füßen auf dem Boden. Aber immer wieder trainieren sie auch die Arme und stärken Schultern und Nacken. Denn dann sagt die Trainerin: „Und jetzt alles umgekehrt, im Kopfstand. Eine Weile hat Martina sich noch mit einem Bein an der Wand abgestützt, aber dann hat sie es geschafft: Genauso balanciert wie auf den Füßen steht sie verkehrt herum. Sie steht auf den Kopf – und ihre Welt auch.

Wenn sie mich so anschaut, sieht sie zuerst meine Füße, dann die Beine, Hüfte, Arme, dann erst das Gesicht. So herum sieht alles anders aus. Manches, sagt sie, hat sie für sich erst in dieser Perspektive entdeckt. Die Welt mal auf dem Kopf zu sehen, das ist nicht nur eine sportliche Übung. Ein Perspektivenwechsel bringt meine Weltsicht in Bewegung. Er macht mich bereit, auch mal den Blickwinkel anderer Menschen einzunehmen, mal probehalber zu schauen, wie die so die Welt sehen.

Als Religionslehrer ist mir das vertraut. Im Religionsunterricht an der Schule fördere ich den Perspektivenwechsel. Immer mehr Schülerinnen und Schüler kennen Religion nur aus einer Richtung – von außen. Im Unterricht informieren sie sich zuerst über Religion. Wie distanzierte Betrachter schauen sie auf das, was religiöse Menschen so denken, glauben und tun. Im Unterricht werden sie vertraut mit der Sprache der Religion, mit Gesten, Symbolen und Erzählungen. Sie üben, damit umzugehen.

Dann können sie die Perspektive wechseln und Religion auch von innen erleben. Sie können hineinschlüpfen in die Perspektive des Glaubens und die Welt aus dem Blickwinkel betrachten, der manchen in der Gruppe schon vertraut ist, dem religiösen.

Gemeinsamen fragen, diskutieren, spielen, singen und feiern. So sind sie zu Gast in der Welt der Religion. Sie machen sich auf den Weg, zu Fragen der Religion eine gut begründete Haltung zu entwickeln. In einer Welt mit vielen Weltanschauungen und Religionen ist das auch für die wichtig, die der Religion gegenüber vielleicht kritisch bleiben. Es stimmt, auf dem Kopf stehen, das braucht Übung. Aber wo es gelingt, sieht man die Welt neu.

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