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Die Wahrheit aus Liebe verschweigen
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Die Wahrheit aus Liebe verschweigen

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt
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Belügt einander nicht, steht in der Bibel. Aber was ist, wenn ich dem anderen eine Wahrheit verschweige, weil ich weiß, sie belastet ihn? Ist das auch schon Lügen?

Eine junge Frau sitzt im Zug und telefoniert mit ihrem Bruder. „Du, ich fahre gerade zu Oma und Opa und will nur wissen: Was hast du denen denn erzählt von Mamas Untersuchung?” Sie hört, was ihr Bruder antwortet, und sagt: „Ach so, noch nichts. Gut, dann sag‘ ich ihnen auch nichts. Oma und Opa machen sich sonst bloß Sorgen, und das Ergebnis ist ja noch nicht da. Da lass ich sie lieber in dem Glauben.“

Eine schwierige Situation, in der die junge Frau steckt. Die anderen in der Familie wissen: Die Mutter fürchtet, dass die Untersuchung schlecht ausfällt und sie schwer krank ist. Nur die Großeltern haben keine Ahnung. Die Enkelin belügt sie nicht, wenn sie nichts sagt. Aber was antwortet sie, wenn die Großeltern fragen: „Und wie geht es deiner Mama?“ Sagt sie dann „Ok“ oder „Alles in Ordnung“? Damit erspart sie den Großeltern schlaflose Nächte, die unbegründet sein können, wenn die Diagnose harmlos ausfällt.

Vielleicht will die junge Frau auch ihre Mutter schützen vor den Gefühlen der Großeltern. Die würden bestimmt sofort anrufen. Und dann müsste die Mutter zusätzlich zu ihren Gefühlen die Sorgen der Großeltern verkraften. Vielleicht will die Enkelin sich auch selbst etwas ersparen, nämlich die Ungewissheit auszuhalten mit ihrer Oma und ihrem Opa.

Das sind gute Gründe. Es ist nicht so, dass Großeltern und Eltern jede Wahrheit ihrer Kinder wissen müssen. Es gibt ein Recht auf Privatsphäre auch in der Familie. Manches muss man erst mit sich alleine ausmachen. Und umgekehrt: Eltern und Großeltern wollen auch nicht mit allem beladen werden. Es gibt ein Recht auf Nichtwissen auch in der Familie.

Aber es bleibt ein ungutes Gefühl zurück, den Großeltern nichts zu sagen. Wir sind doch Familie. Da geht es um Vertrauen und darum, dass man Anteil nehmen will, wenn einer leidet. Wir belügen uns nicht. Gar nicht so einfach.

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