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Der Moment, in dem der andere mich anschaut
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Der Moment, in dem der andere mich anschaut

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt

Der Moment, in dem der andere mich anschaut, kann alles verändern. So hat es Fredrik Önnevall erlebt. Der schwedische Journalist war 2014 mit einem TV-Team in Griechenland unterwegs. Sie drehen einen Film über Nationalismus in Europa. Das Thema Flüchtlinge soll auch vorkommen. In einem Apartment in Athen treffen sie sechs Menschen aus Syrien, darunter Abed, der eigentlich anders heißt, 15 Jahre alt. Eine Dolmetscherin übersetzt das Gespräch. Mitten im Interview schaut der Junge Önnevall an und sagt: „Nimm mich mit dir.“

Önnevall erzählt: „Zuerst habe ich ganz im Modus des Reporters reagiert, bis mir klar wurde: Er fragt tatsächlich mich.“ Eigentlich geht das nicht. Ein Journalist greift nicht in das Geschehen ein, über das er berichtet. Aber da ist dieser Blick und dieser Satz: „Nimm mich mit dir.“

Önnevall berät sich mit seinem Team. Sie entscheiden: Wir begleiten den syrischen Flüchtlingsjungen Abed mit nach Schweden. Abed lebt dort heute, seine Familie durfte nachkommen. Er ist jetzt 17 und macht Führerschein.

Der Journalist Önnevall, der Kameramann und die Dolmetscherin wurden wegen Menschenschmuggels angeklagt. Ein Gericht in Malmö hat sie zu Sozialstunden und zwei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Die drei haben Berufung eingelegt. Önnevall sagt, er konnte nicht anders. Nicht zu helfen, hätte ihm, so sagt er wörtlich, „als Person sehr arg geschadet“.

Es gibt solche Momente, wenn ein anderer mich anschaut, mich fragt. Dann kann ich nicht anders, als zu helfen. Bei Önnevall war es ein Flüchtlingsjunge. In meinem Alltag kann es der Vater sein, der mich anruft und fragt: „Hast du gerade Zeit?“ Und ich höre schon an seiner Stimme: Es geht um etwas Ernstes, er braucht mich. Oder der Nachbar, dem ich im Treppenhaus begegne. An seinem Blick sehe ich: Heute geht es um mehr als um ein Guten Morgen. Er braucht jemanden zum Reden. Der Moment, in dem ein anderer mich anschaut. In so einem Moment entsteht Mitmenschlichkeit.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 20. Februar 2017, Seite 23
 

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