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Begeistert von Eden: Die erste Paargeschichte der Menschheit
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Begeistert von Eden: Die erste Paargeschichte der Menschheit

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt

Adam und Eva im Gespräch (nach 1. Mose 2 und 3)

Eva: "Am Anfang war alles gut. Weißt du, Adam, dass ich dich schon hundert Mal verlassen hätte, wenn es diesen Anfang nicht gegeben hätte? Unsere unbeschwerte Zeit im Paradies. Wir haben das vollkommene Glück erlebt. Wir haben uns gefunden und konnten uns nicht vorstellen, ohne den anderen zu sein. Wir sind total verschieden und trotzdem wie füreinander gemacht. Nicht nur eines Geistes – für mich war‘s das Paradies. Die Leute später haben gesagt, Gott hätte mich aus deiner Rippe gemacht. Du wärest also zuerst da gewesen, und ich käme erst an zweiter Stelle. Gib’s zu, Adam: Manchmal hat dir das gefallen, und du wolltest, dass ich mich nach dir richte und mich unterordne. Aber du weißt genau, dass es anders war. Dich und mich gab es vorher gar nicht. Da war einfach nur dieses Wesen Mensch, das Gott aus einem Klumpen Erde geformt und ihm seinen Lebensatem eingehaucht hat. Und es war auch keine Rippe. Gott hat mich aus einer Seite geschaffen. Danach hat Gott die offene Stelle verschlossen, so dass aus einem Wesen zwei wurden. Du und ich. Ich finde, das ist ein schönes Bild: Der eine ist aus der Seite gemacht, die dem anderen fehlt. Danach sehnen wir uns.

Wenn ich den Menschen finde, der an meine Seite passt, kann ich glücklich sagen: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. So hast du das gesagt, als wir uns das erste Mal gesehen haben. Damals im Paradies. Deine Worte klingen mir noch in den Ohren. Auch ich hatte von Anfang an das Gefühl: Es ist gut, dass wir so Seite an Seite durchs Leben gehen. Ja, Gott hat es gut gemacht: Wir sind nicht aus dem Fuß des anderen geschaffen, so dass ich, um im Bild zu bleiben, unter dir stehe oder du unter mir. Und wir sind auch nicht aus dem Kopf des anderen gemacht, so dass ich über dir stehe oder du über mir. Nein, aus der Seite! Wir sind uns im Garten Eden als Partner und Partnerin auf Augenhöhe begegnet. Du warst mein Gegenüber, das zu mir passte, und ich war dein Gegenüber. Wir waren füreinander da. Wir waren füreinander Gehilfen im wahrsten Sinne des Wortes. So hat Gott das gewollt: Wir sollen einer dem anderen eine Hilfe sein. Ich nicht nur deine!

Nur wer Frauen als Menschen zweiter Klasse bezeichnet, würde unter Gehilfin eine Handlangerin und Dienerin verstehen. Aber ich war da, um dir zu helfen in allen Lebenslagen. Und du warst für mich da. Du warst für mich ein wertvoller Gehilfe und Gefährte. Wir haben uns stundenlang zugehört bei unseren Spaziergängen im Garten. Ich habe mich von dir verstanden gefühlt, durch deine Fragen und Antworten. Ich konnte dir alles erzählen. Und ich glaube, ich konnte dich gut verstehen. Wir haben uns wahrgenommen mit allen Sinnen. Ich denke gerne daran zurück. Wir haben das Paradies auf Erden erlebt. Warum haben wir das nur kaputt gemacht? Was ist passiert, dass wir dieses Glück zerstört haben?"

Adam: "Du bist schuld! Warum wir das kaputt gemacht haben, was wir miteinander hatten? Das fragst ausgerechnet du, Eva! Ja, der Anfang im Paradies war schön. Unverschämt schön. Da gab es kein Sich-Verstellen unter uns. Bei dir konnte ich mich so zeigen, wie ich bin. Ich musste vor dir nichts verbergen. Es war alles so leicht. Aber dir hat das ja nicht gereicht. Du konntest nicht einfach glücklich sein. Du wolltest wissen, ob es nicht doch noch mehr gibt. Gott hat uns alles freigestellt. Von allen Bäumen und Früchten im Garten durften wir essen. Nur von dem einen Baum, von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollten wir nicht essen. Nur ein einziger Baum war tabu, Eva! Aber du konntest die Finger nicht davon lassen. Die Früchte am verbotenen Baum sahen für dich viel saftiger aus als alle anderen. Darum hast du dir gerne von der Schlange was vorsäuseln lassen. „Stimmt ja gar nicht“, hat diese falsche Schlange gezischelt, „dass ihr sterben müsst, wenn ihr von den verbotenen Früchten esst. Gott weiß: Wenn ihr davon esst, werdet ihr sein wie Gott und ihr werdet wissen, was gut und böse ist.“ Auf so ein blödes Versprechen bist du reingefallen und hast alles aufs Spiel gesetzt.

Weißt du, Eva, was ich am schlimmsten finde? Nicht, dass wir den Garten Eden verloren haben. Auch nicht einmal, dass unser Leben seitdem mühsam ist. Das Schlimmste finde ich: Das Misstrauen hat sich zwischen uns eingeschlichen. Vorher waren wir wie eine Einheit, du und ich, wir und Gott. Wir haben einander vertraut. Aber seitdem du mir die verbotene Frucht hingehalten hast, weiß ich nicht mehr: Kann ich dir wirklich vertrauen? Was bietest du mir da an? Wohin es führt, wenn ich auf dich höre, das haben wir ja gesehen. Wir haben das Paradies verloren. Hochkant rausgeflogen sind wir und können nicht mehr zurück. Es wird nie mehr so sein, wie es einmal war. Auch nicht mehr zwischen uns. Die Zeit der Unschuld ist vorbei, Eva. Das ist die bittere Wahrheit.

Manchmal ist das wie eine Mauer zwischen uns. Ich verstehe dich nicht, und du verstehst mich nicht. So, als würden wir verschiedene Sprachen sprechen. Ich wünsche mir oft, dass wir wieder in Ruhe miteinander reden können so wie damals am Anfang. Aber immer, wenn ich es versuche, bekommst du gleich jedes Wort in den falschen Hals. Dann sitzen wir beide nebeneinander, keiner sagt mehr was. Jeder frisst seinen Ärger in sich hinein. Man kann zu zweit noch einsamer sein als allein. Und das alles, weil du unbedingt von den verbotenen Früchten essen musstest!"

Eva: „Das war ich nicht! Ich musste einfach von den verbotenen Früchten essen! Ich wollte nicht alles unhinterfragt hinnehmen. Da sagt Gott: „Ihr könnt von allen Früchten der Bäume im Garten essen, nur von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat er gesagt: Esst nicht davon, rührt sie auch nicht an, dass ihr sterbt.“ Warum soll ich sterben, wenn wir davon essen? Keine Begründung – nichts. Ich gehorche aber nicht blind. Ich will die Dinge verstehen und ihnen auf den Grund gehen.

Da hat es mir eingeleuchtet, als die Schlange kam und sagte: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: dass an dem Tag, an dem ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ Du musst zugeben, Adam, das ist eine verlockende Aussicht. Mündig zu sein, selbst entscheiden, was gut und böse ist, was heilsam ist und was mir schadet. Endlich kann ich Verantwortung übernehmen für mein Leben, für dich und auch für diesen Garten und nicht nur in träumender Unschuld durch ihn wandeln. Es hat mich gereizt, nicht nur abhängig zu sein. Ohne Gegensätze ist für mich das Leben langweilig.

Klar, ich gebe zu, nach dem Biss kam das böse Erwachen. Von da an mussten wir selbst überlegen, was richtig und falsch ist. Keiner kann das mehr auf den anderen abwälzen, auch nicht auf Gott. „Wie stehen wir jetzt da!“, habe ich gedacht. Ich habe mich auf einmal nackt gefühlt, bloßgestellt. Und dann haben wir ja auch nach dem erstbesten Feigenblatt gegriffen. Natürlich hat Gott sofort gewusst, was passiert ist, und gefragt: Mensch, wo bist du? Was habt ihr getan? „Das war ich nicht!“, waren meine ersten Worte. Das erste Gespräch, das in der Bibel überliefert ist, ist meine Verteidigungsrede. „Das war ich nicht“ – ein Urinstinkt des Menschen, seitdem ich in die verbotene Frucht gebissen habe. Schon traurig: Erst wollte ich die Verantwortung und mein Leben selbst in die Hand nehmen. Und dann konnte ich nicht dazu stehen und habe alle Schuld auf die Schlange geschoben: „Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.“

Auf einmal hatte ich Angst vor Gott. Er hat uns doch den schönen Garten geschenkt. Er hat gut für uns gesorgt. Ich kam mir so undankbar vor. Die verbotene Frucht hat mir wirklich die Augen geöffnet. Und zwar für mich selbst. Ich habe auf einmal gesehen, was ich zerstört habe. Nicht mal eine Einschränkung konnte ich hinnehmen. Ich habe nicht an die Konsequenzen gedacht. Und jetzt hatte ich nicht einmal den Mut, die Folgen zu tragen. Nun weiß ich, was gut und böse ist, heilsam und schädlich. Und immer noch merke ich oft erst hinterher, was ich getan habe und welche Folgen es hat. Und es gibt immer noch den Reflex in mir, die Schuld auf andere abschieben zu wollen. Auf den Nächstbesten, wer auch immer gerade vorbeigeschlängelt kommt.

Dann höre ich immer noch die Frage von Gott: Mensch, wo bist du? Wo übernimmst du Verantwortung für dich, für andere und für die Welt? Ich wollte Freiheit ohne Verantwortung und sehe, dass das nicht geht. Dazu muss ich stehen. Aber ich bin nicht alleine schuld. Du, Adam, hast auch zugegriffen und von der verbotenen Frucht gegessen. So leicht kannst du dich nicht aus der Affäre ziehen!"

Adam: "Ich war ein Feigling. Du hast schon Recht, Eva. Du bist nicht allein schuld. Wir haben beide das Paradies vermasselt. Ich auch. Ich habe einfach mitgemacht und zugegriffen, als du mir die verbotene Frucht hingehalten hast. Du hast mich ja zu nichts gezwungen. Ich hätte selbst nachdenken und entscheiden können. Aber ich habe es einfach so geschehen lassen. Irgendwie war ich träge geworden. Es lief alles so dahin. Ich wollte nicht sehen, dass unser kleines Paradies bedroht sein könnte. Ich habe die Warnsignale übersehen und weder Ja noch Nein gesagt, sondern einfach auch von der verbotenen Frucht gegessen. Auch wenn man nicht selber aktiv wird und die Dinge einfach laufen lässt, trifft man eine Entscheidung und muss mit den Folgen leben.

Hinterher habe ich es mir bequem gemacht und die Schuld auf dich geschoben. Als Gott gefragt hat: Mensch, wo bist du? Was habt ihr getan? Da habe ich einfach mit dem Finger auf dich gezeigt und gesagt: Die Eva war’s. Es war sogar noch schlimmer. Ich habe dich nicht einmal beim Namen genannt. Ich habe gesagt: Da, die Frau, die du mir zur Seite gestellt hast, die war’s. Ich wollte die Verantwortung doppelt abwälzen: auf dich. Und auf Gott, denn schließlich hatte er ja gewollt, dass wir zu zweit sind.

Ich war ein Feigling und wollte nicht schuld an dem sein, was wir beide gemacht haben. Ich habe dich im Stich gelassen und dich bloßgestellt. Bis dahin waren wir füreinander eine Hilfe. Das war das erste Mal, dass es kritisch wurde. Das erste Mal, dass es darauf ankam, und ich lasse dich alleine stehen. Damit habe ich das Vertrauen zwischen uns kaputt gemacht. Heute schäme ich mich dafür.

Ich kann den Bruch nicht mehr kitten. Es ist so schnell passiert, dass wir uns entzweit haben, obwohl wir doch so glücklich miteinander waren. Seitdem geht es zwischen uns immer wieder um Schuldzuweisungen: Du warst es! Ich habe dir doch gleich gesagt, dass das böse endet. Immer musst du Recht haben und das letzte Wort behalten. Schrei mich nicht an! Ich schrei doch gar nicht. Mensch, Eva! Wir haben doch mal ganz anders miteinander angefangen. Wir haben die Leichtigkeit und die Lebendigkeit verloren. Wie kommen wir da raus?"

Eva: "Wie bekommen wir wieder Lebendigkeit und Leichtigkeit, fragst du mich, Adam? Da habe ich auch keine Antwort. Jetzt müssen wir jenseits von Eden leben. Das Paradies ist für uns verloren. Unser Leben ist nun mit Mühe und Arbeit verbunden. Oft müssen wir im Schweiße unseres Angesichts unser Brot hart verdienen. Aber wir können das auch. Gott überlässt uns nicht einfach unserem Schicksal. Das hat er ja gleich nach unserem Rauswurf aus dem Garten Eden gezeigt. Er hat uns Röcke aus Fell gemacht, damit wir in einer kalten Welt nicht frieren (1. Mose 3, 21). Gott sorgt weiter für uns."

Adam: "Es hilft mir, Eva, dass du so zuversichtlich bist. Weißt du was: Wenn wir so miteinander reden, ist es wieder ein bisschen so wie früher bei unseren Spaziergängen durch den Garten Eden. Auch schon vorhin, als du mir erzählt hast, warum du unbedingt von den verbotenen Früchten essen wolltest. Dass du selber entscheiden wolltest, was gut und böse ist. Und ich konnte vor dir offen zugeben, dass ich es mir damals bequem machen wollte und alle Schuld auf dich geschoben habe."

Eva: "Ja, das tut gut, dass wir gesprochen haben. Ich habe doch schon immer gesagt, dass wir das öfters machen sollten."

Adam: "Wir sind schon so ein Paar. Vielleicht haben wir das Paradies doch nicht ganz verloren. Manchmal nachts, wenn du schon vor mir eingeschlafen bist, schaue ich dich an. Und dann überfällt mich so ein Glücksgefühl wie damals, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe. Dann lausche ich auf jeden Atemzug, den du tust, und denke: Was für ein Wunder da neben mir liegt. Und so einen wunderbaren Menschen hat Gott mir an die Seite gegeben. Ich liege neben dir, höre deinen Atem, atme selber. Und es ist dann so, als würde Gottes Atem zwischen uns wehen und uns verbinden. So Seite an Seite zu sein, das ist für mich, wie wenn ich etwas von Gottes Geist in unserem Leben spüre."

Eva: "Das hast du aber schön gesagt! Mir geht es manchmal so, wenn ich zurückschaue auf das, was wir zusammen erlebt haben. Eigentlich habe ich erst nach dem Paradies so richtig gemerkt, wie wichtig es ist, dich an meiner Seite zu haben. Wir sollen einander eine Hilfe sein, hat Gott gesagt. So richtig zum Tragen kam das erst jenseits von Eden. Und in Momenten wie jetzt, wenn wir so zueinander finden und ein guter Geist zwischen uns weht, dann bin ich gewiss: Gott lässt uns auch außerhalb des Paradieses nicht allein. Gottes Geist begleitet uns. Hauptsache, wir bleiben zusammen."

Adam: "Das klingt schön. Fast zu schön, um wahr zu sein. Was ist, wenn wir sterben? Was war dann unser Leben? Wir haben einiges in den Sand gesetzt. Wir haben uns oft vergeblich abgerackert."

Eva: "Jemand wird es schon fertigmachen."

Adam: "Unsere Kinder wohl kaum. Die sind keinen Deut besser als wir."

Eva: "Die müssen ihren eigenen Weg gehen. Es wird schon noch etwas aus ihnen werden."

Adam: "Und was wird aus uns?"

Eva: "Wir? Wir gehen dann zurück in den Garten."

Adam: "Ist er denn noch da, der Garten?"

Eva: "Gewiss! Oder woher, meinst du, kommen so paradiesische Momente wie der, den wir gerade erleben? Ich bin sicher: Da weht gerade Gottes Geist vom Garten Eden durch unser Leben."

Adam: "Pass auf, dass du den nicht wieder durch deine Eigensinnigkeit vertreibst!"

Eva: "Adam! Du fängst du schon wieder an!"

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