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Alles gut. Wirklich?
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Alles gut. Wirklich?

Dr. Peter-Felix Ruelius
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Dr. Peter-Felix Ruelius,

Leiter ZB Christliche Unternehmenskultur & Ethik bei der BBT-Gruppe, Koblenz
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Wenn mir jemand die Tür aufhält, dann sage ich Danke. Wenn ich dann als Antwort ein „Bitte, gerne“ höre, dann ist diese kleine Alltagskonversation für mein Gefühl stimmig. Immer öfter höre ich in solchen Situationen etwas anderes. Ich sage Danke. Der andere sagt: „Alles gut!“ Ich möchte im Bus jemandem meinen Platz anbieten: „Alles gut.“ Ich frage: „Kann ich Ihnen helfen?“ „Alles gut.“

Alles gut. Klar, es geht um Beruhigung, ein bisschen Beschwichtigung, gut gemeint. Mach dir keine Sorgen, es passt schon. Aber es ist schon ganz schön groß, dieses Wort: Alles gut.

Neben meinem Schreibtisch hängt eine Postkarte mit einem Spruch, der Oscar Wilde zugeschrieben wird: „Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“ Die Karte habe ich in einer anstrengenden beruflichen Situation von einem Freund bekommen. Da war erst einmal wenig gut.

Diese Karte, mittlerweile etwas vergilbt und angestaubt, habe ich mir oft angeschaut. Sie hat mir Mut gemacht und gewissermaßen einen ganzen Horizont eröffnet. Geh weiter voran, es wird gut werden.

Es ist danach sehr viel gut geworden. Aber alles? Es ist ja im Leben doch eher so, dass man zufrieden sein kann, wenn man das meiste gut erlebt. Alles gut? Das wäre das Paradies.

Mit Tränen in den Augen haben über Jahrzehnte die Narren der Mainzer Fassenacht mitgesungen, wenn Ernst Neger sein „Heile, heile Gänschen“ angestimmt hat. „Heile, heile Gänschen, s‘ist bald wieder gut.“ Damit war in den Jahren nach dem Krieg mehr gemeint als der kleine Kinderkummer. Damit war das große Ganze gemeint, die zerstörten Städte in Deutschland, die zerstörten Leben, die Sorge um Arbeit und Wohnung. Es ist bald wieder gut – alles gut.

„Alles gut.“ Das kann man sich wirklich sparen – ich meine: sparen oder aufsparen für die wichtigen Momente. Wenn man eine Krankheit überstanden hat. Wenn man einen großen Streit begraben konnte und sich versöhnt hat. Wenn man nach langer Arbeitslosigkeit wieder eine feste Stelle hat. Dann kann man schon das Gefühl haben: Alles gut. Aber wenn ich jemandem die Tür aufhalte und der dann „Danke“ sagt, ich glaube, dann bleibe ich dabei, ihm mit „Bitte, gerne“ zu antworten.

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