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Begleitung auf dem Lebensweg
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Begleitung auf dem Lebensweg

Reiner Jöckel
Ein Beitrag von

Reiner Jöckel,

Pastoralreferent, Frankfurt

Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Und wir Menschen sind da in der Gefahr, unsere Herkunft und die Traditionen, in denen wir stehen, zu vergessen. Viele Menschen haben wenig Zeit für das, was ihnen eigentlich wichtig ist; für Freundschaften, für Familie, für einen selbst. Auch mir geht das manchmal so. Und dann habe ich das Gefühl, am Leben und an mir selbst vorbei zu leben. Deshalb stehen in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und persönlicher Krisen viele Angebote zur Lebenshilfe hoch im Kurs. Auch in den Regalen der Buchhandlungen finden sich unzählige Ratgeber. Sie versuchen eine konkrete und lebbare Antwort auf die Frage zu geben: Wie kann mein Leben gelingen? Und wie kann das Miteinander der Menschen im Alltag und Beruf verbessert werden? Überhaupt: auf welche Wurzeln, auf welche positiven Traditionen kann ich mich verlassen?

Eine besondere Tradition der Lebensgestaltung pflegen seit Jahrhunderten unsere Klöster. Und wer schon einmal als Gast vorübergehend in einem solchen Kloster gelebt hat, der kann erfahren: Ich kann dort ganz viel über mich selbst und für das eigene Leben lernen. Auch ich nehme seit vielen Jahren die geistlichen Angebote der Ordensleute gerne war. Ihr geregelter und erprobter Tagesablauf lässt mich die Stille bei den Gebeten und auch bei der Arbeit im Klostergarten genießen.

Solche Tage im Kloster helfen mir - was ich eher merkwürdig finde, sind Lebenshilfe-Bücher, die gerne versprechen: wenn du dies liest und tust, dann wirst du mit allem sofort und schnell Erfolg haben. Oder: wenn du nur die richtige Technik anwendest, dann bist du in spätestens 30 Tagen ein anderer Mensch! Aber ich weiß nur zu gut. Die Suche nach einem gelingenden Leben oder gar nach Gott in meinem Alltag ist eher wie eine Reise ist; sie dauert ein ganzes Leben lang.

Und immer wieder frage ich mich: Was lässt mich aufbrechen? Wann ist der richtige Zeitpunkt für mich zu beginnen? Was darf ich auf keinen Fall vergessen mitzunehmen? Überhaupt: Wohin soll denn meine Reise gehen? Was gibt mir die nötige Kraft zum durchhalten, wenn ich mein Ziel aus den Augen verloren habe? Darüber möchte ich in dieser Morgenfeier sprechen.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel erleben. Manchmal ist aber auch das ganz Wenige von großer Bedeutung. Wie in der folgenden Geschichte.

Von einem Tourist auf dem Weg nach Santiago de Compostella, dem alten und heute wieder so beliebten Pilgerweg, wird folgende Begebenheit erzählt: Er übernachtete in einem Kloster und war sehr erstaunt über die spartanische Einrichtung ihrer Zellen. Schließlich fragt er die Mönche: „Wo habt ihr eigentlich eure Möbel?“ Schlagfertig fragen die Mönche den Besucher zurück: „Ja, wo haben Sie denn ihre?“ „Meine?“, erwidert darauf der Tourist verblüfft. „Ich bin ja nur auf der Durchreise hier.“ „Eben“, sagen die Mönche, „das sind wir auch.“

Diese Geschichte gefällt mir, weil sie mir etwas ganz Wichtiges klar macht: Das ganze Leben ist eine Reise, und ich kann nicht immer meine Möbel mitnehmen. Erst recht nicht auf kurzen Fahrten. Aber wie oft nehme auch ich auf Kurzreisen zwar keine Möbel mit, aber doch viele andere Dinge, die dann oft überflüssig werden: Handy, PC, einige Bücher und immer zu viel Klamotten. Im Nachhinein sage ich mir: Eigentlich brauche ich das gar nicht. Oder doch, weil ich etwa Angst vor Langeweile habe, Zeit totschlagen muss und nicht wirklich über mich nachdenken will?

Im Grunde genommen ist doch auch mein eigener Alltag wie eine Reise: immer wieder soll ich auch aufbrechen aus den gewohnten Bahnen, möglichst wenig mitnehmen. Ich komme gerade dadurch wieder mehr mit mir selbst in Berührung. Denn nur wenn ich aufgebrochen bin, kann ich ja auch an einem Ziel ankommen. Auf der Durchreise sein: das bedeutet für mich deshalb, acht samt zu werden und durchlässig zu bleiben für das, was das Leben für mich an Fragen oder Antworten unterwegs bereit hält.

Manchmal haben nämlich die alten Pfade ihre Lebendigkeit eingebüßt. Und dann nehme ich das Gefühl wahr: Da gärt etwas in mir. Eine Stimme ist in mir, die sagt: Mach dich wieder auf den Weg! Bleib nicht stehen, gerade wenn etwas nicht geklappt hat. Manchmal ist diese Stimme auch ganz leise. Erst recht, wenn damit Risiken verbunden sind, die ich nicht überblicke.

Neue Wege: die lassen sich oft nicht finden, ohne dass man vorher wirklich intensiv gesucht hat. Und aufbrechen muss man, auch wenn es sehr oft ein Wagnis bleibt.

Pablo Picasso hat einmal ein Gedicht geschrieben, das mich auf meine Wegsuche sehr inspiriert hat. Und zwar deshalb, weil er gerade nicht vom Suchen spricht, sondern vom Finden. Er schreibt unter anderem:

Ich suche nicht – ich finde. Suchen, das ist Ausgehen von alten Beständen und ein Finden-Wollen von bereits Bekanntem.

Finden, das ist das völlig Neue. Das Neue auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis – ein heiliges Abenteuer.

Die Ungewissheit solcher Wagnisse können eigentlich jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen - in der Ungewissheit geführt werden – die sich im Dunklen einem unsichtbaren Stern überlassen- die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht menschlich beschränkt eingeengt das Ziel bestimmen.“

aus: Siegfried Gohr (Autor), „Ich suche nicht, ich finde“ Pablo Picasso. Leben und Werk, Köln 2006

Soweit Picasso. Ein wunderbarer Text ist das, finde ich. Er lässt das Wagnis, die Unsicherheit und das Risiko auf meinen Lebenswegen nicht unter den Tisch fallen. Aber er fordert mich auch auf, mich „im Dunklen einem unsichtbaren Stern zu überlassen“, so dass ich im „Ungeborgenen geborgen“ und „in meiner Ungewissheit geführt“ werde. Wo oder wer ist dieser Stern, der mein Leben begleitet?

Ja, wo oder wer ist dieser Stern, der mein Leben begleitet? Dieser Stern: für mich kann das zum Beispiel ein bestimmter Mensch sein. Einer, der mich auf meiner Wegsuche begleitet. Der mir hilft, sensibel zu bleiben oder zu werden.

Manchmal sind das für mich auch Menschen, die vor langer Zeit gelebt haben. Am kommenden Dienstag, dem 5.Juni, erinnert die katholische, die evangelische und die anglikanische Kirche an den Todestag des Heiligen Bonifatius vor über 1200 Jahren. Obwohl er in Wessex in England geboren wurde, nennt man ihn den „Apostel der Deutschen“. Das liegt unter anderem daran, dass er auch für viele Menschen in unserem Land ein überzeugender Wegbereiter und Wegbegleiter im Glauben war und bis heute ist. Er hat viele Bistümer in Deutschland gegründet und wurde mit 75 Jahren Erzbischof von Mainz. Neuere Forschungen zeigen: Bonifatius hat die Kirche in Europa damals durch sein Leben und seine Predigten stark beeinflusst.

Sicher kann man seine Methoden und Antworten von damals nicht einfach auf heute übertragen. Aber auch heute gibt es ja Menschen, die - ähnlich wie Bonifatius damals - anderen von ihrem Glauben erzählen. Menschen, die durch ihren Lebenswandel andere einladen, eigene Glaubenserfahrungen zu machen. Zum Beispiel, indem sie in einem Kloster mitleben. Mir tut es jedenfalls gut, auf solche Menschen zu stoßen, die mir helfen, nach meiner inneren Stimme zu fragen. Wieder mal zu schauen: Wie kann Leben gelingen? Die kritisch nachfragen: Wie kannst du lebendig bleiben, trotz mancher Erfahrungen, die dich vielleicht mutlos gemacht haben? Der Heilige Bonifatius ist für mich ein solcher Wegbegleiter. Auch für viele andere Leute, die auf den verschiedenen Pilgerwegen - den sogenannten Bonifatiuswegen - suchend, betend und singend unterwegs sind. So auf der Durchreise zu sein, bedeutet für mich, durchlässig zu werden und zu bleiben für das, was das Leben für mich an Fragen und möglichen Antworten unterwegs bereithält. Ja, vielleicht wieder mit neuer Dankbarkeit Gottes Spuren und seine Herausforderungen in meinem Leben wahrzunehmen.

Kritische Wegbegleiter sind für mich nicht nur Menschen. Es können z.B. auch gute Bücher und Texte sein. Wie zum Beispiel auch die Geschichte von Bonifatius und der Donareiche. Er hat sie damals im achten Jahrhundert im hessischen Geismar bei Fritzlar mit einer Axt gefällt. Ein Götzensymbol war das für ihm. Mit diesem Baum haben Menschen in magischer Weise versucht, ihre Lebensängste in den Griff zu bekommen. Vielleicht gibt es ja in meinem Leben auch das eine oder andere Pflänzchen zu fällen, um im Bild zu bleiben: Trägheit, Gleichgültigkeit, Überheblichkeit oder mangelnde Konfliktbereitschaft.

Ein Text, der mich immer wieder dazu antreibt, Dinge in meinem Leben zu verändern, ist auch ein Psalm der Bibel, Psalm 23.

Er ist eine Art Wanderlied auf meinem Lebensweg. Er begleitet mich und gibt mir Kraft und Halt. In einer modernen Übersetzung hört sich das so an:

Du, Herr, begleitest mich, mir wird nichts mangeln. Du bringst mich zur Ruhe, zum Nachdenken du führst mich zum frischen Wasser und gibst mir neue Kraft in meiner Seele. Wenn ich auch wanderte im finsteren Tal – ich brauche keine Angst zu haben, denn du bist bei mir. Der Stab deines Wortes tröstet mich, auch wenn ich das nicht immer sofort spüre. Du lässt mich teilhaben an der Fülle deines Lebens, obwohl es manchmal Gründe gibt verzweifelt zu sein. Dennoch: ich glaube, deine Güte und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang. Ich laufe deiner bergenden Hand nicht davon und Heimatlosigkeit um deinetwillen birgt mich sicherer als irgendein irdisches Haus. Wohin ich auch gehe, mein Wohnrecht bei dir bleibt ungekündigt in Ewigkeit. Und deshalb wird auch mir nichts mangeln, denn du bleibst bei mir.“

Ich finde, dieser Psalm enthält einen wahren Schatz an wertvollen Bildern. Sie begleiten mich in meinem Alltag und bereichern mein Leben. Dieser Text ist für mich ein Gedicht des Friedens, der Zuversicht und der Geborgenheit. Und Gott wird hier nicht platt als billiger Tröster genannt. Er nimmt Schwieriges im Leben nicht von mir, sondern er begleitet mich. Mir ist dieser Psalm wichtig, weil er mir sagt: In allen Krisen und auf allen Wegen, schönen und weniger schönen, ist Gott mit dabei. Ich darf mit ihm deswegen auch immer wieder zu neuen Wegen aufbrechen. Wenn ich mich auf neue Wege begebe, dann kommt es nicht auf die Dinge an, die ich mitnehme. Sondern: auf Menschen, die mit auf dem Weg sind. Gott ist es ja immer, auch wenn ich das oft erst im Nachhinein gespürt habe. Aber er ist das Leben.

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