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Welt anschauen, statt Weltanschauung
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Welt anschauen, statt Weltanschauung

Stephan Krebs
Ein Beitrag von

Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt
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Was denken Sie über Blondinen? Was halten Sie von Managern? Was halten Sie von BMW-Fahrern? Was von dunkelhäutigen jungen Männern? Was halten Sie von Pfarrerinnen? Was von Politikern?

Meine Fragen sind unangemessen. Denn sie unterstellen, dass es zu all diesen Personen eine einheitliche Beurteilung geben könnte. Es gibt sie nicht. 
Aber sie werden konstruiert von Ideologien oder Weltbildern. Schnelle Urteile sind praktisch, denn sie helfen uns, den komplizierten Alltag zu sortieren und zu vereinfachen. Doch solche pauschalen Urteile vernebeln auch die Realität. Wenn es schlimm kommt, dann machen sie sogar blind für den einzelnen Menschen, der einem gerade begegnet. Deshalb sind sie Gift für das soziale Zusammenleben. Das muss man sich immer wieder vor Augen führen, sich selbst korrigieren. 

Mir hilft dabei ein Merksatz von Alexander von Humboldt. Dieser berühmte deutsche Forscher im 19. Jahrhundert hat gesagt: „Am meisten Angst macht mir die Weltanschauung derer, die die Welt nicht angeschaut haben.“ Dieser wunderbare Merksatz ermuntert zur Neugier, zum offenen Hinschauen. Zum genauen Hinsehen. Und erst dann zu bewerten. Wenn überhaupt. 

Vor Augen ist immer ein Mensch. Er läuft vielleicht gerade durch das Frankfurter Bankenviertel und trägt einen teuren Anzug. Aber mehr weiß ich nicht über ihn, vielleicht zieht er am Wochenende die Schürze an und hilft beim Frühstück für Obdachlose. Ein anderer dominiert im Fernsehen als rhetorisch gut geschulter Politiker eine Talkshow. Aber was spielt er am Wochenende mit seinen Kindern? Und der dunkelhäutige junge Mann steht auf dem Bahnhofsvorplatz rum. Aber vielleicht hat er in gutem Deutsch Interessantes zu erzählen. Das entdecke ich allerdings erst, wenn ich meine vorgefertigten Bewertungen hinterfrage, wenn ich hinschaue und mich persönlich für den anderen öffne. 
Ich finde: Diese Tugend steht gerade den Menschen in Deutschland gut an. Denn wir waren besonders darauf angewiesen – und wir sind es noch, dass andere uns als einzelne sehen und damit aus den allgemeinen Schubladen der Bewertung herauslassen. Je älter ich werde, desto erstaunter und froher bin ich, wie großzügig Menschen in anderen Ländern mich als Menschen, als Deutschen wahrgenommen haben. In den Jahren nach dem grausamen Zweiten Weltkrieg hätten sie ganz leicht mich und viele andere in die Schublade mit der Aufschrift NAZIS stecken können. Nur wenige haben es getan. Die meisten haben sich die Mühe gemacht, in mir den einzelnen zu sehen. 
Meine Erfahrung ist: Es lohnt sich immer, das zu tun. Was man dabei entdeckt, ist nicht immer schön, denn es gibt unangenehme Zeitgenossen. Aber die meisten Menschen sind besser als ihr Ruf. 

Manchmal, in Sternstunden, darf man dabei sogar einen Blick in das Herz anderer werfen. Dann bekommt man eine Ahnung von dem, was meistens nur Gott vorbehalten ist. Denn, wie die Bibel sagt: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an.“ (1.Samuel 16,7) Deshalb weiß Gott: Große Leute können ganz schön kleinkariert sein. Und kleine Leute ganz großartig. Und andersherum. Aber eines haben sie alle gemeinsam. Sie sehnen sich danach, wirklich gesehen zu werden. 

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