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Was Kraft zum Zusammenhalten gibt
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Was Kraft zum Zusammenhalten gibt

Michael Tönges-Braungart
Ein Beitrag von

Michael Tönges-Braungart,

Dekan, Evangelisches Dekanat Hochtaunus
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Das Motto dieser Zeit ist Zusammenhalten. Obwohl es ja zurzeit schwierig ist, sich persönlich zu begegnen. Das Motto ist Zusammenbleiben, gerade weil es zurzeit so schwierig ist.

Zusammenhalten ist Nächstenliebe

Christlich gesprochen ist das Nächstenliebe. Idealerweise wird ein Mensch dem anderen ein Mitmensch. Der ein Stück weiterhilft, vielleicht sogar heilsam ist, körperlich und seelisch. Doch die Kraft dazu zu finden ist ja oft nicht leicht. Die eigene Kraft ist endlich, man ist doch auch erschöpft oder genervt, gerade jetzt mit den vielen Herausforderungen.

Das Bild vom Weinstock und den Reben

Gerade jetzt wird mir ein biblisches Bild zur Kraftquelle. Jesus Christus selbst hat es geprägt. Es ist das Bild vom Weinstock und den Reben.
Folgen Sie mir also bei einem Spaziergang in Gedanken in die Weinberge. Das tut gut, gerade weil es für viele nicht möglich ist, zum Beispiel durch den Rheingau zu wandern.

Jetzt im Frühling entwickeln sich die Weinreben meterlang

Jetzt im Frühling explodieren sie geradezu, die Rebstöcke in den Weinbergen.
Ich bewundere die alten knorrigen Rebstöcke. Im Herbst werden sie stark zurückgeschnitten. Im Winter wirkten sie wie tot und jetzt im Frühjahr treiben sie aus, zuerst ganz klein und unscheinbar. Nach und nach entwickeln sich die Reben - meterlang. Allmählich wird der ganze Weinberg grün. So bleibt es bis zum Herbst. Dann hängen an den Reben die Trauben; manchmal so viele, dass die Reben sie kaum tragen können. Sie warten auf die Ernte. Die reifen Trauben schmecken ganz unterschiedlich und wunderbar. Wachstum und Fülle, dafür steht der Weinstock schon seit alters her.

Jesus, der Weinstock

Wie gesagt: Jesus hat sich selber einmal mit einem Weinstock verglichen. Jesus sagt: So bin ich. Ich bin der Weinstock.  Das Neue Testament, das Johannesevangelium, überliefert folgende Worte Jesu: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.“  Und dann spricht Jesus über die Verbindung zwischen ihm selbst und denen, die an ihn glauben: „Bleibt in mir und ich in euch.  Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ (Johannes 15, 1-5).

Jesus, der Weinstock. Und ein Mensch, der an ihn glaubt, die Rebe.  Jesus sagt also: Ich bin die Verbindung zwischen Gott und Euch, die Verbindung, die Euch Kraft gibt; die Kraft zum Leben und Frucht bringen.

Die verborgene Kraft des Weinstocks

Im Frühling erstrecken sich die Reben meterweit vom Weinstock weg. Doch die Reben bleiben mit dem Weinstock verbunden, sie bleiben an ihm hängen. Das ist für sie lebenswichtig. Der Weinstock versorgt die Reben mit der Nahrung, mit dem Lebenssaft. Weil er eine kräftige, manchmal mehrere Meter lange Wurzel hat, die ganz tief bis zum Grundwasser reicht und den Weinstock mit allem Lebensnotwendigen versorgen kann. Und der wiederum gibt den Reben das, was sie brauchen um zu wachsen und zu gedeihen und um Frucht zu tragen. Es ist eine verborgene Kraft. Ich bin überzeugt, auch deshalb hat sich Jesus mit dem Weinstock verglichen. Verborgen, aber stark. Mehr dazu nach der Musik.

Musik

Im Winter ist der Weinstock wie ein totes Stück Holz

Die verborgene Kraft des Weinstocks wird mir zu anderen Jahreszeiten deutlich, im Spätherbst oder Winter. Dann sind die Weinstöcke ganz stark zurückgeschnitten worden. Man kann sich kaum vorstellen, dass sich aus so einem zurechtgestutzten Weinstock je wieder neues Leben entwickeln könnte. Unscheinbar, fast schon armselig steht er da, wie festgeklammert an einen Stock oder einen gespannten Draht, der ihm Halt vermitteln soll in den Winterstürmen. Er sieht aus wie ein totes Stück Holz.

Doch jetzt im Frühjahr zeigt sich die verborgene Kraft des Weinstocks. Sie liegt in seinen Wurzeln, die sich tief in den Boden graben können. Nur deshalb kann er sich selbst an Steilhängen und auf felsigem Boden behaupten. Gerade an den Steilhängen an Rhein und Mosel kann man das sehen. Fast auf dem nackten Fels wachsen Weinstöcke.

Jesus kam unscheinbar daher

Mit einem solchen Weinstock vergleicht sich Jesus selber. Wohl auch, weil er selbst so unscheinbar dahergekommen ist, wie ein Weinstock im Winter aussieht. Er war ja ein einfacher Mann, der mit ein paar Freunden von Ort zu Ort zog und den Menschen Geschichten von Gott erzählte. Auf den ersten Blick niemand Besonderes; niemand, der großen Eindruck macht. Und doch hat er Menschen angezogen. Sie waren fasziniert davon, wie er von Gott gesprochen hat.

Gottes Liebe steht über allem

Für Jesus war Gott der Inbegriff von Liebe. Und die stand für ihn über allem – auch über Geboten und Gesetzen. Damit forderte Jesus aber auch Widerspruch heraus, ja sogar Feindschaft. Und so wurde er zum Opfer von Ränke und Hass. Jesus ist am Kreuz gestorben. Christen glauben, dass er nicht im Tod geblieben ist. Jeder Sonntag erinnert daran, an jedem Sonntag feiern Christen, dass er lebendig ist und dass er Menschen Kraft zum Leben gibt – bis heute.

Jesus verfügt über eine ungeheure Kraft, die er weitergibt

Mit Jesus ist das offenbar wie mit dem Weinstock: Er mag vielen unscheinbar vorkommen – oder sogar als tot erscheinen. Aber er verfügt über ungeahnte Reserven in der Tiefe, die ihn mit ungeheurer Kraft versorgen und ihn zu Wachstum und Fülle führen. Eine Kraft, die er weitergibt.

Menschen, die ihm begegnet sind und sich auf ihn eingelassen haben, haben das bald gespürt: Da ist eine ganz besondere Kraft, die nicht aus Jesus selber kommt, sondern die von Gott herkommen muss. Eine Kraft, die auch nicht bei ihm selber bleiben will, sondern übergehen will auf andere. Eine Kraft, die Wachstum und Fülle bringt. Sie haben erlebt: Wie ein Weinstock wachsen und blühen muss, so muss auch Jesus Christus, der Weinstock, wachsen und blühen. Er kann gar nicht anders. Seine Energie treibt ihn dazu.

Gottes Kraft als Energiequelle

Wer sich auf ihn einlässt; wer auf seine Worte hört und sie sich zu Herzen nimmt; der spürt in dem, was Jesus Christus gesagt und getan hat, Gottes Kraft, der ist an diese Energiequelle angeschlossen. Oder, im Bild vom Weinstock ausgedrückt, der ist wie eine Rebe an einem Weinstock. Und der erlebt Wachstum und Fülle.
Wie erfährt man das? Wie bekommt man Anschluss an diese Energiequelle?

Musik

Die Jünger Jesu sind die Reben am Weinstock

Jesus vergleicht seine Jünger mit den Reben. Reben an Jesus, dem Weinstock – das sind Menschen, die sich an Jesus halten, sich nach ihm ausrichten, auf seine Worte hören und sie sich zu Herzen nehmen.

Reben kommen aus dem Weinstock. Und die Früchte, die sie tragen, kommen aus der Kraft des Weinstocks. Denn die Reben sind nichts und können nichts ohne den Weinstock selber. Aus ihm heraus beziehen sie ihre Kraft, das Wasser, die Nährstoffe, damit sie treiben, wachsen, blühen und gedeihen und Früchte tragen können. Das Geheimnis ihres Wachstums liegt in ihrer Verbindung zum Weinstock.  Schneidet man eine Rebe ab, so verdorrt sie. Nur wenn sie am Weinstock bleibt, kann sie leben und wachsen.

Nicht lockerlassen

Dranbleiben – darauf kommt es also an. Nicht loslassen. Nicht lockerlassen. Dranbleiben an dieser Kraftquelle. Alles andere wäre widersinnig, wäre eine unmögliche Möglichkeit.  Keine Rebe kann sich entschließen und sagen: Ab heute versuche ich’s mal ohne Weinstock. Sie würde austrocknen, weil sie vom Weinstock keinen Lebenssaft mehr bekäme. Undenkbar, unmöglich!
Genau so ist das Dranbleiben an Jesus Christus für Christen das ganz Natürliche.  Es versteht sich sozusagen von selbst.

Es gibt viele Wege, um an dieser Kraftquelle zu bleiben

Und es kommt auch von selbst – so wie eine Rebe am Weinstock dranbleibt.
Dieses Dranbleiben geschieht oft in ganz kleinen Gesten. Manche halten eine Zeit lang inne, wenn sie Glocken läuten hören, und sind ganz einfach still oder sprechen ein Gebet – vielleicht das Vater Unser, das von Jesus stammt. Andere gehen gern in eine geöffnete Kirche und lassen diesen besonderen Raum auf sich wirken; betrachten vielleicht die Bilder, die zu sehen sind; oder tauchen ganz einfach ein in die Atmosphäre.

Anderen helfen

Viele sind einfach im Alltag aufmerksam für andere und das, was sie brauchen – und rufen ganz einfach an oder fragen: Wie geht es dir? – und haben ein offenes Ohr für die Antwort. Oder sie erledigen Einkäufe und Besorgungen für die, die das jetzt nicht selber tun können oder dürfen.

Ein Bibelvers, der einen begleitet

Manche haben vielleicht ein Bibelvers, einen Satz von Jesus, der sie eine Zeitlang begleitet – oder sogar ein Leben lang. Ein Wort, ein Gedanke, eine Geschichte, die ihnen Mut macht und Orientierung gibt; oder die sie tröstet und stärkt. Und andere lesen regelmäßig in der Bibel. Dranbleiben an den Worten Jesu– sie mitnehmen in den Alltag, in mein Denken und Handeln; vertrauen auf die Liebe Gottes, die er zusagt.

Christliche Gemeinschaft erleben, trotz Corona

Manche spüren gerade jetzt, dass auch das ihnen wichtig ist:  Dranbleiben an der Gemeinschaft der Menschen, die den Namen Jesu Christi tragen, an der Gemeinschaft der Christen. Auch wenn das jetzt besonders schwierig ist in Zeiten von Corona, weil Menschen diese Gemeinschaft nicht direkt erleben können. Aber auch Rundfunksendungen, Gottesdienste im Fernsehen oder im Internet sind Möglichkeiten, Gemeinschaft zu erleben. Oder das Vater Unser abends beim Glockenläuten – wenn man weiß: Viele, die ich jetzt nicht sehen kann, beten jetzt auch.

Im Bild vom Weinstock und seinen Reben heißt es: Wer in ihm bleibt, der bringt viel Frucht. In ihm werden die geheimen Kräfte wirksam, der wird Trauben und Beeren, die Hülle, die Fülle tragen.

Ein Weinstock trägt immer Früchte - mal mehr, mal weniger

Aus den Früchten des Weinstocks wird seit alters her Wein hergestellt. Und beim Wein ist nicht jeder Jahrgang gleich. Der Winzer, bei dem ich immer wieder Wein kaufe, kann etwas davon erzählen. Und ich selber schmecke es auch – vom selben Weinberg schmeckt der Wein nicht in einem Jahr so wie im anderen.  Mancher Jahrgang bringt viele Trauben bei geringer Qualität, mancher wenige bei bester Güte, und bei wieder anderen stimmt dann auch mal beides. Aber dass ein solcher Weinstock keine Frucht bringt, das gibt’s nicht.

So sagt Jesus es auch: „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Jesus Christus, der Weinstock, als Verbindung zu Gott, gibt Kraft zum Leben.

Zusammenhalten und Zusammenbleiben

Zusammenhalten. Zusammenbleiben. Es geht dabei nicht nur um allgemeine Lebenskraft für mein eigenes Leben. Es geht um die Kraft zum Zusammenhalten. Es geht um die Kraft zu lieben. Nachdem Jesus das Bild vom Weinstock vor Augen stellt, sagt er das ganz klar. Er nennt das sein Gebot: „Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie euch liebe." Doch jetzt stellt sich die Frage, woher die Kraft dazu kommt.

Musik

Woher kommt die Kraft zu lieben?

Woher die Kraft zum Lieben nehmen? Eigentlich sollte es ja einfach sein: Einen anderen Menschen zu lieben – das ist schön und erfüllend. Gott sei Dank haben das viele erfahren. Z.B. den Partner oder die Partnerin, einen Freund oder eine Freundin, die Kinder oder Enkelkinder – oder auch die Eltern und Großeltern. Aber wer die Erfahrung von Liebe gemacht hat, der weiß auch, dass die Liebe zu einem anderen Menschen manchmal Schwerstarbeit sein kann.

Jemanden zu lieben, kann Schwerstarbeit sein

Die guten Seiten zu sehen, obwohl er mir mit manchen Angewohnheiten und Ansichten auf die Nerven geht und mir widerspricht, obwohl sie in ihrem Verhalten manchmal ganz und gar nicht liebenswürdig ist. Einander zu lieben, das kann ganz schön schwer sein. Und ich mache es selbst anderen schwer und sie mir.  

Und doch brauchen und sehnen sich danach viele: geliebt zu werden und selber zu lieben. Ohne Liebe kann und will kaum jemand leben.
Woher also die Kraft nehmen, andere Menschen zu lieben? Woher die Kraft nehmen, diese Liebe im Alltag anderen Menschen gegenüber zu leben?

Jesus fordert die Liebe zu allen Mitmenschen

Woher die Kraft nehmen, die Liebe nicht nur denen gegenüber zu leben, die zur Familie und zum Freundeskreis gehören? Schon da fällt es manchmal schwer genug. Noch mehr gegenüber anderen Menschen, denen wir vielleicht nicht persönlich zugetan sind, die wir vielleicht nicht einmal sympathisch finden, die es uns vielleicht sogar ganz besonders schwer machen. Die sind aber auch gemeint, wenn Jesus Liebe zu den Mitmenschen geboten hat: die Arbeitskolleginnen oder Schulkameraden, die Vorgesetzten oder Lehrer oder Ausbilderinnen, die Nachbarn.

Meine Erfahrung ist: Wer die Kraft zur Liebe aus sich selbst heraus schöpfen will, der wird schnell ermüden, dem werden die Hände und Füße schwer werden, dem wird das Lächeln im Gesicht erfrieren oder ganz verlöschen.

Jesus will die Quelle sein, für die Kraft zu lieben

Jesus hat gesagt: „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Er will die Quelle sein, aus der die Kraft zum Leben und zur Liebe zuströmt. Aus dieser Quelle bekommen Christen einen langen Atem, die nötige Geduld, die Hartnäckigkeit, die Ruhe und Gelassenheit. Auch den Blick fürs Kleine.

Was zählt ist das Alltägliche

Denn was wirklich zum Leben hilft, was das Leben und Miteinander-Leben erleichtert und auch schön macht, das sind ja meist gar nicht, um zum Bild vom Weinstock zurückzukehren, die Früchte mit besonders viel Süße, die dann Superjahrgänge oder Jahrhundertweine ergeben. Sondern das ist der ganz normale Tischwein, der gar nichts Besonderes ist – und doch gut schmeckt und ein Essen abrundet. Was wirklich zum Leben hilft, was das Leben und Miteinander-Leben erleichtert und auch schön macht, das ist oft genau das Alltägliche, was wir zustande bringen mit unserer kleinen Kraft und wozu wir in der Lage sind.

Geduld und einen langen Abend haben

Hinhören, zuhören, aufmerksam bleiben füreinander; mittragen, was andere belastet; ganz einfach da sein; Geduld und einen langen Atem haben; zu verstehen versuchen; barmherzig sein und bereit zur Vergebung - und dabei doch auch konsequent und klar und eindeutig; und immer wieder ein Mensch sein und werden für die, die mit mir, neben mit – und gegen mich sind. Zusammenhalten. Zusammenbleiben.

Wo einer dem anderen ein heilsamer Mitmensch wird, da nimmt Christus Gestalt an. Da kann man die Frucht des Weinstocks sehen und schmecken, und Leben blüht auf.

Musik

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