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Vom Baum lernen
Bild: Peter H./Pixabay

Vom Baum lernen

Helmut Wöllenstein
Ein Beitrag von

Helmut Wöllenstein,

Evangelischer Propst, Sprengel Marburg
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Vom Baum lernen, jeden Tag neu. Diese Zeile aus einem Gedicht spricht mich sofort an. Ich bin nämlich ein Baum-Fan. Am Waldrand geboren, wo man 50 Kilometer wandern kann, ohne den Wald zu verlassen, da bin ich bis heute sofort zu Hause.
Was kann ich lernen vom Baum? Zuerst: Es ist gut am Wasser zu stehen. Die Bäume am Wasser haben Kraft. Ich muss also wissen, woher meine Energie kommt. Die Bibel sagt: Leute, die ihr Vertrauen auf Gott setzen, sind wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, sie bringen Frucht und ihre Blätter welken nicht. (nach Ps1) Das lerne ich vom Baum. Auch, dass es kein Zufall ist, ob er Kontakt zum Wasser hat. Er muss etwas dafür tun. Wurzeln in die Erde treiben, nicht nur an der Oberfläche, wo es locker ist. Er muss sich in die Felsspalten bohren zum Grundwasser hin. Das ist anstrengend, aber lohnt sich. Es gibt mir Kraft.

Eine zweite Beobachtung: Der Apfelbaum in Nachbars Garten. Ein echt eigensinniger Typ. Fast jedes Jahr hängt er voll Äpfel und immer sind es zu viele. Werden die Äpfel dick und schwer, brechen Äste ab. Aber er lernt es nie. Und genau davon lerne ich etwas: Übernimm dich nicht, sagt mir der Apfelbaum, sei nicht so dumm wie ich. Es ist gut, etwas hervorzubringen, viele Ideen zu haben. Aber sie müssen nicht alle zugleich reif werden. Das zerreißt dich. Lieber eins nach dem andern. Also pass gut auf, wo du deine Kräfte investierst. Hör auf Gottes Stimme, was jetzt deine Aufgabe ist.

Das dritte habe ich im Urlaub von einem Baum gelernt. Beim Wandern in den Bergen sehe ich einen uralten Baumstumpf: riesengroß – und rotte faul. Ein toter Baum. Und trotzdem voller Leben. Überall sieht man es krabbeln, kriechen, nagen und bohren. Ameisen, Würmer, Käfer – ein phantastischer Lebensraum. Doch nicht nur nach innen ist es lebendig, auch nach außen. Lauter kleine Bäumchen wachsen da aus dem Stumpf heraus. Lauter kleine Tannen. Da kommen mir fast die Tränen. Die wertvollen Stoffe, die dieser mächtige alte Baum selbst einmal gesammelt hat, gibt er nun weiter an andere. Wo es mir gelingt, der nächsten Generation zu geben, was mir gegeben wurde, hat mein Leben Sinn.

Vom Baum lernen, schreibt Dorothee Sölle,
der jeden tag neu
sommers und winters
nichts erklärt
niemanden überzeugt
nichts herstellt

Einmal werden die bäume die lehrer sein
das wasser wird trinkbar
und das lob leise
wie der wind an einem septembermorgen

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