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Brexit - Tee und Gebete im Tower von London
Ana Gic/Picabay

Brexit - Tee und Gebete im Tower von London

Heidrun Dörken
Ein Beitrag von

Heidrun Dörken,

Evangelische Pfarrerin, Senderbeauftragte für den Hessischen Rundfunk
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„Du wirst im Tower von London übernachten!“ Dieser Satz hätte einen bis vor rund achtzig Jahren in Angst und Schrecken versetzen können. Der Londoner Tower am Ufer der Themse, diese fast tausend Jahre alte Festung, dient nicht nur als Burg und Palast, als Hort für die Kronjuwelen der Könige und Königinnen bis zu Elisabeth der Zweiten heute. Der Tower war auch Gefängnis und Hinrichtungsstätte. 

Gottesdienste im Tower

„Du wirst im Tower von London übernachten!“ Mich hat das vor ein paar Wochen glücklich gemacht. Ich durfte zu Gast sein im Pfarrhaus des Towers. Dort lebt der Pfarrer des Towers mit seiner Familie. Er hält Gottesdienste an den beiden ehrwürdigen Kirchen dort und ist Seelsorger für die Hunderten von Frauen und Männern, die im Tower arbeiten. Mein Aufenthalt  war ein besonderer Freundschaftsdienst durch die Partnerschaft zwischen englischer und deutscher Kirche. Doch kann jeder nicht nur als Tourist den Tower besuchen. An vielen Sonn- und  Feiertagen kann man dort Gottesdienst und Abendmahl mitfeiern und die englischen Kirchenlieder hören und mitsingen, die ich wundervoll finde.

In Zeiten des Brexit sind Gespräche und Gebete wichtig

Gerade jetzt sind Besuche, Gespräche und Gebete wichtig. Zwischen Briten und anderen Europäern. Aber auch innerhalb Großbritanniens, wo der Riss durch viele Familien geht, was den Brexit betrifft. In England haben mir öfters Leute gesagt: Gerade jetzt bedeutet es viel, wenn es zwischen uns mehr gibt als Tauziehen in der Politik.

Der christliche Glaube hilft bei der Völkerverständigung

Europa besteht nicht nur im Austausch von Waren, Geld und Technik. Zur Seele Europas gehört, dass sich seine Bürger verständigen, auch wenn sie verschieden sind. Da leistet der christliche Glaube einen Beitrag. Die Christen selbst haben in der Ökumene mühsam, aber inzwischen oft erfolgreich gelernt: Man kann Gutes zusammen machen, wenn im Mittelpunkt steht, was wir gemeinsam haben - und gleichzeitig Platz ist für unsere Unterschiede.

Diese Netzwerke zwischen Kirchengemeinden diesseits und jenseits des Ärmelkanals tragen jetzt, wo andere Fäden zu reißen drohen. Über Länder hinweg gibt es Partnerschaften, so ähnlich wie die Idee der Partnerstädte.

Partnerschaften zwischen Kirchengemeinden

Kirchengemeinden besuchen sich gegenseitig, fördern zusammen soziale Projekte oder nehmen junge Freiwillige für eine Zeit auf. Allein schon herzliche Gespräche sind kostbar, ich habe es gerade erst bei meinem Aufenthalt in England erlebt. Nach den meisten englischen Gottesdiensten sind die Tasse Tee oder Kaffee und ein bisschen Reden selbstverständlich. Immer wird man liebenswürdig dazu eingeladen. Eine Frau hörte, dass ich aus Frankfurt komme, das sie mal besucht hatte. Sie hat beim Abschied meine Hand genommen und gesagt: „Ist es nicht wunderbar? Jesus Christus bringt uns zusammen und hält uns zusammen.“

Tee- und Gebete-Meetings für eine gute Zukunft

Dass das auch innerhalb Britanniens so bleibt, ist das Ziel vieler Gemeinden. Sie organisieren sogenannte Tee- und Gebete-Meetings. Das gemeinsame Lesen in der Bibel gibt Impulse, ins Gespräch zu kommen. Auch darüber, welche Auswirkungen der Brexit hat in der Familie oder im Freundeskreis. Man fragt sich: Was können wir als Christen beitragen für eine sozial gerechte Gesellschaft, für eine gute Zukunft für die nächsten Generationen?

Ich habe im Tower von London und an anderen Orten Menschen getroffen, die daran arbeiten. Ich habe ein Gebet mitgesprochen, das in England in vielen Gottesdiensten zu hören ist. Es geht so:

Gott, du schenkst Hoffnung in diesen Zeiten, in denen sich viel verändert. Bring uns zusammen und leite die, die regieren, mit deiner Weisheit. Gib uns Mut, unsere Ängste zu überwinden. Hilf uns, eine Zukunft zu gestalten, in der alle gedeihen und alle teilen können.

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