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Pläne machen und durch den Dschungel kommen
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Pläne machen und durch den Dschungel kommen

Stephanie Rieth
Ein Beitrag von

Stephanie Rieth,

Katholische Pastoralreferentin, Generalvikariat Mainz
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„It’s a jungle out there“, das ist der Titelsong von Monk, einer meiner Lieblingsserien von früher. Monk erzählt die Geschichte von dem furchtbar neurotischen, aber ungemein liebenswerten Privatdetektiv Adrian Monk. Und der Song beschreibt, wie es Adrian Monk geht: „Da ist ein Dschungel da draußen, nur Chaos und Unordnung. Und niemand scheint das zu stören, nur mich.“ Das passt zu ihm. Monk arbeitet für die Polizei und löst jeden noch so schwierigen Fall. Er ist hoch begabt im Beobachten und Kombinieren von Indizien und Tathergängen. Ihm fallen Dinge auf, über die sonst jeder hinwegsieht. Er erkennt das System und den Fehler im System. Im Gegenzug dazu leidet er jedoch unter einer sehr ausgeprägten zwanghaften Persönlichkeitsstruktur. Alles muss seine Ordnung haben, und wenn nicht, dann entsteht Chaos für ihn, und die Welt wird zum Dschungel. Er achtet pedantisch genau auf Sauberkeit. Und falls es doch mal unvermeidbar ist, eine Türklinke anzufassen, dann hat er immer ein Tuch griffbereit. Komisch wirkt das oft. Es bringt einen zum Lachen, macht aber auch sehr nachdenklich. Monks Leben ist verplant, minutengenau, und er leidet unsagbar darunter, wenn es plötzlich anders läuft, und das tut es meistens, davon lebt die Serie.

Mehr PLANEN als möglich

Wenn man Monk so zusieht, bekommt man Mitleid, mir geht es jedenfalls so. Er ist das Paradebeispiel für einen unfreien Menschen. Alles an ihm hängt entweder in der Vergangenheit fest oder ist auf die Zukunft hin verplant. Da ist kein Spielraum für Zufälle.

Natürlich ist Monk eine ganz extreme Gestalt. Aber wenn ich genau hinschaue: ein bisschen von ihm kann ich auch bei mir erkennen. Ich bin auch so ein Typ Mensch, der gerne mehr plant, als eigentlich möglich ist. Dabei hat mich das letzte Jahr eines Besseren belehrt. Niemals hätte ich vor einem Jahr gedacht, was da auf uns zukommt.

Die Wege durch den "Dschungel"

Wie viele andere, nein, eigentlich wie alle anderen habe ich erlebt: Alle Pläne und Vorhaben, die ich gemacht habe, wurden durch ein Virus über den Haufen geworfen, zunichtegemacht, außer Kraft gesetzt. Spätestens ab März stand erst einmal nur noch ein Thema auf der Tagesordnung: Wie bekommen wir die Corona-Pandemie bewältigt – zu Hause und auf der Arbeit. Das hat sich auch zeitweise chaotisch angefühlt, nach Dschungel eben. Und es hat mir auch manchmal Angst gemacht. Unser Leben ist schon ganz schön gefährdet. Andererseits sind wir Menschen dann auch wieder ungeheuer kreativ und finden Lösungen, Alternativen und Strategien, die wir ohne die Not nie entdeckt hätten. Wege durch den Dschungel sozusagen.

Musik

Wir schaffen die Kehrtwende

Lösungen finden, Alternativen und Strategien entwickeln, die uns durch das Leben helfen, auch wenn es sich manchmal wie ein undurchdringlicher, gefährlicher Dschungel anfühlt - das war wie ein roter Faden im vergangenen Jahr, und ich habe ganz schön viel dazu gelernt - fürs Leben: Verlass dich nicht aufs Plänemachen. Stattdessen: Finde dich zurecht mit Homeschooling und Homeoffice, Landesverordnungen und Abstandsregeln. Ich durfte erleben: Gottesdienste gehen auch virtuell, und manches Onlinetreffen war konzentrierter und effektiver als eine Konferenz in Präsenz. Urlaub zu Hause kann richtig schön sein, und Maskentragen tut nicht weh. Und wenn wir den ersten Lockdown geschafft haben, schaffen wir auch den zweiten. Durchhalten, die ermutigen und unterstützen, die es schwer damit haben, und darauf hoffen: Wir schaffen die Kehrtwende, und die Impfungen werden künftig gefährdete Menschen vor schweren Verläufen schützen können.

Es kommt immer anders....

Aber das mit Abstand Wichtigste, das ich gelernt habe, ist: Rechne immer damit, dass es anders kommt. Oder positiv formuliert: Lass dich vom Leben überraschen.

Vielleicht ist das eine hilfreiche Sichtweise auf das noch neue Jahr: weniger Pläne, dafür mehr Überraschung und mehr Geschenk. Weniger an der Vergangenheit messen, weniger auf die Zukunft hin festlegen, dafür mehr Leben in der Gegenwart.

In einem modernen Kirchenlied, das mir sehr gut gefällt, heißt es: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Gemeint sind Gottes Hände. Wenn ich das glauben kann, dann ist diese Erkenntnis eigentlich total entlastend. Mir vermittelt das Lied: Mensch, mach dir nicht zu viele Sorgen. Erstens kannst du sowieso nicht alles beeinflussen oder ändern, was auf dich zukommt. Manchmal ist da einfach ein Dschungel da draußen. Und zweitens: Da ist jemand, der sich um dich sorgt, der deine Zeit in seinen Händen hält. Das klingt für mich behutsam, liebevoll und vorsichtig. Ich brauche keine Angst zu haben, dass meine Zeit vergeudet wird. Meine Zeit ist in guten Händen, sie ist wichtig und von Bedeutung.

Gott hilft das CHAOS zu ordnen

Und so heißt es in dem Lied weiter: „Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir. Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden. Gib mir ein festes Herz, mach es fest in dir.“ Das ist mehr für mich als der Spruch: „Ach, das wird schon!“ Es ist eher eine Zusage für mich: Egal, was auf dich zukommt, an Schwerem oder Schönem, Gott wird dein Leben, deine Zeit in seinen Händen halten. Sicher, es wird wahrscheinlich nicht alles nach Plan und glatt laufen, aber das Lied vermittelt mir das Gefühl: Gott steht dir bei, du wirst nicht alleine sein und du wirst die Kraft haben, alles zu überstehen, und er wird dir helfen, das Chaos zu ordnen.

Musik

Das Chaos ordnen, den Dschungel lichten, das hat im vergangenen Jahr oft zu meinen Aufgaben gehört. Wir mussten auch in der Kirche all die Regeln und Vorgaben in der Corona-Pandemie für unsere Arbeit und unsere Gemeinden übersetzen: Was bedeutet das für uns als Kirche, was bedeutet das für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die haupt- und ehrenamtlichen? Wie schützen wir die Menschen, die uns anvertraut sind? Was dürfen wir, was müssen wir lassen? Was ist möglich und was ist klug? Da war oft Chaos und Dschungel, aber ich durfte mit ganz wunderbaren Menschen zusammenarbeiten, die mit ihren Talenten und Sichtweisen Ordnung ins Chaos gebracht haben und Licht in den Dschungel.

GEMEINSAM Entscheidungen treffen

Immer wieder haben wir uns getroffen, beraten und gemeinsam dieser Aufgabe gestellt. Da ist einer, der immer gerne ganz systematisch vorgeht und möglichst alles in einem Verfahren beschreibt. Ein bisschen erinnert er mich an Adrian Monk: Akkurat und penibel und manchmal eine Herausforderung für meine Ungeduld, aber mindestens genauso liebenswert. Ohne ihn hätten wir manches Mal den Blick für die nötigen Strukturen verloren. Ein anderer bringt sich mit seinem Erfahrungswissen und seinen Kontakten ein, ein dritter denkt mit, wie wir das alles nach draußen kommunizieren. Und dann ist da der Kollege, der zuhört und beobachtet und die Perspektive entdeckt, die noch fehlt. Mittendrin dann noch der, der das große Ganze im Blick hat, der hinhört und abwägt, der steuert, der uns traut und sich traut und die Verantwortung übernimmt. So konnten wir gemeinsam die nötigen Entscheidungen treffen, die sicher nicht immer nur richtig waren, aber die besten, die wir treffen konnten.

Gib uns ein festes Herz

Diese Gemeinschaft hätte ich ohne die Coronakrise so nicht erfahren. Ich bin dankbar dafür. Und diese Erfahrung macht mich zuversichtlich für das neue Jahr.

Mit Menschen an meiner Seite, kann ich das bewältigen, was da kommt. Es ist so wichtig, zusammenzuhalten und uns gegenseitig helfen: Auch im neuen Jahr gilt das.

Das Lied, das ich schon zitiert habe, ist eigentlich ein Gebet an Gott – für mich ist es auch ein Wunsch fürs neue Jahr: „Meine Zeit steht in deinen Händen. Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir. Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden. Gib mir ein festes Herz, mach es fest in dir.“ So ein festes Herz: Das wünsche ich mir und meinen Lieben, aber besonders den Menschen, die unter der jetzigen Situation leiden.

Und wenn es wieder einmal hektisch wird, neues Chaos droht, und da draußen ein Dschungel ist, dann hilft es mir, mich an das vergangene Jahr zu erinnern. An das, was wir zusammen schon geschafft haben. Ich weiß: Ich komme schon irgendwie durch diesen Dschungel, mit Gottes Hilfe und mit der Hilfe anderer Menschen. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen ein gutes und gesundes Jahr 2021.

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