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Ostbewusstsein - Westbewusstsein
Fokusiert/GettyImages

Ostbewusstsein - Westbewusstsein

Ein Beitrag von

Sabine Müller-Langsdorf,

Evangelische Pfarrerin, Zentrum Oekumene, Frankfurt
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30 Jahre ist mein ältester Sohn. Er gehört zur „Generation Einheitskinder“. In seinem Schulatlas gab es die Berliner Mauer und den Grenzstreifen durch Deutschland nur noch als historische Karte. Mein Einheits-Sohn lebt heute in Dresden. Wenn ich ihn besuche und ab und an sage: „Früher hat es hier so anders gerochen“, dann schaut er mich verständnislos an.

Vorurteile sind gegenwärtig

Die Freundin meines Sohns kommt aus Dresden. Als sie uns das erste Mal besuchte, waren mein Mann und ich ungewöhnlich unsicher. Würden wir wie  typisch Wessi wirken: Besserwisserisch, zu schnell, oberflächlich. Zugleich flüsterte eine innere Stimme in uns ständig: Dresden -  Pegida – AfD. Und: Oje, der Dialekt. Die Vorurteile in unseren Köpfen waren deutlich.

Kennenlernen hilft gegen Vorurteile

Mit dem Kennenlernen der jungen Frau flogen sie davon. Je mehr wir miteinander vertraut wurden, umso spannender war das Erzählen. Die kleinen Erinnerungen an die Kindheit. Mein Sohn zu uns: „Ihr habt Grönemeyer hoch und runter gedudelt.“ Seine Freundin: „Bei meinen Eltern war es die Band Keimzeit.

„Chaos“ oder „Kling Klang“, Pippi Langstrumpf oder Alfons Zitterbacke. Dann kam Harry Potter, den lasen beide. Manche Worte bleiben verschieden: Plaste und Plastik, Polylux und Overheadprojektor. Wobei den kaum jemand noch braucht, ob in Ost oder West.

"Wo noch nicht alles da ist, kann auch mehr Neues entstehen.“

Dann schauen sich mein Sohn und seine Freundin an und finden: „Was soll‘s. In Dresden lebt sich‘s irgendwie entspannter als in Frankfurt. Es ist mehr Platz. Die Uni neu. Und wo noch nicht alles da ist, kann auch mehr Neues entstehen.“

Platz für Neues, Frei-Raum, zum Leben, zum Denken. Beide Teile Deutschlands waren 40 Jahre getrennt und sind seit 30 Jahren wieder vereint. Die Generation Einheitskinder kann vielleicht entspannter als meine „Generation Mauer“ auf die geteilte und vereinte Geschichte blicken.

Die alten Grenzen lassen sich nach wie vor nachziehen

An vielen ökonomischen, sozialen und politischen Daten lassen sich die alten Grenzen nach wie vor nachziehen. Geld, Dax-Unternehmen, Spitzenpositionen? Nach wie vor im Westen. Abwanderung? Umzüge im eigenen Land? Eindeutig von Ost nach West. Das heißt etwas für die Zukunftsträume von Menschen. Und ist politisch relevant, wenn man an das Geschäft mit den Ängsten und an populistische Wahlerfolge denkt.

Gemeinsam und mit verschiedenen Lebensaltern nachfragen, ist wichtig

Frei-Raum, zum Erinnern, Fragen, Hoffen. Wichtig ist es, gemeinsam und mit verschiedenen Lebensaltern zu fragen: Wie sind wir aufgewachsen? Was ist uns wichtig im Leben? Warum bleiben Unterschiede? Worauf hoffen wir? Ohne das Teilen der Verluste, das Aussprechen der Unsicherheiten und der Kränkungen wird es keine versöhnte Einheit geben.

Kirchen könnten gute Orte für einen Austausch sein. Sie haben schon einmal runde Tische geboten und mit an ihnen gesessen. Politisch Verantwortung übernommen. Das bleibt am 30. Jahrestag der Wiedervereinigung eine Aufgabe aller Generationen: ob sie Mauer- oder Einheitskinder heißen.

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