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"Nicht lügen? Das geht überhaupt nicht!"
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"Nicht lügen? Das geht überhaupt nicht!"

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt
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Die Fastenaktion der evangelischen Kirche heißt dieses Jahr: „Mal ehrlich! 7 Wochen ohne Lügen.“ Eine Freundin sagt zu mir: „Das geht überhaupt nicht. Man kann nicht jedem die Wahrheit ins Gesicht sagen. Das kann sehr verletzen. Dann schweigt man lieber.“

Stimmt schon. Ich muss dem anderen nicht jede Wahrheit wie einen nassen Waschlappen ins Gesicht klatschen. Aber wo hört Verschweigen auf - und wo fängt Lügen an?

Zum Beispiel, wenn mir beim Abtrocknen eine Kaffeetasse auf den Boden fällt. Überall Scherben. Ausgerechnet eine Tasse von diesem Geschirr. Das ist meinem Mann heilig, weil es noch von seinen Großeltern stammt. Und ich male mir seine Reaktion aus. Er wird sagen: „Was bist du so ungeschickt!“

Schlimmer wird es sein zu sehen, was ihm der Verlust ausmacht. Ein Stück aus seiner Kindheit ist zerbrochen. Merkt er es überhaupt, wenn ich die Scherben unauffällig zusammenkehre und entsorge? Es sind noch genügend andere Tassen da. Ich weiß, das ist kindisch. Aber ich will mich auch als Erwachsener mal drücken dürfen. Ich lüge ja nicht. Ich erspare ihm bloß eine Wahrheit, die ihm wehtun würde.

Ich fliege natürlich auf mit der Nummer. Erstaunlicherweise macht er mir keine Vorwürfe. Er sagt nur: „Ach so, du hast dich nicht getraut, es mir zu sagen.“ Stimmt. Für die Wahrheit braucht man Mut. Das Verschweigen ist erst mal bequemer. Aber je länger es währt, desto mehr rumort es in einem. Und desto schlimmer kann es werden, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Beim nächsten Mal fasse ich mir lieber gleich ein Herz. 

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